Schuld an den aktuell steigenden Masern-Ausbrüchen sei die grassierende Impfskepsis. Sie führe dazu, dass immer mehr nicht geimpfte Menschen zum Risiko für die Gesellschaft würden. Das sagt die Weltgesundheitsorganisation WHO. In der Schweiz sieht das die oberste Gesundheitsbehörde, das Bundesamt für Gesundheit BAG, anders.

Hierzulande gingen zwei Drittel der Masern-Ansteckungen auf das Konto von Leuten im Erwachsenenalter. Sie hätten vergessen, dass sie sich impfen lassen sollten, und gingen ohne genügenden Impfschutz zum Beispiel auf Reisen. Das sagte Daniel Koch, Chefbeamter bei der Gesundheitsbehörde, vor kurzem in der Sendung «Rundschau» des Schweizer Fernsehens.

Vor den Aussagen des Chefbeamten Koch strahlte die «Rundschau» einen kritischen Bericht über Impfskeptiker in der Schweiz aus, die ihre Kinder nicht gegen die um sich greifenden Masern impfen. Der Beitrag ist sinnbildlich für die Masern- und Impfdebatte, wie sie zurzeit geführt wird. Dass Masern gefährlich sind, zeigen zwei Todesfälle eindrücklich, die diese Woche bekannt geworden sind. Sie nähren den Streit zwischen Impfgegnern und Impfbefürwortern, der heftig ausgetragen wird.

Nun aber sagt die Gesundheitsbehörde des Bundes, Impfskepsis sei gar nicht das grösste Problem, sondern die Unwissenheit und die Nachlässigkeit. Sind die Impfskeptiker etwa die falschen Sündenböcke?

Nachfrage beim Bundesamt für Gesundheit: Wie kommt es zu seiner Einschätzung? Mark Witschi, Chef der Sektion Impfempfehlungen und Bekämpfungsmassnahmen, ruft zurück. Er bestätigt die Aussage seines Chefs. Sie beruhe auf einer Schätzung und zwei Statistiken: den aktuellen Ansteckungsfällen nach Altersgruppen und den Durchimpfungsraten bei Kindern vor einigen Jahren. «Bei den heute 20- bis 40-Jährigen vermuten wir zum Beispiel heute noch Impflücken, die in der Vergangenheit entstanden sind. Sie wurden als Kinder zum Teil gar nicht oder mit einer einzigen Impfdosis nur ungenügend geimpft. Viele von ihnen haben das im Erwachsenenalter nicht nachgeholt.»

Kein Thema beim Hausarzt

Das Problem liegt hier: Bis zum Erwachsenenalter liegt der Entscheid über eine Impfung bei den Eltern. Obwohl die Schweiz wie die meisten europäischen Länder keine Impfpflicht kennt, sind Impfungen anlässlich von Besuchen beim Kinderarzt oder Schularzt immer wieder Thema. Als junger Erwachsener dann ist Impfen nicht mehr zentral.

Witschi von der Gesundheitsbehörde war früher praktizierender Arzt und weiss: «Junge Erwachsene gehen vielleicht mal wegen einer Wunde zum Arzt. Die Wunde wird versorgt und der Arzt klärt ab, ob der Patient gegen Wund-Starrkrampf geimpft ist. Fehlt ein Impfnachweis, dann wird die Impfung nachgeholt, damit hat es sich aber meist. Für eine komplette Impfberatung fehlt in dieser Situation oft die Zeit.»

Ein Fehler. Denn mit der systematischen Thematisierung beim Hausarzt könnten die grossen Impflücken der Vergangenheit geortet und geschlossen werden, so Witschi. Ihren ungenügenden Impfschutz bemerken Erwachsene typischerweise in Situationen wie diesen: Sie planen eine Reise in ein exotisches Land und besuchen vorher eine Impfberatung. Oder sie werden Eltern und bekommen vom Frauenarzt oder der Hebamme den Ratschlag, sich gegen Keuchhusten zu impfen, um das Neugeborene nicht einem Ansteckungsrisiko auszusetzen.

Ansonsten, so Witschi, fielen Erwachsene meist zwischen Stuhl und Bank, wenn sie in ihrer Kindheit ungenügend geimpft worden sind. «Erwachsene messen dem Thema Impfen üblicherweise schlicht keine Bedeutung zu.»

Was also liesse sich tun? Impfen unterliegt in der Schweiz dem Prinzip der Eigenverantwortung. Doch sie greift nicht. Wie der Bund sagt, setzen viele Erwachsene sich, ihre Kinder und die Schwächsten der Gesellschaft einem erhöhten Risiko aus. Neugeborene oder immungeschwächte Menschen etwa können gar nicht geimpft werden. Das Ziel der Durchimpfungsrate liegt denn auch bei 95 und nicht bei 100 Prozent.

Unbekannter E-Impfausweis

Patienten erhalten alljährlich eine Erinnerung, es sei an der Zeit für die Dentalhygiene. Kein Aufgebot gibt es dagegen vom Arzt zum Impfen. Dabei besteht bereits eine Möglichkeit. Mit dem elektronischen Impfdossier hält man bequem seinen ganz persönlichen Impf-Status unter Kontrolle. Es ist der bevorzugte Weg des Bundesamts für Gesundheit.

Seit Jahren versucht der Bund, den elektronischen Impfausweis den Menschen schmackhaft zu machen. Der Erfolg ist beschränkt. 250 000 Menschen in der Schweiz haben laut Bund ein solches E-Dossier zu Impfungen angelegt. Das entspricht gerade einmal 3 Prozent der Gesamtbevölkerung.

Das Masernvirus überlebt in der Schweiz also nicht nur wegen der Impfgegner, die mit Falschaussagen operieren. Auch unsere Nachlässigkeit und Vergesslichkeit steht einer Ausrottung im Weg. Es handelt sich um kollektives Versagen: Die Menschen schenken dem Impfen keine Aufmerksamkeit.

Der Bund informiert zwar, die Oberhand in der Informationsschlacht im Internet haben aber die Impfgegner. Und auch das elektronische Impfdossier schafft es nicht ins Bewusstsein der Leute. Aufholbedarf gibt es zudem bei den Ärzten. Zu wenige Hausärzte etwa machen ihre Patienten aufs Impfen aufmerksam.

Und so liegt der bequeme Ausweg aller Beteiligten darin, mit dem Finger auf die Impfgegner zu zeigen. Der «Rundschau»-Bericht von letzter Woche steht sinnbildlich dafür: Zuerst nahmen die Fernsehreporter die Impfskeptiker ins Visier. Im Gespräch mit dem Chefbeam- ten der obersten Gesundheitsbehörde der Schweiz danach legte die Moderatorin vor sich ihre Impfausweise auf die Theke und räumte ein, selbst ungenügend geimpft zu sein. Aus Nachlässigkeit.