Ignazio Cassis soll für das Tessin in den Bundesrat. Doch der 56-Jährige, der diese Woche von seiner Kantonalpartei auf den Schild gehoben wurde, muss mit harter Konkurrenz aus der Romandie rechnen. Zwar dürfte ihm der einzige welsche Freisinnige, der sich schon aus der Deckung gewagt hat – der Genfer Nationalrat Christian Lüscher – kaum gefährlich werden.

Der 53-jährige Anwalt, der viele ausländische Potentaten vertritt, gilt als moralisch zu wenig verlässlich. Die Romandie aber wird bestimmt noch andere Kandidaten – und vor allem Kandidatinnen – ins Spiel bringen.

Die Ambitionen der Deutschschweizer Freisinnigen hingegen wurden frühzeitig gebremst. FDP-Präsidentin Petra Gössi stellte unmissverständlich klar, der durch den Rücktritt Didier Burkhalters frei werdende Sitz gehöre der «lateinischen Schweiz». Andernfalls hätte sich die St. Galler Ständerätin Karin Keller-Sutter aussichtsreiche Chancen ausrechnen dürfen.

Ihr wird nicht nur politische Sachkompetenz, sondern auch Führungsstärke zugeschrieben – und als gewichtiges Argument für ihre Wahl hätte die 53-Jährige zudem ihre geografische Heimat geltend machen können: Rechnet man die peripheren Kantone Graubünden (Eveline Widmer-Schlumpf) und Appenzell Ausserrhoden (Hans-Rudolf Merz) nicht zur Ostschweiz, wartet die grosse Wirtschaftsregion seit dem Rücktritt des CVP-Bundesrates Kurt Furgler vor 31 Jahren auf einen Sitz.

Zweite sind die ersten Verlierer

Cassis, Lüscher, Keller-Sutter: Die drei Freisinnigen haben eines gemeinsam – sie alle wurden im Vorfeld von Bundesratswahlen bereits einmal als Kandidaten gehandelt. Der Tessiner unterlag vor sieben Jahren schon in der parteiinternen Ausmarchung, als ein Nachfolger für Merz zu bestimmen war. Lüscher machte 2009 gegen Didier Burkhalter Zweiter, genauso wie Keller-Sutter im Jahr darauf gegen Schneider-Ammann.

Alle drei Bundespolitiker gehören somit auf die Liste mit zweifelhaftem Ruf, auf der zwar gute und beliebte, aber auf dem Weg nach ganz oben letztlich gescheiterte Politiker verewigt sind. Immerhin: Mit Cassis hat nun wenigstens einer von ihnen gute Chancen, sein Verliererimage abzustreifen.

Noch mehr «ewige» Kandidaten als bei der FDP finden sich bei der SVP: In keiner anderen Partei wurden und werden so viele Kandidaten «verbrannt», denen letztlich nichts blieb ausser grosse Enttäuschung. Spitzenreiter unter den Verbrämten sind Nationalrat Jean-François Rîme (FR) und Ständerat Hannes Germann (SH), beide sind mindestens dreimal erfolglos angetreten.

Der Thurgauer Industrielle und frühere Nationalrat Peter Spuhler stellte sich selbst zwar nie zur Verfügung, wurde aber ebenfalls etliche Male ins Spiel gebracht. Nach dem Abgang von BDP-Bundesrätin Widmer-Schlumpf geisterten zudem die Namen des Thurgauer Ständerats Roland Eberle und des Schaffhauser Nationalrats Thomas Hurter herum. Auch den Nationalräten Yves Nidegger (GE), Heinz Brand (GR) und Hansjörg Walter (TG) wurden in den vergangenen Jahren immer wieder Ambitionen nachgesagt – genauso wie Rita Fuhrer, der früheren Zürcher Regierungsrätin.

Blochers Sprengkandidaten

Warum führt ausgerechnet die SVP die Liste der ewigen Bundesratskandidaten an? Der Grund ist wohl in zwei Ereignissen des vergangenen Jahrzehnts zu suchen: Zum einen im Ende der Zauberformel – jener bis 2003 geltenden informellen Abmachung, der FDP, SP und CVP je zwei und der SVP einen Sitz zuzugestehen; zum anderen in der Abwahl Christoph Blochers vier Jahre später. Seither propagierte die Partei bei jeder Gelegenheit Sprengkandidaten, die Widmer-Schlumpf hätten aus dem Amt drängen sollen. So verheizten sie Kandidat um Kandidat.

Als bedeutendste Oppositionspartei agieren die Grünen ähnlich: Sie forderten die arrivierten Parteien regelmässig mit eigenen Kandidaturen heraus – stets vergeblich. Mehrmals scheiterten die beiden Waadtländer Luc Recordon und Daniel Brélaz sowie die Zürcherin Ruth Genner. Trotzdem haftet ihnen im Unterschied zu den gescheiterten SVPlern und einigen Freisinnigen kein Verliererimage an: Ihre Kandidaturen galten stets als derart aussichtslos, dass der Einzug in die Landesregierung eine riesige Sensation gewesen wäre.