Nach der Atomkatastrophe in Japan müssten die Grünen eigentlich im Aufwind sein. Denn mit dem Kampf gegen AKW ist die Öko-Partei in den Achtzigerjahren gross geworden, die nun wieder auf breite Zustimmung stossende Forderung nach dem Atomausstieg ist ihr Kernthema schlechthin. Und doch: Die kantonalen Parlamentswahlen der letzten Wochen haben gezeigt, dass bei den Grünen in Sachen Wählergunst weitgehend Stagnation herrscht. Immerhin gab es gestern gute Neuigkeiten aus dem Tessin, konnte die Partei bei den Wahlen vom Sonntag ihre Mandatszahl doch von vier auf sieben beinahe verdoppeln. Allerdings sind die zurzeit sehr erfolgreichen Grünliberalen im Südkanton nicht angetreten – was den Erfolg etwas relativiert.

«Natürlich gerne mehr gewonnen»

Trotz des Ausbleibens deutlicher Wahlsiege bleibt man bei den Grünen aber im Hinblick auf die Wahlen im Herbst gelassen. Parteipräsident Ueli Leuenberger etwa stapelt demonstrativ tief: «Natürlich hätten wir gerne mehr gewonnen, aber in der Schweiz wirken sich Ereignisse wie in Japan kurzfristig halt nicht so stark aus wie etwa in Deutschland.» Ausserdem wüssten viele Wähler wohl gar nicht so recht, was die Grünliberalen genau wollten, sondern wählten diese, weil ihnen der Name zusage.

Der Berner Nationalrat Alec von Graffenried kann den jüngsten Wahlresultaten seiner Partei gar Positives abgewinnen: «Mittlerweile können wir unsere Wähleranteile halten, es gibt kein ständiges Auf und Ab mehr wie früher.» Die Erfolge der Grünliberalen müssten bei den Grünen deshalb als Bestätigung der eigenen Politik gewertet werden, nicht als Bedrohung für die Wahlen im Herbst, meint von Graffenried. Und wie Parteichef Leuenberger ist auch er überzeugt: «Die Katastrophe von Fukushima wird für uns erst mittel- bis langfristig einen positiven Effekt haben.»

Auch Nationalrätin Franziska Teuscher aus Bern will die fehlenden Wählergewinne nicht dramatisieren. «Der Atomausstieg ist eine nationale Frage», erklärt sie, und deshalb sei es auch fraglich, ob Fukushima tatsächlich entscheidend gewesen sei bei den kantonalen Urnengängen. «Wichtig ist, dass wir unsere Anteile halten können», sagt Teuscher weiter. Denn das beweise, dass klassisch grüne Wähler nicht zu den Grünliberalen abwandern würden. «Deren gute Ergebnisse sind vielmehr die Quittung an CVP und FDP, die Umweltthemen bislang sträflich vernachlässigt haben», so Teuscher. Und: Man müsse letztlich auch realistisch bleiben. «Wir sind bei den letzten Wahlen 2007 sehr stark gewachsen.» Das werde sich dieses Jahr wohl nicht im gleichen Mass fortsetzen lassen.

«Vertieftere Zusammenarbeit»

Den Vormarsch der Grünliberalen bezeichnet Teuscher gar als positiv für ihre Partei. «Wenn sich dieser Trend auf nationaler Ebene bestätigt und auch wir noch den einen oder anderen Sitz zulegen können, werden Grüne und Grünliberale in Umweltthemen schlagkräftiger zusammenarbeiten können», meint sie. Und auch für von Graffenried ist klar: «Wollen wir das grüne Wählerpotenzial voll ausschöpfen, braucht es zwingend eine vertieftere Zusammenarbeit zwischen den beiden Parteien.»