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Die Erstfahrt im neuen, schnellen Gotthardzug Giruno: «Nie gerät er ins Wanken»

Nur Pleiten und Pannen bei den SBB? Die Erstfahrt des neuen Gotthardzuges ist ein Akt der Selbstvergewisserung. Ein Reisebericht.

Der Zug fährt also. Sanft rollt der Giruno des Thurgauer Herstellers Stadler aus dem Zürcher Hauptbahnhof. Die Lautsprecher knacken, gut gelaunt begrüsst der Zugchef die Reisenden des Interregio 46 nach Erstfeld. «Guten Morgen, geschätzte Fahrgäste!», tönt es aus den Lautsprechern.

Alles ganz vertraut, alles ganz unaufgeregt. Dabei ist an diesem Mittwochmorgen der neue Gotthard-Zug erstmals mit Kunden an Bord unterwegs – was der Zugchef unwissenden Fahrgästen vorsorglich dann doch noch erklärt. Wer nun viel Pomp und Spektakel erwartet, wird enttäuscht. Noch 1956 glich die Erstfahrt der neuen Gotthard-Lokomotive «einem Triumphzug durch die Schweiz», wie die «NZZ» damals rapportierte.

Im Vergleich dazu ist die Jungfernfahrt des Giruno – die SBB haben 29 Kompositionen für knapp eine Milliarde Franken bestellt – schon fast verdächtig normal. Im Zug sind immerhin Stadler-CEO Thomas Ahlburg und SBB-Spitzenmanager Toni Häne dabei, ebenso Dutzende Bahnfunktionäre und Journalisten.

In den Abteilen hat sich der aus Autos bekannte Neuwagenduft noch nicht verflüchtigt, der Innenraum wirkt zugleich hochwertig wie unprätentiös. Die Sitze sind ordentlich gepolstert, die Abfalleimer aus Chromstahl und die Akustik angenehm gedämpft. So weit, so unspektakulär.

Immerhin: Die geschlechtergetrennten Toiletten haben schon für einige Schlagzeilen gesorgt. Fahrgastvertreter bemängeln, dass das Pissoir etwas gar klein geraten sei.
Der Detailgrad dieser Kritik verdeutlicht, warum die Giruno-Premiere eben doch aussergewöhnlich ist: Weil die Schweizer Bahnwelt gerade von einem beispiellosen Trauerspiel erschüttert wird – und so eine reibungslose Erstfahrt plötzlich einem Akt der Selbstvergewisserung gleicht. «Wir können es noch», lautet die Devise, die auf dieser Fahrt über allem schwebt. Denn derzeit sind es vor allem zwei Ausdrücke, die den SBB-Zügen anhaften: Pleiten und Pannen.

Verantwortlich dafür ist die Einführung des Fernverkehrszuges FV-Dosto – die grösste Rollmaterialbestellung in der Geschichte der SBB ist ein endloses Drama. Seit über fünf Jahren verzögert sich die Auslieferung der Züge, erst seit dem vergangenen Fahrplanwechsel sind die ersten im Einsatz. Weil es im Obergeschoss stark schüttelt, nennen viele Reisende den FV-Dosto schlicht Schüttelzug.

Wettstreit der Prestigezüge

Toni Häne steht in einem der Erstklassabteile und lacht gelöst, draussen glitzert der Zürichsee unter grauen Wolken. Ohne Zweifel, sagt der Personenverkehr-Chef der SBB, diese Fahrt tue gut. «Wir können demonstrieren, dass wir sehr wohl in der Lage sind, so eine grosse Bestellung zu managen.»

Häne ist seit 48 Jahren bei den SBB, er fing als Stationslehrling an und ist heute die Nummer zwei im Konzern. Wenn einer versteht, warum das Image zuletzt gelitten hat, wenn einer einordnen kann, welch identitätsstiftende Rolle die SBB als nationale Institution haben, dann ist es der Mann mit dem grauen Schnauz.

Über den FV-Dosto redet Häne nicht, nicht an diesem Tag. Auch Stadler-CEO Thomas Ahlburg spricht in einer kurzen Ansprache im Zug nur über seinen Giruno, die Zwischentöne jedoch sind vieldeutig. Stolz sei er auf den «ersten Hochgeschwindigkeitszug in unserer Unternehmensgeschichte», sagt Ahlburg. «Es ist möglich, am Werkplatz Schweiz innovative Fahrzeuge zu bauen.»

Dass die Bundesbahnen vor zehn Jahren ihren bis dato grössten Auftrag an den kanadischen Bahnmulti Bombardier vergaben und den einheimischen Zugbauer Stadler aufs Abstellgleis schickten? Ahlburg würde sich nur selbst schaden, wenn er angesichts der aktuellen Wirren mit Schadenfreude reagieren würde.

Tatsächlich könnte man die Geschichte der beiden Prestigezüge auch entlang eines «Bad guy and good guy»-Plots erzählen. Anders als beim FV-Dosto, rechnen beim Giruno alle Verantwortlichen mit einer reibungslosen Einführung. Zum Warmlaufen verkehren einige Kompositionen vorerst als Interregio zwischen Basel und Zürich, ab dem nächsten Fahrplanwechsel fahren sie auf der Gotthardachse bis ins Tessin und wohl ab Frühjahr 2020 weiter bis Mailand.

Fachsimpeln über Laufruhe

Natürlich, da ist noch die Frage aller Fragen: Wie kommt der Zug bei den Kunden an? Unter die ersten Fahrgäste haben sich einige ferrophil veranlagte Zeitgenossen gemischt. In einem Zweitklass-Abteil fachsimpeln zwei Mittsiebziger über die Laufruhe des Giruno. «Nie gerät er ins Wanken», schwärmt einer der Senioren.

Der andere lobt «diese innere Ruhe», die starke Dämmung gegen Schall und den druckdichten Wagenkasten. In einer kurzen Umfrage im Zug fällt immer wieder ein Begriff: Geräumigkeit. Von den Abteilen mit viel Beinfreiheit über die Gepäckzone bis hin zu den badezimmerhaften Toiletten, alles sei grosszügig ausgelegt.

Ein wenig getrübt wird die Erstfahrt einerseits, weil der Giruno Erstfeld mit vier Minuten Verspätung erreicht. Und andererseits wegen einer Türstörung, die in einem Zugsteil auftritt. Zum Glück, sagt eine Reisende aus Arth-Goldau. «Fänden Sie es nicht unheimlich, wenn gar nichts schiefgehen würde?»

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Autor

Sven Altermatt

Sven Altermatt

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