Journalistinnen und Journalisten der Schweizerischen Depeschenagentur, die streiken: Nie in der 123-jährigen Unternehmensgeschichte hatte es so etwas gegeben – bis die 180 Mitarbeiter am vergangenen Dienstag ihre Arbeit niederlegten und so gegen den von der Geschäftsleitung beschlossenen massiven Personalabbau protestierten (Ausgabe vom Mittwoch). Noch im Januar sollen 40 der 150 Vollzeitstellen abgebaut werden, mit Kündigungen, Frühpensionierungen und Pensenreduktionen. Etwas zu sagen haben die SDA-Angestellten nicht: Redaktorinnen und Redaktoren, die nicht innert weniger Tage einwilligen, werden entlassen.

Für ihr unzimperliches Vorgehen werden die Entscheidungsträger der einzigen vollwertigen Schweizer Nachrichtenagentur von Politikern aller Parteien harsch kritisiert. «Was der Verwaltungsrat und die operative ‹Führung› derzeit liefern, ist unter jeder Kanone», schrieb CVP-Chef Gerhard Pfister auf Twitter. «Der CEO verdient sich eine goldene Nase auf dem Buckel des Journalismus.» Auf Anfrage ergänzt Pfister, er halte die hohen Löhne, die die SDA-Manager selbst auf dem Höhepunkt der Krise ihres Unternehmens einstreichen würden, für unverschämt. «Sie ziehen die Sanierung innert weniger Tage und gegenüber ihren Mitarbeitern total kompromisslos durch. Damit handeln sie unternehmerisch unverantwortlich.»

Ein Lohn wie ein Bundesrat?

Auch die Zürcher SVP-Nationalrätin Natalie Rickli sagt, die SDA-Führung habe «offensichtlich versagt» und sei für das momentan herrschende Chaos verantwortlich. «Sie hat nicht vorausschauend geplant und schlecht kommuniziert.» Um Ruhe in die Diskussion zu bringen, müsse sie Transparenz schaffen – «bis hin zur Offenlegung der Cheflöhne».

Von Gewerkschaftern wird der Lohn von CEO Markus Schwab auf rund 450 000 Franken pro Jahr und damit auf Bundesratsniveau geschätzt. Er selbst sagte in der Vergangenheit bloss, sein Lohn sei «marktkonform».

In den Augen von Grünen-Präsidentin Regula Rytz enttäuschen die SDA-Chefs «nicht nur in Sachen Sozialpartnerschaft, sondern marschieren auch betriebswirtschaftlich in die Sackgasse». Just zu einem Zeitpunkt, zu dem der Bund überlege, die Nachrichtenagentur mit öffentlichen Mitteln zu unterstützen, «streben sie auf einmal kompromisslos nach Profit und demontieren so das eigene Unternehmen». Die SDA-Spitze schaffe mit dieser Massenentlassung, die auf Kosten der Qualität gehe, voreilig Fakten, die eine Bundesbeteiligung erschwerten, so Rytz.

Kommission lädt Schwab vor

Tatsächlich haben die Vorgänge bei der SDA gemäss Recherchen der «Nordwestschweiz» eine erste Konsequenz: Die Eidgenössische Medienkommission empfiehlt nun, die Nachrichtenagentur in der neuen Verordnung über das Radio- und TV-Gesetz nicht wie geplant explizit als «förderungswürdig» zu nennen. Noch am Dienstag hatte sich SDA-CEO Schwab zuversichtlich gezeigt: «Die Unterstützung des Bundes im Umfang von zwei Millionen Franken ab 2019 erfolgt zweckgebunden für die Erfüllung eines Leistungsauftrags», sagte er. «Sie ist fest eingeplant und sollte wegen der Umstrukturierung nicht in Gefahr sein.» Allzu sicher sollte er sich jetzt nicht mehr sein.

Antanzen muss die SDA-Spitze demnächst bei der zuständigen Kommission des Nationalrats. Dies bestätigt deren Präsidentin Edith Graf-Litscher auf Anfrage. «Ich habe die Geschäftsleitung zu einer Anhörung am 13. Februar eingeladen», sagt die Thurgauer Sozialdemokratin. Vorsprechen werden auch Vertreter der Gewerkschaft Syndicom sowie der SDA-Redaktionskommission. Graf-Litscher sieht in der Agentur einen «zentralen Pfeiler der Schweizer Medienlandschaft und damit unserer Demokratie, gerade auch angesichts der Sparpläne fast aller privaten Verlage».

Verwaltungsrat überrascht

Der SDA-Verwaltungsrat wurde vom Aufstand der Belegschaft völlig überrascht, wie eines seiner neun Mitglieder gegenüber der «Nordwestschweiz» bestätigt. Markus Schwab habe im alten Jahr mehrfach gesagt, er sei mit der Redaktionskommission in engem Austausch und habe «die Sache im Griff».

Ist die Position des 55-jährigen CEOs nun gefährdet? Kaum. Verwaltungsratspräsident Hans Heinrich Coninx – ehemaliger Tamedia-Verleger – gilt als treue Seele. Allerdings wollen er sowie Vizepräsident (und Somedia-Verleger) Hanspeter Lebrument im Juni abtreten, sofern die Fusion mit der Bildagentur Keystone bis dann von der Wettbewerbskommission gutgeheissen ist.

Markus Schwab und sein für den Prozess der Umstrukturierung angeheuerter Kommunikationsberater reagierten gestern nicht auf Fragen der «Nordwestschweiz».