Rupperswil
Die fünf wichtigsten Fragen: Was die Berufung im Fall Rupperswil heisst

Täter Thomas N. und die Staatsanwaltschaft haben Berufung im Vierfachmord von Rupperswil angemeldet. Warum das noch keinen neuen Prozess bedeutet – und wie es weitergeht.

Mario Fuchs
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Im Fall Rupperswil wollen der Beschuldigte und die Staatsanwaltschaft das Urteil des Bezirksgerichts Lenzburg AG ans Obergericht weiterziehen.

Im Fall Rupperswil wollen der Beschuldigte und die Staatsanwaltschaft das Urteil des Bezirksgerichts Lenzburg AG ans Obergericht weiterziehen.

Zeichnung: Marco Tancredi

1. Was geschah in den fünf Wochen seit dem Rupperswil-Urteil?

Das Bezirksgericht Lenzburg hat am 16. März den 34-jährigen Thomas N. für den Vierfachmord von Rupperswil zu einer lebenslänglichen Freiheitsstrafe verurteilt. Zudem ordnete das Gericht eine vollzugsbegleitende Therapie wegen N.s Pädophilie sowie eine ordentliche Verwahrung an. Mit der mündlichen Begründung durch Gerichtspräsident Daniel Aeschbach war das Urteil noch nicht rechtskräftig. Die Parteien konnten das schriftliche Dispositiv abwarten. Es handelt sich dabei um den reinen Urteilsspruch, ohne Begründung. Nach Studium dieses Dispositivs erhielten sie die Möglichkeit, Berufung anzumelden. Davon haben die Staatsanwaltschaft als Anklägerin sowie der Verurteilte Thomas N. mit seiner Pflichtverteidigerin Gebrauch gemacht.

2. Was bedeutet die Anmeldung der Berufung?

Die Anmeldung der Berufung ist ein erster Schritt zur Anfechtung des Urteils, aber alleine noch nicht ausreichend. Nicole Payllier, Sprecherin der Gerichte Kanton Aargau, erläutert das Prozedere: «Zusätzlich erforderlich ist die Erklärung der Berufung. Diese ist den Parteien erst möglich, nachdem das schriftlich begründete Urteil vorliegt. Dies wird voraussichtlich im Sommer der Fall sein.»

Vierfachmord Rupperswil – von der Tat bis zum Urteil: Am 21. Dezember 2015 wird Rupperswil zum Schauplatz eines der grausamsten Mordfälle in der Schweizer Kriminalgeschichte.
45 Bilder
Als die Feuerwehr zu einem Brand in einem Haus an der Lenzhardstrasse ausrückt, können die Einsatzkräfte nicht ahnen, was auf sie zukommt.
In diesem Haus entdecken die Feuerwehrleute vier verkohlte Leichen.
Wenig später nehmen Ermittler und Spurensicherung ihre Arbeit auf.
Zwei Tage nach den Morden teilt die Polizei mit: Bei den Opfern handelt es sich um Carla Schauer (†48), ihre beiden Söhne Davin (†13) und Dion (†19) ...
... sowie um die Freundin des älteres Sohnes, Simona (†21).
Rupperswil steht unter Schock. Vom Täter fehlt jede Spur.
Die Menschen im Dorf nehmen Anteil am Schicksal der Opfer: Zeichen der Anteilnahme vor dem Haus, in dem die Taten geschahen.
Viele Kerzen beim Haus der Opfer sind für diese angezündet.
8. Januar 2016: In Rupperswil findet ein Gedenk-Gottesdienst für die Opfer statt.
Rund 500 Personen wohnen dem Trauer-Gottesdienst bei. Wegen des grossen Andrangs müssen rund 200 Gäste den Gottesdienst vom Saal des Kirchgemeindehauses aus verfolgen.
18. Februar 2016: Staatsanwaltschaft und Polizei informieren erstmals ausführlich über die Geschehnisse in Rupperswil an einer Pressekonferenz. Im Bild Staatsanwältin Barbara Loppacher und Kripo-Chef Markus Gisin.
An dieser Pressekonferenz setzen die Behörden eine Belohnung von bis zu 100'000 Franken für Hinweise auf die Täterschaft aus.
Mit Flugblättern (in 7 Sprachen) sucht die Polizei nach Zeugen und Hinweisen.
Auf dem Flugblatt ist auch dieses Bild von Carla Schauer (†48) zu sehen, aufgenommen von einer Überwachungskamera: Sie hebt am Tattag um 9.51 Uhr Geld an einem Bankschalter in Wildegg ab. Es sind 9850 Franken.
Später veröffentlicht die Polizei auch dieses Bild: Carla Schauer hebt um 10.10 Uhr an einem Geldautomaten in Rupperswil 1000 Euro ab.
April 2016: Die ZDF-Sendung "Aktenzeichen XY – ungelöst" macht Filmaufnahmen zum Mordfall von Rupperswil. Der Beitrag soll bald ausgestrahlt werden – doch dazu kommt es nicht mehr.
13. Mai 2016: Fast fünf Monate nach dem Tötungsdelikt laden Polizei und Staatsanwaltschaft kurzfristig zu einer zweiten grossen Pressekonferenz ein.
Oberstaatsanwalt Philipp Umbricht enthüllt: "Der Täter ist gefasst. Es handelt sich um einen 33-jährigen Schweizer aus Rupperswil, der nicht vorbestraft ist."
Der Starbucks in Aarau: Hier nahm die Polizei Thomas N. fest.
Das ist er: Thomas N., neben dem Haus der Familie Schauer in Rupperswil. (Fotomontage)
Thomas N. war jahrelang Fussball-Trainer und betreute C-Junioren. Die Junioren, ihre Familien und die Vereinsmitglieder sind geschockt.
Dieses Bild zeigt Thomas N. als Betreuer an einem Fussballspiel im April 2016, rund vier Monate nach der Tat.
Dieses Bild zeigt Thomas N. als Betreuer an einem Fussballspiel im April 2016, rund vier Monate nach der Tat.
Dieses Bild zeigt Thomas N. als Betreuer an einem Fussballspiel im April 2016, rund vier Monate nach der Tat.
In diesem Haus in Rupperswil – nur wenige Meter vom Haus der Familie Schauer entfernt – wohnte Thomas N. zusammen mit seiner Mutter.
Bei Thomas N. zu Hause fand die Polizei diesen Rucksack samt Utensilien. Sie liessen befürchten, dass er eine nächste Tat bereits geplant hatte.
7. September 2017: Staatsanwältin Barbara Loppacher von der Staatsanwaltschaft Lenzburg-Aarau erhebt Anklage.
Wenige Tage nach der Ergreifung des Täters wird bekannt: Die Rechtsanwältin Renate Senn wird Thomas N. als amtliche Verteidigerin vor Gericht vertreten.
Thomas N. sitzt im Gefängnis Pöschwies in Regensdorf in Haft.
Der Prozess vor dem Bezirksgericht Lenzburg fand aus Platzgründen im Polizeigebäude in Schafisheim statt. 65 Medienschaffende und 35 Zuschauer verfolgten ihn.
Den Kopf hat er meist auf seine rechte Hand gestützt, mit Zeigfinger und Daumen hält er sich die Nasenwurzel.
Das Gericht: René Müller (SVP), Margrit Kaufmann (CVP), Schreiber Lukas Fischer, Präsident Daniel Aeschbach (SVP), Marianne Bitterli (SVP), Luca Cirigliano (SP).
Blick in den Gerichtssaal mit dem Angeklagten (rechts aussen).
Thomas N. vor Gericht.
Brief-Ausschnitt: Thomas N. schrieb den Angehörigen einen Brief – aber ohne das Wort "Entschuldigung" zu verwenden. Während des Prozesses wurde dies bekannt.
Thomas N. am ersten Prozesstag: Er spricht deutlich, verliert nie die Fassung.
Staatsanwältin Barbara Loppacher (vorne).
«Ich bin pädophil», sagt der geständige 34-Jährige vor Gericht.
Der vierfache Mörder von Rupperswil AG (Bildmitte) soll verwahrt werden. Das Bezirksgericht Lenzburg verhängte eine lebenslängliche Freiheitsstrafe und ordnete eine ordentliche Verwahrung an.
Gerichtszeichung von Thomas N. bei der Urteilsverkündung am Freitag.
Gegen das Urteil erhob Thomas N. Berufung. Er wehrte sich gegen die ordentliche Verwahrung. Daraufhin erklärte auch die Staatsanwaltschaft Anschlussberufung: Sie fordert erneut eine lebenslange Verwahrung für den Vierfachmörder.
Am 13. Dezember kam es zum Prozess vor dem Aargauer Obergericht. Dieses entschied, dass der Vierfachmörder von Rupperswil ordentlich verwahrt wird, aber keine ambulante Massnahme (Therapie) erhält.
Thomas N. wohnte der Berufungsverhandlung nicht bei. Sein Gesuch, in dem er darum bat, von den Gerichtsverhandlungen dispensiert zu werden, wurde gutgeheissen.
Staatsanwältin Barbara Loppacher ist zufrieden mit dem Urteil des Obergerichts.

Vierfachmord Rupperswil – von der Tat bis zum Urteil: Am 21. Dezember 2015 wird Rupperswil zum Schauplatz eines der grausamsten Mordfälle in der Schweizer Kriminalgeschichte.

SEVERIN BIGLER

3. Weshalb nimmt die schriftliche Begründung des Urteils mehrere Monate in Anspruch?

Das Bezirksgericht Lenzburg hat bereits unmittelbar nach dem Prozess im März damit begonnen, das schriftliche Urteil zu verfassen. Darin wird jeder Punkt eingehend behandelt und begründet. Der Grundsatz lautet: Je grösser der Eingriff in die Rechte des Verurteilten, desto ausführlicher muss das Gericht seinen Entscheid begründen. Im vorliegenden Fall muss das Urteil deshalb besonders ausführlich und umfassend begründet werden. Auch wenn das Gericht möglichst rasch arbeitet und den Fall Rupperswil prioritär behandelt, läuft nebenher der ordentliche Gerichtsbetrieb weiter. Entsprechend sind einige Monate in diesem Fall nicht überraschend oder aussergewöhnlich.

4. Warum haben die Opferfamilien keine Berufung angemeldet?

Wie Nicole Payllier erklärt, sind die Staatsanwaltschaft und der Beschuldigte die einzigen Parteien, die Berufung angemeldet haben. Die Privatklägerinnen und Privatkläger haben darauf verzichtet. Opferanwalt Markus Leimbacher sagt auf Anfrage: «Unsere Zivilforderungen sind vollumfänglich anerkannt worden.» Damit habe man einerseits erreicht, was man habe erreichen wollen, und anderseits sei man so gar nicht mehr legitimiert, den Fall weiterzuziehen. Zum Strafmass oder den Massnahmen kann die Privatklägerschaft grundsätzlich keine Anträge stellen.

5. Wie wahrscheinlich ist es, dass effektiv Berufung erklärt wird und der Fall vor Obergericht kommt?

Dies ist im Moment schwierig abzuschätzen. Es ist abhängig von der abzuwartenden schriftlichen Urteilsbegründung und der Interpretation dieser durch die beiden Parteien.

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