Studie
Die freie Spitalwahl überfordert viele Patienten

Eigentlich gilt die freie Spitalwahl. Doch selber eine geeignete Klinik zu suchen, fällt vielen Patienten schwer, wie nun eine Studie zeigt. Was tun?

Bastian Heiniger
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Eine frischgebackene Mutter würde das Spital wohl besser bewerten als ein Krebspatient, so Conrad Engler von H+.Bethesda Spital.

Eine frischgebackene Mutter würde das Spital wohl besser bewerten als ein Krebspatient, so Conrad Engler von H+.Bethesda Spital.

ZVG/Bethesda-Spital

Das richtige Spital zu finden, ist eine Herausforderung. Besonders für medizinische Laien. Wer sich einer Operation unterziehen lassen muss, hat eigentlich zwei Möglichkeiten: Entweder er vertraut seinem Arzt für eine Überweisung oder er informiert sich selber. Seit 2012 gilt die freie Spitalwahl. Das ist für den Patienten zwar gut, aber kompliziert.

Eine am Dienstag veröffentlichte Studie des Spitalverbands H+ zeigt, dass viele Personen Mühe haben, im Internet die gesuchten Informationen zu finden. Bei einer repräsentativen Befragung von über 1200 Stimmberechtigten trauen sich 64 Prozent zu, selber eine geeignete Klinik zu wählen. Mehr als die Hälfte der Befragten scheitern jedoch bei der Internetrecherche. Heisst: Theoretisch besteht zwar die freie Spitalwahl, doch letztlich bleibt vielen Patienten nichts anderes übrig, als sich auf den Vertrauensarzt zu stützen. Der Arzt entscheidet, wie eh und je also.

Kritik an Spital-Rankings

Warum aber geht es nicht einfacher? Conrad Engler vom Spitalverband und Verantwortlicher für die Studie sagt: «Die Angebote der Internetportale sind noch zu wenig benutzerfreundlich.» Sie seien sehr komplex. Doch gäbe es keine einfachen Lösungen. Infrage stellt Engler etwa Spital-Rankings. «Diese führen zu komischen Resultaten.» Als Beispiel nennt er die Befragung nach der Patientenzufriedenheit. Je nach befragter Person ergibt sich ein anderes Bild. Engler: Beispielsweise gäbe es heute kaum noch Sterblichkeit bei Geburten. «Klar sind dann frischgebackene Eltern zufrieden mit der Klinik.»

Anders würden es etwa Krebspatienten empfinden, die eine Klinik für Onkologie aufsuchten. «Ein Kranker ist in einer völlig anderen Stimmung als eine überglückliche Mutter.» Folglich erhalte ein auf Geburten spezialisiertes Spital bessere Bewertungen als etwa eine Palliativklinik. Und: Ein Unispital mit vielen schwierigen Fällen wird eine höhere Mortalitätsrate aufweisen als andere Kliniken. Ein Ranking mache somit kaum Sinn. «Die Befragung nach der Zufriedenheit eines Flugzeugpassagiers sagt ja auch nichts über die Sicherheit der Airline aus.»

Nur: Wie soll sich denn ein Patient über eine anstehende Operation nun informieren? Engler empfiehlt die Internetseite des Spitalverbands: spitalinformation.ch. Dort sei transparent ersichtlich, welche Dienste ein Spital anbiete. Sonst aber würde er noch immer auf den Hausarzt hören – wie das auch die meisten der Befragten in der Studie tun. Vier Fünftel gaben an, dass sie für eine Überweisung ihrem Arzt vertrauen.

Comparis fordert Transparenz

Englers Kritik gilt unter anderem den Spitalbewertungen des Internet-Vergleichsdienstes Comparis. Felix Schneuwly von Comparis, sagt: «Wir machen keine Spital-Rankings, sondern zeigen die Anzahl Geburten und wie die Mütter Leistung der Ärzte und Pflege bewerten.» Die Patienten verlangten ja nicht Gesamtbewertungen von Spitälern. Vielmehr bräuchten sie spezifische Informationen für den bei ihnen anstehenden Eingriff.

Geht es nach Schneuwly, sollen sich Patienten bei der Frage, wo und bei wem sie unters Messer kommen nicht mehr länger ihrem zuweisenden Arzt blind vertrauen müssen. Mit dem Spitalvergleich will Comparis mehr Transparenz schaffen. Das Projekt steht zwar noch in Kinderschuhen, doch seit diesem Sommer können Patienten zu einem ersten Thema Bewertungen abgeben: den Geburten. Und zwar in den Sparten Leistung, Prozesse, Betreuung und ob sie das Spital weiterempfehlen. Bisher sind in der Deutschschweiz bereits 500 Bewertungen eingegangen. Und nächstens will Comparis orthopädische Operationen als eine weitere Sparte dazunehmen. Dies seien Eingriffe, die jemand länger vorausplane, weshalb ein Vergleich Sinn mache, erklärt Schneuwly.

Von den Spitälern fordert Comparis mehr Transparenz. «Nicht nur über Kosten, sondern auch zur Qualität.» Schneuwly stört die Tatsache, dass Spitäler selber entscheiden, welche Daten sie veröffentlichen. Mehr Klarheit käme letztlich dem Patienten zugute.