«TalkTäglich»
Die Geschichte von Edith (70) und Ali (18) – oder warum eine Rentnerin mit einem Flüchtling wohnt

Niemand hat es ihr zugetraut. Deshalb hat Edith Kleiner ihre Anmeldung bei der Flüchtlingshilfe zurückgezogen. Doch damit ging etwas schief – und so wohnt heute Ali, Flüchtling aus Afghanistan, bei ihr.

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Edith Kleiner ist eine zierliche Frau mit leiser Stimme und verschmitztem Lächeln. Dieses zeigt sich etwa dann, wenn sie sagt, dass sie eine Einzelgängerin sei.

Trotzdem wollte die Rentnerin nicht ganz allein bleiben in ihrem Reihenhaus. Der obere Stock war leer, seit die Eltern und der Sohn diesen nicht mehr bewohnten.

Nie habe sie den Mut gehabt, daran etwas zu ändern, bis sie einen Aufruf von der Flüchtlingshilfe gesehen habe, es wurden Privatpersonen gesucht, die Flüchtlinge bei sich aufnehmen wollen. Edith Kleiner meldete sich.

Doch ihr Umfeld habe ihr «Angst gemacht»: «Ich sei nicht die richtige Person für so etwas, haben sie mir gesagt», schildert sie in der Sendung «TalkTäglich» auf Tele Züri. Da hat sie sich wieder abgemeldet. Das war im Februar.

«Da konnte ich nicht Nein sagen»

Aber es ging etwas schief. Jedenfalls bekam Edith Kleiner im Sommer einen Anruf von der Flüchtlingshilfe.

Die Person am Telefon schilderte der Frau die Situation der jungen Flüchtlinge in der Schweiz. Wer 18 Jahre alt wird, kommt in eine Unterkunft für Erwachsene – oder eben zu Privatpersonen, wenn möglich.

«Da konnte ich nicht Nein sagen», sagt Edith Kleiner. Und so zog Ali T. aus Afghanistan, 18 Jahre alt, in das Reihenhaus von Edith Kleiner, 70, ein. Zwei Generationen, zwei Kulturen.

«Er war einfach da und ist jetzt da – ohne Probleme», sagt Edith Kleiner. Hilfsbereit sei er gewesen, von Anfang an. Als erstes habe er ihr im Garten geholfen.

«Was auf den Tisch kommt, wird gegessen»

Beim gemeinsamen Einkaufen habe sie herausgefunden, was er essen möge. «Ich habe ihn etwas überfordert, indem ich dachte, ich müsste immer etwas anderes kochen», erzählt Edith Kleiner mit eben diesem verschmitzten Lächeln. «Dabei kann man ganz gut zwei-, dreimal hintereinander etwas Ähnliches kochen.» Denn: Ali sei «pflegeleicht», sagt sie. «Was auf den Tisch kommt, wird gegessen.»

Maccaroni und Spaghetti habe er am liebsten, ergänzt Ali. Die deutsche Sprache sei eine Herausforderung für ihn, sagt er weiter, auch die fremde Kultur. Über seine Flucht will Ali nicht sprechen. Dafür aber über sein neues Zuhause. «Sehr gut» sei das. Vorher habe er nicht gekocht, das sei jetzt anders.

«Wir vertrauen einander»

Für den Sohn von Edith Kleiner stimmt die Sitation jetzt. «Er hat immer gedacht, seine Mutter könne sich nicht wehren – aber bei Ali muss ich mich gar nicht wehren», sagt sie.

Ähnliche Vorurteile habe sie in der Nachbarschaft gespürt. Ob sie keine Angst habe und ob sie auch alles weggeräumt habe, wurde sie gefragt. «Wir vertrauen einander gegenseitig, ist Edith Kleiners Antwort darauf.

Angst hat sie keine. Im Gegenteil: «Es ist höchst interessant», sagt sie. «Viele Leute gehen was weiss ich wohin auf Reisen – und ich habe jetzt halt eine kleine Welt ins Haus bekommen.» (smo)

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