Renten

Die Gewerkschaften sind verärgert über Zinssenkung der 2. Säule

«Die Lebensversicherer bedienen sich in der zweiten Säule mit mindestens einer halben Milliarde Franken.»

Martin Flügel, Präsident Travail Suisse

«Die Lebensversicherer bedienen sich in der zweiten Säule mit mindestens einer halben Milliarde Franken.»

Es tönt eher technisch, betrifft aber all jene Schweizerinnen und Schweizer, die Monat für Monat Pensionskassengelder einzahlen. Der Mindestzinssatz legt fest, wie viel Zinsen das angesparte Kapital in einem Jahr abwerfen muss.

Je tiefer dieser Satz ist, desto schwächer wachsen die Altersguthaben der Versicherten, was schmälere Renten zur Folge haben wird. Nun hat der Bundesrat diesen Zinssatz von 2 auf 1,5 Prozent gesenkt, so tief wie nie zuvor. Damit werde der negativen Entwicklung und den Schwankungen der Finanzmärkte Rechnung getragen. Nach Ausbruch der Finanzkrise hatte der Bundesrat Ende 2008 den Zinssatz bereits von 2,75 auf 2 Prozent gesenkt. Auf diesem Niveau ist er dann zwei Jahre geblieben, obwohl die Versicherer auf eine weitere Senkung des Satzes drängten.

«Ohne Not» gesenkt

Jetzt sind die Pensionskassen und Versicherer zufrieden und die Gewerkschaften empört. «Das ist eine Schweinerei», sagt Martin Flügel, Präsident der Gewerkschaft Travail Suisse: «Die Lebensversicherer bedienen sich in der zweiten Säule, die eine Sozialversicherung ist, mit mindestens einer halben Milliarde Franken.» Laut dem Gewerkschafter könnten die Versicherer sehr wohl einen höheren Mindestzins zahlen, wenn sie weniger Geld aus der zweiten Säule herausnehmen würden. Wie viel Gewinn den Versicherern zusteht, ist gesetzlich geregelt (mit der Legal quote). Es gibt allerdings Bestrebungen im Parlament, diese Vorschriften zu verschärfen. Flügel hätte den Zinssatz bei 2 Prozent belassen.

Für den Schweizerischen Gewerkschaftsbund hat der Bundesrat den Mindestzinssatz «ohne Not» gesenkt. Er sei damit «dem Jammern der Versicherungsbranche nachgekommen, die ihre fetten Gewinne im BVG-Geschäft wegen der aktuellen Finanzturbulenzen gefährdet glaubte».

Die Versicherer reagieren erstaunt auf die Vorwürfe. «In den vergangenen Jahren haben die Privaten immer mehr ausbezahlt als den Mindestzinssatz», sagt Selma Frasa vom Schweizerischen Versicherungsverband. Zudem gelte der Zinssatz nicht nur für die Privaten, sondern auch für autonome Pensionskassen, die rund 80 Prozent des Deckungskapitals verwalten. Frasa: «Viele autonome Pensionskassen müssen sich in den nächsten Jahren sanieren. Deshalb wäre sogar ein Zinssatz von einem Prozent angezeigt.»

Auch für den Verband Asip, der die autonomen Pensionskassen vertritt, ist der tiefere Zinssatz notwendig. «Trotzdem werden AHV und 2. Säule bei der Pensionierung aus heutiger Sicht das vereinbarte Leistungsziel von 60 Prozent des Lohnes abdecken können», sagt Asip-Direktor Hanspeter Konrad. Dies schliesst er daraus, dass die durchschnittliche Verzinsung seit Start des BVG 1985 rund 1,2 Prozent höher war als das Wachstum der Nominallöhne.

Die Formel hinter der Zahl

Grundlage des bundesrätlichen Entscheids ist eine Formel, die sich auf den gleitenden Durchschnitt der Rendite der 7-jährigen Bundesobligationen abstützt. Dieser liegt aktuell bei 2,04 Prozent und fliesst zu 70 Prozent in die Berechnung (was 1,43 Prozent ergibt) ein. Die restlichen 30 Prozent richten sich nach der Performance der Aktien- und Immobilienmärkte. Weil es dort mehr schlecht als recht läuft, liegt der Zuschlag bei mickrigen 0,08 Prozent. Total ergibt dies mickrige 1,51 Prozent. Den Gewerkschaften ist diese Formel zu strikt. Mit ihren Berechnungen kommen sie auf einen Mindestzinssatz von 2,12 Prozent.

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