Bis zu 25 Personen aus der Schweiz kämpfen gegenwärtig in Syrien und Irak für einen islamischen Staat. So lautet der Befund des Nachrichtendienstes des Bundes (NDB). Für die Behörden stellen die Dschihadisten ein immer grösseres Problem dar: Wie hindert man sie am Ausreisen? Wie holt man sie zurück? Und was tut man mit ihnen, wenn sie wieder im Land sind? Die Task-Force «Terror Travellers» des Bundes schildert in einem gestern veröffentlichten Bericht, welche Phasen ein Dschihad-Reisender durchläuft und wo Handlungsbedarf besteht.

Phase 1: die Radikalisierung

Ein radikaler Muslim stellt laut der Task-Force per se noch keine Gefahr dar: Manche Extremisten verkehren jahrelang im salafistischen Milieu, verspüren aber «keinerlei Wunsch, das Land zu verlassen». Das Gegenteil sind «schwach radikalisierte» Personen, die innert weniger Monate nach dem ersten Kontakt mit einer Terrororganisation in einem Trainingscamp auftauchen.

Um potenzielle Dschihad-Touristen frühzeitig zu erkennen, durchforstet der Nachrichtendienst soziale Netzwerke nach Sympathiebekundungen für radikale Gruppierungen. Die NDB-Leute haben auch Kontaktpersonen in der muslimischen Gemeinschaft und gehen spontanen Hinweisen aus der Bevölkerung nach. Von einer Hotline, über die Privatpersonen Hinweise weitergeben können, hält die Task-Force jedoch wenig: Zum einen, weil erfahrungsgemäss nur ein «sehr geringer Teil» der Informationen brauchbar sei. Zum anderen, weil die Ressourcen fehlten. Effektiver sei es, Polizisten und Grenzbeamte stärker auf die Dschihad-Problematik zu sensibilisieren.

Im Verdachtsfall können NDB oder Polizei dem Betroffenen bei einem Gespräch ins Gewissen reden. Im Worst Case ist das aber kontraproduktiv: Der Verdächtige könnte sich in seinen Reiseplänen erst recht bestärkt fühlen.

Grosse Terrorgefahr in der Schweiz

Grosse Terrorgefahr in der Schweiz: Die eidgenössische Task Force zu dschihadistisch motivierten Reisen hat am Donnerstag ihren Bericht vorgestellt.

Phase 2: die Reise

Typische Dschihad-Touristen reisen meist mit echten Ausweispapieren. Sie sind allein oder in Gruppen von drei bis fünf Personen unterwegs. Manchmal pendeln sie sogar zwischen Kampfgebiet und Herkunftsland.

Da sie ihre Reisen oft sehr kurzfristig organisieren, haben die Sicherheitsbehörden selten genug Zeit, um zu intervenieren: Sie können Verdächtige zwar zur Fahndung ausschreiben. Doch «die Mehrheit» der Gotteskrieger fällt vor der Abreise nicht negativ auf und kann folglich nicht ausgeschrieben werden.

Bereits bei der Abreise würde ein systematisches Screening von Flugreisenden nach bestimmten Risikokriterien greifen. Doch auch das lehnt die Task-Force ab: «Die Methoden sind nicht präzise genug und allzu oft geraten Personen ins Visier, die mit gewalttätigem Extremismus nichts zu tun haben.» Zielführend sei hingegen die Nutzung von Flugpassagierdaten: «Die Schweizer Sicherheitsbehörden sollten rascher darauf zugreifen können.»

Zumindest prüfen will der Bund das von Politikern geforderte Ausreiseverbot für Dschihad-Sympathisanten, obwohl er darin einen «schweren Eingriff in die persönliche Freiheit» sieht.

Phase 3: der Kampf

Nicht jeder, der es nach Syrien oder in den Irak schafft, kann sich einer Terrorgruppe anschliessen. «Gewisse Dschihad-Reisende werden jedoch rasch einer Einheit zugeteilt und beteiligen sich an Gewalttaten», heisst es im Bericht. Erhalten die Schweizer Strafverfolgungsbehörden entsprechende Hinweise, eröffnen sie eine Untersuchung. Denn wer im Ausland Gräueltaten begeht, stellt auch in der Schweiz eine Gefahr dar.

Wenn möglich überwacht der Nachrichtendienst die Internet-Aktivitäten der Verdächtigen. Als «ungewöhnliche» Massnahme gilt die direkte Kontaktaufnahme, um einen Dschihadisten von der Rückkehr in die Heimat zu überzeugen.

Phase 4: die Rückkehr

Ein richtiger Dschihadist kehrt nicht zurück. Er bleibt dem «islamischen Kalifat» treu oder stirbt als Märtyrer an der Front. Soweit das Selbstverständnis. Tatsächlich reisen viele der angeblichen Gotteskrieger irgendeinmal wieder nach Hause ins sichere Europa. Für den Bund ist klar: Die Behörden müssen die Heimkehrer «unverzüglich in Empfang nehmen», um ihr Gefahrenpotenzial abzuschätzen.

Phase 5: zurück in der Heimat

Heimkehrer gibt es in allen Ausprägungen: Manche sind traumatisiert, andere prahlen mit ihren Taten. Gefährlich sind jene Ex-Dschihadisten, die neue Kämpfer rekrutieren wollen oder in die Schweiz zurückkehren, um Anschläge zu verüben. Wer nach der Ankunft nicht ohnehin ins Gefängnis kommt, kann «zeitlich begrenzt» überwacht werden. Als erfolgversprechend betrachtet die Task-Force Programme zur Deradikalisierung, wie es sie heute schon für rechtsextreme Jugendliche gibt.

Wem eine Beteiligung an den Aktivitäten des Islamischen Staates nachgewiesen werden kann, drohen bis zu fünf Jahre Freiheitsstrafe.