Frauen erlebten bei den Wahlen am Sonntag in Zürich einen regelrechten Schub. Unter den 38 Neugewählten sind 28 Frauen. Sie besetzen neu 71 der 180 Ratssitze, 2015 waren es noch 61. Der Frauenanteil ist bei dieser Wahl um etwa sechs Prozentpunkte gestiegen und beträgt neu 39,4 Prozent. Das ist schweizweiter Rekord. Nie zuvor waren Frauen in einem kantonalen Parlament besser vertreten als nun in Zürich. Die Steigerung ist auch insofern ausserordentlich, weil sich der Frauenanteil in den letzten 15 Jahren bei rund einem Drittel eingependelt hatte – jetzt haben die Frauen einen Sprung gemacht.

Für Maya Graf, grüne Nationalrätin (BL) und Co-Präsidentin des Frauendachverbands Alliance F, liefert Zürich deshalb den Beweis: «Wir können die Parität der Frauen in politischen Gremien erreichen.» Der grösste Kanton der Schweiz lege einen neuen Massstab vor. Aus der Erfahrung ihres eigenen Kantons wisse sie aber: «Wir müssen weiter dranbleiben.» In Baselland erreichte der Frauenanteil vor vier Jahren einen Höchstwert von 37,8 Prozent. Wegen Rücktritten ist er nun wieder gesunken. Dasselbe Bild in Luzern, wo die Frauen 2015 29,2 Prozent der Kantonsratssitze besetzten, heute aber nur noch 26,7 Prozent. Ob sich die Frauen demnächst verstärkt in die Politik einbringen können, zeigt sich am Sonntag: In beiden Kantonen wird gewählt.

  

Mehr Männer abgewählt

Die Neuwahl von 28 Frauen im Kanton Zürich ist nur ein Grund für den sprunghaften Anstieg: Zu den Abgewählten zählen deutlich mehr Männer. 13 Kantonsräte und 5 Kantonsrätinnen schafften die Wiederwahl am Sonntag nicht. Maya Graf, weist darauf hin, dass ein Wechselspiel zwischen dem Erfolg der Ökoparteien und der Frauen besteht: «Themen wie Klimaschutz und Nachhaltigkeit sprechen viele Frauen an.» Gleichzeitig fördern die linken/grünen Parteien die Frauen seit Jahren gezielt. Der Erfolg sei die Frucht jahrelanger Arbeit der Parteien – und von Frauenorganisationen wie Alliance F.

Das Gegenteil gilt für die SVP, die am Sonntag neun Sitze verlor: Unter den Abgewählten befinden sich ausschliesslich Männer.

SP hat am meisten Frauen

Wie direkt sich verstärktes Engagement von Frauen auf den Wahlerfolg auswirkt, zeigt der Blick auf die Statistik: Noch nie haben so viele Frauen für die Kantonsratswahlen Zürich kandidiert wie in diesem Jahr. 723 Kandidatinnen standen 1011 Kandidaten gegenüber. Die Wahllisten waren also zu 41,7 Prozent mit Frauen gefüllt – auch das ein Rekord.
Bereits in vergangenen Wahlen zeigte sich: Je mehr Frauen sich beteiligen, desto höher sind ihre Wahlchancen. Mitmachen alleine reicht aber nicht, um gewählt zu werden, wie Jessica Zuber, Kampagnenleiterin von Alliance F, sagt. «Ein entscheidender Faktor für die Erhöhung des Frauenanteils im Parlament sind die Listenplätze.» Nur wenn Frauen und Männern gleichermassen chancenreiche Listenplätze zur Verfügung stehen, seien auch die Chancen auf eine Wahl für beide Geschlechter gut.

Dass Listenplätze über den Erfolg einer Wahl entscheiden, ist bekannt. Allerdings nutzen längst nicht alle Parteien dieses Wissen, um Frauen zu fördern. Immerhin hievten nebst linken Parteien zuletzt auch die Grünliberalen Kandidatinnen gezielt auf aussichtsreiche Plätze, wie Corina Gredig, Co-Präsidentin der GLP Zürich, sagt. Das Resultat: Von neun neugewählten Grünliberalen sind acht Frauen. Bei den Grünen sind es sieben von elf. Bei der SP sind es etwas weniger. Sie stellt allerdings bereits heute deutlich mehr Kantonsrätinnen: 20 Frauen besetzen 35 SP-Sitze.

Auch bürgerliche Parteien wie die FDP haben begonnen, Frauen zu fördern und sie auf attraktive Listenplätze zu hieven. Sie tun es aber nicht mit derselben Konsequenz – und erzielen entsprechend nicht den gleichen Erfolg.

Druck durch Kampagne

Dass sich das Verhältnis der Geschlechter auch im nationalen Parlament zugunsten der Frauen verändern könnte, hat einen weiteren Grund. Corina Gredig verbindet den Wahlerfolg der Frauen auch mit der im Herbst angelaufenen nationalen Kampagne «Helvetia ruft», über welche Frauen für politische Ämter motiviert und ausgebildet werden sollen.
Tatsächlich erhöht die Kampagne den Druck auf alle Parteien, für die nationalen Wahlen im Oktober paritätische Listen zu entwerfen. «Im Rahmen der Kampagne ‹Helvetia ruft›, werden wir im Herbst im grossen Rating der Listen zeigen, welche Parteien konsequent Frauen und Männer gleichermassen fördern und welche in diesem Wettbewerb noch viel Aufholbedarf haben», sagt Jessica Zuber, die die Kampagne leitet. Herausgefordert sind die Frauen vor allem im Ständerat: Dort droht ihr Anteil gar unter die heutigen 13 Prozent zu fallen.

Auch einzelne Kantone hinken einer paritätischen Verteilung der Mandate hinterher (siehe Grafik oben): Im Kanton Schwyz konnten die Frauen bei den letzten kantonalen Wahlen nur gerade 14 Prozent der Mandate ergattern. Auch St. Gallen und das Wallis haben mit 18,3 und 19,2 Prozent Frauenanteil noch viel Luft nach oben. Immerhin: Falls sie daran etwas ändern wollen, wissen sie nun zumindest, wie es geht.