Analyse

Die Grünliberalen haben nun neu eine Senioren-Sektion – doch nützt das wirklich irgendwem?

Abstimmung an der Delegiertenversammlung der Grünliberalen in Spiez.

Abstimmung an der Delegiertenversammlung der Grünliberalen in Spiez.

Keiner kann mehr am gleichen Strick ziehen! Die sozialen Medien verstärken nur unsere eigene Weltsicht! Warum gründen politische Parteien dann ausgerechnet heute noch eigene Sektionen für Senioren, Frauen und Junge?

Nun hat die Grünliberale Partei Kanton Zürich also auch noch eine Senioren-Sektion, herzlichen Glückwunsch. Es ist wichtig, sich zusammen zu tun und für die eigenen Werte einzustehen, mit Gleichgesinnten, die in verschiedensten Lebensbereichen mitfühlen können und nachvollziehen, wovon man selbst spricht, wenn es ans Lebendige geht.

Das ist soweit verständlich. Und so ist auch verständlich, dass sich ältere Menschen anderen Problemen und Fragen gegenübergestellt sehen als jüngere, genau so, wie Männer manchmal andere Fragen ans Leben haben als Frauen, Junge anders auf die Welt blicken als 40-Jährige mit Familie.

Mitunter aus diesen Überlegungen heraus haben sich denn auch Jungparteien gebildet und Gruppen wie die CVP Frauen und so hat auch jede Partei, von SP bis FDP, CVP und SVP ihre Senioren-Sektionen. Jetzt aber, im Jahr 2020, Anfang Oktober, in einer zunehmend globalisierten Welt und in Anbetracht der Tatsache, dass ausgerechnet die GLP, die sich selbst so gerne als die politisch fortschrittlichste, zukunftsgerichteste Partei rühmt, ist diese Gruppenbildung doch nochmals eine nähere Betrachtung wert.

Bei allem Verständnis dafür, dass sich ältere Menschen mit Gleichgesinnten für ihre Anliegen einsetzen, um dadurch mehr Sichtbarkeit zu erhalten: Genau das ist es doch, was das Altsein überhaupt problematisch macht. Dass die meisten Menschen es als Sonderkategorie, als Vorstufe zum Tod betrachten, als einen Zustand, von dem wir alle nicht betroffen sein wollen und nichts davon wissen, bis wir selbst alt sind.

Das Alter ist systematisch diskriminiert und aus der Gesellschaft ausgeschlossen. Sich dem entledigen zu wollen, indem man in sich homogene Altersgruppen schafft, anstatt intergenerationale Gruppenbildung zu fördern, erachte ich als wenig sinnvoll.

Wir kritisieren die Gleichschaltung in den Sozialen Medien, bilden auf politischer Ebene aber gerade wieder abschottende Gruppen

Wenn wir die Blasenbildung in den so genannten Sozialen Netzwerken zu Recht kritisieren, uns mehr Diversität im Parlament wünschen und uns fragen, warum immer mehr Städter die Anliegen der Bergler nicht verstehen, nicht genug Männer in Sachen Feminismus am gleichen Strick ziehen und sowieso die Jungen was Anderes zu wollen scheinen als die Alten, wäre es vielleicht einmal an der Zeit, sich zu fragen, ob zusätzliche Gruppenbildung heute wirklich noch ein probates politisches Mittel zur Förderung von Zusammenhalt und Toleranz darstellt.

Es fällt den etablierten Parteien in Bundesbern so schon schwer genug, während der Session mal unter der Kuppel die Seite zu wechseln, auf der sie stehen und Zeitung lesen - jeder Partei ihr eigenes, abgegrenztes Stück Wandelhalle. Man gibt sich derart Mühe, Teil der vermeintlich richtigen Seite zu sein und die eigene Gruppe zu pflegen, dass für Einige sogar gilt: Wer die Grenzen verwischt, ist ein potenziell Abtrünniger.

Wenn mal wieder «Arena»-Abend ist, ist ja auch wichtig, dem Volk da draussen eine Position zu signalisieren, die klar ist, unumstösslich zu einer Parteilinie gehört und auch sonst einfach verdaulich ist, alles andere würde die Wählerinnen nur verwirren. Dass sich viele jüngere Menschen innerhalb dieser Parteistrukturen gar nicht mehr wohl fühlen und gar nicht erst kandidieren, weil sie nicht seit 25 Jahren in der gleichen Gemeinde wohnen oder in allen Fragen klar liberal wählen, ist bisher keine Diskussion wert.

Sich da innerhalb der Parteien auch noch auf alters- und geschlechtsspezifische Gruppenbildung zu konzentrieren, ist nicht nur althergebracht, sondern ein Rückschritt. Wir sollten grösser und interdisziplinärer denken und handeln – es braucht in immer komplexeren Zeiten den gemeinsamen Blick aller – und die Selbstverständlichkeit, dass Heterogenität die beste Art ist, ein Problem von allen Seiten beleuchten zu können. Um es dann gemeinsam, ganz homogen, zu lösen.

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