Der Basler Historiker Daniele Ganser ist seit seinem Auftritt in der «Arena» des Schweizer Fernsehens in aller Munde. Von seinen Anhängern wird er für seine kontroversen Ansichten gefeiert, seine Gegner sehen in ihm bloss einen weiteren Verschwörungstheoretiker.

Doch welche Ansichten vertritt Ganser eigentlich und in welchem Verhältnis stehen diese zur «offiziellen» Geschichtsschreibung? Eine Gegenüberstellung:

1. Kuba-Krise

Ganser: In seinem Buch «Reckless Gamble» beschreibt Ganser, wie amerikanische Geheimdienste 1962 den UN-Sicherheitsrat sabotiert haben. Damals steuerten die USA und die Sowjetunion im Streit um Atomraketen auf Kuba auf den Beginn eines nuklearen Weltkriegs zu.

Offizielle Version: Im UN-Sicherheitsrat blamierten sich die Russen selbst. US-Botschafter Adlai Stevenson präsentierte Beweise für die russischen Raketen, von denen der russische Kollege keine Ahnung hatte. US-Präsident John F. Kennedy und sein sowjetisches Gegenüber Nikita Chruschtschow einigten sich bald darauf auf diplomatischem Weg: Die Russen zogen ihre Raketen von Kuba ab, die USA verzichteten auf eine Invasion der Insel. Wie später bekannt wurde, mussten die USA als Teil des Deals ihre Raketen aus der Türkei abziehen.

Kuba-Krise im UNO-Sicherheitsrat

Kuba-Krise im UNO-Sicherheitsrat

 

2. Nato-Geheimarmeen

Ganser: In Gansers Buch «Nato-Geheimarmeen in Europa» geht es um paramilitärische Organisationen, die im Falle einer Besetzung Widerstand leisten und den Feind sabotieren sollten – aufgebaut und ausgebildet von der Nato.

Offizielle Version: Das Konzept solcher Geheimarmeen gab es seit dem Zweiten Weltkrieg, also noch bevor die Nato existierte. Nach dem Fall der Berliner Mauer wurde die Existenz solcher «Stay-behind-Organisationen» in zahlreichen Ländern Europas bekannt. Viele wurden bei Aufbau und Training von der Nato unterstützt. Auch in der neutralen Schweiz gab es unter dem Decknamen P-26 eine solche Geheimarmee. 

Im Bunker der Schweizer Geheimarmee P-26

Im Bunker der Schweizer Geheimarmee P-26

3. Die Anschläge vom 11. September 2001

Ganser bezweifelt, dass die Anschläge vom 11. September 2001 alleine auf das Konto von Terroristen gehen. Er mutmasst, die US-Regierung könnte den Angriff entweder absichtlich zugelassen oder sogar aktiv geplant und ausgeführt haben. Dafür spricht laut Ganser auch der Einsturz von WTC7, einem Nebengebäude der beiden Türme. Aufgrund seiner kritischen Aussagen wendete sich die ETH Zürich von Ganser ab.

Offizielle Version: Am 11. September 2001 entführten islamistische Terroristen vier Zivilflugzeuge. Zwei flogen in die Türme des World Trade Centers in New York, eines ins Pentagon und ein viertes stürzte ab, bevor es Washington erreichen konnte. Bei den Angriffen starben rund 3000 Menschen.

11. September 2001: Zwei Flugzeuge rasen in das World Trade Center.

11. September 2001: Zwei Flugzeuge rasen in das World Trade Center.

4. Erdöl

Ganser vertritt die Ansicht, dass die maximale Fördermenge für Erdöl bald erreicht oder möglicherweise bereits überschritten ist. Konflikte wie etwa der Irakkrieg von 2003 dienten den USA dazu, die verbleibenden Öl-Reserven zu sichern.

Offizielle Version: Die Meinungen darüber, wann das Öl-Fördermaximum erreicht ist, gehen sehr stark auseinander. Neue Fördermethoden wie Fracking und Tiefseebohrungen machen eine genaue Prognose fast unmöglich.

Seit Jahren wird das Ende der Ölreserven ausgerufen.

Seit Jahren wird das Ende der Ölreserven ausgerufen.

5. Illegale Kriege

Ganser: In seinem aktuellen Buch «Illegale Kriege» untersucht der Historiker die Umstände zahlreicher Konflikte vom Vietnamkrieg bis zum Syrienkrieg. Er deutet an, dass allen voran die USA dabei immer wieder internationales Recht verletzten und darin von anderen Nato-Ländern sowie den westlichen Medien unterstützt würden. 

Offizielle Version: Dass Nationen ihre eigenen Interessen vertreten, ist nur natürlich. Man muss kein Experte sein, um zu erkennen, wie einvernehmliche Lösungen im UNO-Sicherheitsrat immer wieder an den Vetos der Supermächte scheitern. Die Theorie der gesteuerten Medien ist nicht neu und erhielt mit dem Aufschwung populistischer Parteien wie etwa der AfD – Stichwort «Lügenpresse» – neuen Auftrieb.

Ein russisches Kampfflugzeug wirft Bomben über Syrien ab. (Archiv)

Ein russisches Kampfflugzeug wirft Bomben über Syrien ab. (Archiv)

6. Charlie Hebdo

Ganser: In einem Interview mit der bz Basel vor zwei Jahren sagte Ganser: «Für mich ist der Terroranschlag auf Charlie Hebdo ungeklärt. Sicher ist, dass der militärisch-industrielle Komplex davon profitiert.» Es könne sein, so Ganser, dass es sich um eine Operation unter falscher Flagge handle.

Offizielle Version: Islamistische Terroristen stürmten am 7. Januar 2015 die Redaktionsräume des französischen Satire-Magazins Charlie-Hebdo und töteten elf Menschen. Das Blatt war nicht zuletzt durch die Veröffentlichung von Mohammed-Karikaturen ins Visier der Fundamentalisten geraten.

Solidaritäts-Kundgebung für "Charlie Hebdo".

Solidaritäts-Kundgebung für "Charlie Hebdo".

7. Ukraine-Konflikt

Ganser: Für Ganser ist klar, dass in der Ukraine «die Amerikaner die Fäden ziehen». Ziel sei es, die ehemalige Sowjetrepublik in den Einflussbereich der Nato zu bringen. Der Abschuss des Zivilflugzeuges MH17 könnte ebenfalls eine Aktion unter falscher Flagge gewesen sein.

Offizielle Version: 2013 entlud sich der Konflikt zwischen pro-europäischen Bewegungen und der pro-russischen Regierung der Ukraine in gewaltsamen Protesten. Nach einem Regierungsumsturz besetzte Russland völkerrechtswidrig die Krim. 2014 wurde eine Boeing 777 der Air Malaysia über der Ostukraine abgeschossen. 298 Personen starben. Russland und die Ukraine, bzw. der Westen, machen sich gegenseitig für den Abschuss verantwortlich.

Ein pro-russischer Separatist begeht die Absturz-Zone von MH17. (Archiv)

Ein pro-russischer Separatist begeht die Absturz-Zone von MH17. (Archiv)

Fazit

Daniele Gansers Publikationen stossen in der Fachwelt auf viel Beachtung und werden dort zum Teil auch für ihre Ausführlichkeit gelobt. Andererseits beruft er sich bei seinen Aussagen oft auf fragwürdige Quellen und vermischt auf gefährliche Weise Fakten mit Theorien, wie ein Porträt in der WOZ vom 19. Januar zeigt.

Der Historiker wehrt sich vehement dagegen, in die Ecke der Verschwörungstheoretiker gestellt zu werden. Mit Formulierungen wie «es könnte sein», «es ist nicht auszuschliessen» positioniert er sich als unbequemer Fragensteller auf der sicheren Seite. Gleichzeitig pumpt er damit Frischluft in die Filterblasen der Anhänger von Verschwörungstheorien – ob gewollt oder nicht.