Spitalwahl

«Die freie Spitalwahl ist eine Chance»

Mit 16 Jahren Erfahrung in der Privatindustrie wurde der Pharma-Manager und Biochemiker Urs Karli im Oktober 2007 neuer CEO der Kantonsspital Aarau AG. Nun kann er seinen ersten Geschäftsbericht präsentieren, der voll und ganz in seine Verantwortung fällt.

Fränzi Zulauf

Herr Karli, sind Sie zufrieden mit dem Verlauf des Geschäftsjahrs 2008 des Kantonsspitals Aarau (KSA)?
Urs Karli: Ich kam ja als Quereinsteiger ins Spital und bin eigentlich sehr stolz darauf, was wir in diesem Jahr erreicht haben. Da sind einerseits die positiven Behandlungs- und Finanzzahlen, anderseits auch die Projekte, mit denen wir einiges zustande gebracht haben.

Zum Beispiel?
Karli: Als Erstes haben wir in der Geschäftsleitung ein Führungsleitbild erstellt, das die Werte definiert, nach denen wir im Spital führen wollen. Wir sind immerhin das drittgrösste Unternehmen im Kanton. Ein Unternehmen, das etwas bewegen will, muss gut geführt sein. Das ist ein Schlüssel zum Erfolg. Ebenfalls hat der Verwaltungsrat die letztes Jahr entwickelte Unternehmensstrategie verabschiedet. Dann haben wir einige organisatorische Veränderungen vorgenommen. Als ich hierherkam, wurde das Spital von drei Leuten geführt, heute tragen sieben Geschäftsleitungsmitglieder Verantwortung. Damit ist die Leitung breiter im Unternehmen abgestützt.

Und das bewährt sich?
Karli: Den Beweis müssen wir nun noch erbringen. Ich stelle jedenfalls eine grosse Aktivität fest. Wir konzentrieren uns dabei auf wichtige Projekte, die bereits in den nächsten eineinhalb Jahren Resultate bringen sollen. Ich bin sehr zuversichtlich, dass dies gelingen wird.

Welches sind für Sie die wichtigsten Kennzahlen in der Rechnung 2008?
Karli: Die Erträge sind erneut angestiegen, und zwar um fast 7 Prozent. Die Kosten aber sind nur 5 Prozent höher als im Jahr zuvor. Das ist sehr erfreulich.

Worauf sind Sie besonders stolz?
Karli: Darauf, dass wir die Kosten im Griff haben und die Behandlungspreise für Grundversicherte seit 2003 konstant geblieben sind. Ausserdem kennen wir unseren Aufwand für die Behandlungen wohl besser als alle anderen Spitäler der Schweiz - dank den Behandlungspfaden.

Wo gibt es Verbesserungspotenzial?
Karli: Ich möchte, dass wir in Zukunft einen Schritt weiter gehen. Dass wir nicht nur die Kosten anschauen, sondern auch, was wir dafür bekommen. Man nennt das «Ergebnisqualität pro Kosteneinheit». Wir müssen beides - Qualität und Kosten - im Fokus haben; das ist unser Beitrag zur Gesundheitspolitik.

Was kann man sich unter «Ergebnisqualität pro Kosteneinheit» vorstellen?
Karli: Es geht darum, bessere Ergebnisse zu tieferen Kosten zu erbringen. Bei uns forscht Prof. Beat Müller, Bereichsleiter Medizin, auf diesem Gebiet. Er hat den Beweis angetreten, dass Patienten mit Pneumonien weniger lange im Spital bleiben müssen, wenn sie mit weniger Antibiotika behandelt werden. Was doch recht erstaunlich ist. Und solche Erkenntnisse kann man in den verschiedensten Bereichen gewinnen. An der Universität Basel soll eine Professur zu diesem Thema geschaffen werden.

Die Regierung hat die erste Fassung der Spitalrechnung 2008 nicht akzeptiert. Was genau war das Problem?
Karli: Wir hatten unterschiedliche Auffassungen über die Bildung von Rückstellungen.

Im zweiten Anlauf wurde die Rechnung vom Kanton 2008 genehmigt. Hat das KSA nun einfach um des Friedens willen auf diese Rückstellungen verzichtet?
Karli: Grundsätzlich wollten wir möglichst rasch weiterarbeiten. Die Revisionsstelle hat die Jahresrechnung nur mit Anmerkung akzeptiert und ein externes Gutachten hat in der Zwischenzeit bestätigt, dass unsere geplanten Rückstellungen dem Obligationenrecht und den Statuten entsprechen. In diesem Sinne sehen wir uns bestätigt. Aber wir möchten dies nicht weiter kommentieren. Ich denke, es braucht künftig eine bessere Kommunikation zwischen Departement Gesundheit und Soziales, Finanzdepartement und KSA - was aber bereits in die Wege geleitet wurde.

Wie «frei» ist die KSA AG tatsächlich beziehungsweise wo ist es noch zu stark am Gängelband des Kantons?
Karli: Wir befinden uns noch immer in einem Loslösungsprozess, das ist noch deutlich und fast täglich zu spüren. Unser Verwaltungsrat unterstützt uns dabei sehr, innovative Vorhaben umzusetzen. Eine Studie von Avenir Suisse 2008 hat die Selbstständigkeit der Spitäler in den Kantonen untersucht. Der Kanton Aargau schneidet mit dem zweiten Platz im Vergleich schon sehr gut ab.

Und wie ist das in der Realität?
Karli: Im Gespräch mit Kollegen aus anderen Kantonen wird das Ergebnis der Studie bestätigt. Im Alltag sieht das manchmal etwas anders aus. Entscheidungen bei Bauvorhaben, beispielsweise, benötigen heute noch viel Zeit. Wenn der Kanton aber die Liegenschaften wie geplant 2012 an das KSA abtritt, wird dies unsere Selbstständigkeit beträchtlich erhöhen.

Welche Erfahrungen hat man am KSA bisher mit der Fallkostenpauschale gemacht, die ab 2012 obligatorisch wird?
Karli: Sehr gute - das zeigt sich auch im Rechnungsabschluss. Wir arbeiten ja schon seit 2003 erfolgreich mit Behandlungspauschalen. Voraussetzung dafür sind gute Kenntnisse der Behandlungsprozesse, damit die medizinische Qualität durch Prozessoptimierungen sichergestellt werden kann.

Besteht nicht die Gefahr, dass man Patienten zu früh aus dem Spital entlässt, nur damit die Kosten nicht höher ausfallen als die vereinbarte Pauschale?
Karli: Bei uns werden Patienten nicht aus Kostengründen entlassen, sondern weil sie uns nicht mehr benötigen und in einer anderen Institution oder zu Hause adäquater behandelt werden können. Ich glaube nicht, dass man «blutige Entlassungen» befürchten muss, wie dies im Zusammenhang mit den Fallkostenpauschalen oft befürchtet wird. Denn solche Ereignisse fallen sofort auf das entsprechende Spital zurück und schaden dessen Image. Ich sehe ein ganz anderes Problem auf uns zukommen.

Verraten Sie, welches?
Karli: Wir haben als Spital auch einen Ausbildungsauftrag. Eine Hüftgelenkoperation beispielsweise, die ein Chirurg zu Lernzwecken mit Assistenzärzten durchführt, dauert viel länger und wird damit auch teurer. Diese Ausbildungszeit wird indessen in der Fallkostenpauschale nicht berücksichtigt. Die Gefahr besteht, dass deshalb die Ausbildung der Ärzte künftig zu kurz kommt, weil sie für die Spitäler zu teuer wird. Hier muss unbedingt noch eine Lösung gefunden werden.

Ebenfalls ab 2012 soll die freie Spitalwahl gelten. Ist das mehr eine Gefahr oder eine Chance für das KSA?
Karli: Wir verzeichnen schon heute einen grösseren Zuwachs an ausserkantonalen Patienten (2008: + 6,6 Prozent) als an Patienten aus dem Aargau (+4 Prozent). So oder so will das KSA weiterhin eine Medizin von ausgezeichneter Qualität anbieten, und dies auf eine sehr persönliche Art. So gesehen ist die freie Spitalwahl eine Chance. Das Spital hat eine sehr gute zentrale Lage und ist bestens vernetzt - sowohl mit Unikliniken als auch mit den regionalen Versorgern.

Die Spitalkonzeption des Kantons sieht bis 2015 eine Reduktion der Spitalbetten vor. Hat das positive oder negative Auswirkungen auf das KSA?
Karli: Ich kann mir eine Reduktion der Spitalbetten im KSA nicht vorstellen. Kantonsweit gesehen könnte eine Reduktion helfen, die ambulante Medizin voranzubringen. Das kann durchaus im Sinne der Patienten sein. Natürlich müssen weiterhin genügend Betten für stationäre Patienten vorhanden sein. Es ist mehr die Frage, wo diese Betten platziert sind.

Welche Ambitionen hegt das KSA im Bereich der Spitzenmedizin?
Karli: Spitzenmedizin sollte nicht einfach an einem Ort konzentriert sein, aber es ist auch nicht sinnvoll, wenn alle Spitäler alles anbieten. Es sollten vielmehr Netzwerke gebildet werden, innerhalb derer sich über die Kantonsgrenze hinaus verschiedene Spitäler zu Kompetenzzentren zusammenschliessen. Auf diese Weise kann man gemeinsam das ganze Spektrum der Spitzenmedizin abdecken. Wir werden bis Ende Jahr definieren, welche Kompetenzzentren wir anbieten und mit wem wir in welchen Bereichen zusammenarbeiten wollen.

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