Weichnachtsferien
Die grosse Schnee-Schlacht um die Gäste

Die Schweizer Alpen bekommen einfach keinen Schnee. Der Kampf der Schweizer Skiorte um Gäste gleicht einem Krieg: Samt Propaganda, Materialschlacht und Opfern.

Daniel Fuchs
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2511 Meter über dem Meer: Arosa Hörnli, Pulver gut
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Skigebiete: Wie siehts mit dem Schnee aus?
1755 Meter über dem Meer: Arosa Obersee, Aprés-Ski gut

2511 Meter über dem Meer: Arosa Hörnli, Pulver gut

Keystone

Hat sich dieses Hochdruckgebiet mitten in Europa festgekrallt? Die Meteorologen melden seit Tagen dasselbe: Oben trocken und schön, unten meist grau und viel zu warm. In den Skigebieten ist die Nervosität deshalb gross.

Der Schneefall von Ende November reicht bei weitem nicht aus, um bei uns so etwas wie Winterfeeling zu erzeugen. Im Wissen um das ach so wichtige Weihnachtsgeschäft buhlen die Skiregionen deshalb massiv um die Gäste. Fast wie in einem Krieg greifen sie zurück auf Propaganda und ziehen mit schwerem Geschütz in die Schlacht. Und wie jeder Krieg hat auch die Schnee-Schlacht ihre Opfer.

Der Propagandakrieg

Die Skigebiete kämpfen um Deutungshoheit. Ihr grösster Gegner sind die Zeitungsredaktionen, in welchen immer weniger Wintersportler sitzen. «Diese Medienberichte sind schlimmer als der fehlende Schnee», schreibt zum Beispiel ein Politiker aus dem Berner Oberland auf Facebook zu den Zeitungsbildern der letzten Tage von schmalen Kunstschneestreifen am braunen Berg.

Das Kampforgan der Wintersportlobby ist Social Media. Wenn die Medien Echtzeitbilder der Webcams in den Vordergrund rücken, setzen sie vorteilhaftere Bilder ein. Ganz beliebt: Fotos schön präparierter, fein gerillter Pisten, möglichst aus der Nähe aufgenommen. Mit möglichst viel Weiss und möglichst wenig brauner Umgebung darauf. Der Begriff Kunstschnee ist für die Touristiker negativ behaftet. Lieber sprechen sie von «technischem Schnee».

Ein gemeinsamer Kampf um Gäste, im Wettbewerb mit den umliegenden Alpenländern, steckt in der Schweiz noch in den Kinderschuhen. Jede Skiregion ist sich selbst am nächsten: «Bitte werfen Sie uns nicht mit allen anderen Skigebieten in den gleichen Topf. Jawohl, das Dorf hat keinen Schnee. Aber das Skigebiet bietet hervorragende Pistenverhältnisse», heisst es aus dem schneearmen, aber hoch gelegenen Zermatt. Und aus dem normalerweise mit Schnee verwöhnten Andermatt landen diese Zeilen in der Redaktionsmailbox: «Immerhin gehören wir zu den wenigen Destinationen, die zumindest ein wenig Schnee haben und ihren Gästen ein echtes Wintererlebnis bieten können.»

Eine Schneekanone neben einer geöffneten Piste in Arosa. Etwa ein Dutzend Bündner Bergbahnen und Tourismusbetriebe haben wegen des fehlenden Schnees Kurzarbeit angemeldet. (Symbolbild)
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Die Sicht vom Berghaus Nagens in Laax.
Der Blick von der Tschuggenhütte in Arosa.
Der Fronalpstock auf dem Stoos.
Bergbahnen haben wenig Schnee und deshalb Kurzarbeit

Eine Schneekanone neben einer geöffneten Piste in Arosa. Etwa ein Dutzend Bündner Bergbahnen und Tourismusbetriebe haben wegen des fehlenden Schnees Kurzarbeit angemeldet. (Symbolbild)

KEYSTONE/GIAN EHRENZELLER

Die Materialschlacht

Der Aufwand für ein «echtes Wintererlebnis» ist enorm. In den Bergen tobt seit Jahren ein Wettrüsten um schnellere und bequemere Anlagen, kürzere Wartezeiten und breitere Pisten. Der starke Schweizer Franken hat die Situation verschärft. Und Franken hin oder her – in den Alpen herrscht ein Verdrängungswettbewerb. Die Skigebiete unternehmen alles, um mit der Konkurrenz aus dem Ausland mitzuhalten, die auch dank der tieferen Löhne einen Wettbewerbsvorteil hat.

Ohne Kunstschnee ginge derzeit gar nichts. Das Walliser Aletschgebiet meldet, 80 Prozent der zurzeit geöffneten Pisten seien nur dank Kunstschnee in Betrieb. Und aus Engelberg heisst es, dass einzig die Pisten auf dem Gletscher nicht beschneit sind. Auf der Lenzerheide liegt der Anteil der künstlich beschneiten Pisten sogar bei «nahezu 100 Prozent». Und aus dem Berner Oberland, das Ende November immerhin einen halben Meter Neuschnee erhielt, meldet das Jungfraugebiet: «Grundsätzlich konnten die Pisten nur dank Kunstschnee geöffnet werden.»

Mangels Schnee können zum Teil nicht einmal die schweren Maschinen eingesetzt werden. Dort müssen die Pistenarbeiter mit Schweiss und Muskelkraft für fahrbare Bedingungen sorgen.

Die Skigebiete scheuen keinen Aufwand: Der Verband Seilbahnen Schweiz weist die täglichen Kosten in einem typischen, grösseren Schweizer Skigebiet wie folgt aus: 120 000 Franken fallen für den Betrieb der Anlagen an, 43 000 Franken für die Beschneiung, 41 000 für die Pistenpräparation und 16 000 Franken für die Pistensicherheit. Der Rest sind Kosten für Marketing, IT und Verkauf. Der Preis dieser Materialschlacht am Berg ist in den letzten Jahren massiv gestiegen; entgegen der Entwicklung, dass es Schweizer immer seltener auf die Piste zieht.

Die Opfer

Auch diese Schnee-Schlacht verursacht ihre Opfer. Zum einen sind es die kleinen, tiefer gelegenen Skigebiete. Sie können mit den hohen Investitionen der grossen nicht mithalten.

Anderswo lässt sich der teure Wintersportbetrieb nur dank tatkräftiger Unterstützung der öffentlichen Hand aufrechterhalten. Die Steuerzahler springen in die Bresche. Schliesslich hängen an der Wintersportindustrie Arbeitsplätze und die Unternehmen ganzer Dörfer. Der ausbleibende Schnee wird im Kanton Graubünden nun sogar
ein Fall für die Arbeitslosenkasse: Wie die Nachrichtenagentur SDA gestern schrieb, wollen ein Dutzend Bahn- und Gastrobetriebe Kurzarbeit einführen.

Auch für die Natur bleibt die Schlacht am Berg nicht ohne Folgen: Zwar werden die zahlreichen nötigen Speicherseen zur Speisung der Kunstschneeanlagen meist durch Überläufe von Quellen, Schmelz- oder Gletscherwasser gespeist. Doch die fix installierten Schneelanzen und verlegten unterirdischen Wasserleitungen haben die Landschaft vernarbt. Und das Hochpumpen des Wassers in die Speicherseen sowie die Beschneiung selbst sind Energiefresser. An dieser Tatsache ändert auch der Hinweis vieler Skigebiete nichts, dass sie einen grossen Teil ihres Strombedarfs mittels erneuerbarer Energien decken.

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