Gotthard-Durchstich
Die Gotthard-Regionen werden unterfahren

Die Gegend um den Gotthard-Pass fürchtet, dass sie bald schlechter an den öffentlichen Verkehr angeschlossen sein wird Alte Bergstrecke.

Andrea Marthaler
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Wenn heute der Durchstich des Neat-Tunnels erfolgt, herrscht in der Region neben Freude auch Besorgnis. «Wir drohen unterfahren zu werden», sagt Jean-Daniel Mudry. Er ist Projektleiter des «Progetto San Gottardo», das sich für die Entwicklung der Gotthard-Region einsetzt. Nach der Neat-Eröffnung fürchtet er, dass die alte Gotthardlinie eingestellt wird. Für die Gotthard-Region wäre dies ein Riesenproblem. «Wir suchen derzeit Argumente für einen Erhalt der alten Linie», so Mudry. Schliesslich koste der Unterhalt der Linie nach seinen Schätzungen doch 30 bis 50 Millionen Franken jährlich. Eine Möglichkeit wäre, sie als Tourismusstrecke weiterzuführen. Mudry liebäugelt auch mit einer Aufnahme ins Weltkulturerbe der Unesco. Derzeit sieht das Angebotskonzept nach wie vor einen stündlichen Interregiozug auf der alten Gotthardlinie vor. Definitiv entschieden haben Bund und SBB darüber aber noch nicht.

Neben der grossen Angst, in Vergessenheit zu geraten, bietet die Neat der Region aber auch Chancen. «Es gibt eine Entlastung vom Individualverkehr», sagt Mudry. Damit bietet sich die Möglichkeit, die Region als Feriendestination zu positionieren. Diesbezüglich setzt Mudry immer noch Hoffnungen in die «Porta Alpina». Diese wurde von Bundesrat und Kanton Graubünden verworfen, doch Samir Sawiris, der in Andermatt ein Ferienresort baut, will sich an der Finanzierung beteiligen.

Uri erhält keinen Anschluss

Der Kanton Uri, auf dessen Gebiet die Hälfte der Neat-Baustellen liegt, wird von der neuen Bahnlinie nicht profitieren können. «Das aktuelle Betriebskonzept sieht keinen Halt in Uri vor», sagt Emil Kälin, Sekretär der Volkswirtschaftsdirektion des Kantons Uri. Allerdings werde es auch keine Verschlechterung geben. Zumindest wenn die alte Gotthardstrecke weiterhin bedient wird. Im Gegenzug könnte eine Verlagerung des Schwerverkehrs für Uri positiv sein. Auch der Bau der Neat brachte Einnahmen. «Lokale Firmen sind beim Bau und der Installation involviert. Zudem gibt es Quellensteuern der Arbeiter für die Gemeinden Silenen und Erstfeld sowie für den Kanton selber», so Kälin. Wie es diesbezüglich für den Kanton Uri nach dem Bau aussieht, kann noch nicht abgeschätzt werden. Sicher ist, dass ein grosser Auftrag wegfällt. «Vielleicht stehen bis dann andere grosse Projekte an. Auf jeden Fall konnte sich Uri für solche qualifizieren.»

Ähnlich wie dem Kanton Uri geht es auch der auf der anderen Seite des Gotthards liegenden Region Leventina. Mit der Fertigstellung der Neat werden Veränderungen erfolgen. «Das haben wir schon einmal erlebt bei der Eröffnung des Autobahntunnels», sagt Fabrizio Barudoni, Direktor von Leventina Turismo. Die Leventina leidet unter der Abwanderung der Bevölkerung, Arbeitsstellen wurden gestrichen und Hotels mussten schliessen, weil viele Touristen nur noch für einen Tag in die Region kamen. Mit der Neat-Baustelle gab es wieder etwas Aufschwung. Regionale Firmen bekamen Arbeit und die Leute entdeckten die Region wieder als Wohngebiet. Das Informationszentrum der Neat in Pollegio lockte Besucher. Wie sich die Leventina weiter entwickelt, hängt für Barudoni zu einem grossen Teil vom öffentlichen Verkehr ab. «Die alte Gotthardlinie ist für unser Überleben entscheidend.» Mit der Neubaustrecke könnte die Leventina aber für die Deutschschweiz besser erreichbar werden.

Das Tessin profitiert am stärksten

Die Region, die von der Neat am meisten profitiert, ist das Tessin. «Wir werden viel besser ins Verkehrssystem integriert», sagt Riccardo De Gottardi vom Raumdepartement des Kantons Tessin. Die Fahrzeiten werden sich verkürzen. «Für das Tessin wird das erreicht, was im Mittelland seit Bahn 2000 Realität ist», so De Gottardi. Auch der Regionalverkehr profitiere von der Alpentransversale, vor allem wenn der Ceneri-Tunnel ebenfalls fertig ist. «Dann werden sich die Fahrzeiten auch im Binnenverkehr verkürzen.» Neben den Verbesserungen durch die Neat sieht De Gottardi auch kritische Punkte. Er befürchtet einen Engpass im Raum Bellinzona. «Dort konzentriert sich der ganze Schienenverkehr: Güterzüge, Schnellzüge und der Regionalverkehr.» Deswegen fordert er, in einem zweiten Schritt die weitere Transitachse durch das Tessin auszubauen.