Christian Nünlist

Gleichzeitig wird Chruschtschow heute aber als wichtiger Wegbereiter für das Ende des Kalten Krieges gesehen. Chruschtschow brach mit Stalins Doktrin, wonach ein Krieg mit dem kapitalistischen Westen unvermeidbar sei. Er plädierte stattdessen für Friedliche Koexistenz von Ost und West und versuchte die Spannungen mit dem Westen zu reduzieren. 1959 reiste erstmals ein Kremlherrscher zum „Feind" nach Amerika und traf sich in Camp David mit Präsident Eisenhower. Chruschtschow reduzierte die sowjetischen Streitkräfte dramatisch und setzte sich für eine Demilitarisierung des Kalten Krieges ein. 1963 kam es mit dem nuklearen Teststopp-Vertrag zum ersten Abrüstungsabkommen zwischen Ost und West.

1956 distanzierte Chruschtschow sich von den Verbrechen Stalins und versuchte die sowjetische Gesellschaft zu entstalinisieren. Die Reformen schwappten auf Polen und Ungarn über - im Ostblock entstanden die ersten Risse. Unter Chruschtschow wurde die Sowjetunion liberaler, 1962 erlaubte er etwa die Publikation von Alexander Solschenizyns kritischem Buch „Ein Tag im Leben des Iwan Denissowitsch" - die Sowjetunion kehrte danach nie mehr zum Barbarismus Stalins zurück. Chruschtschow war in diesem Sinne ein wichtiger Vorläufer von Gorbatschow und seinen Reformpolitikern, die alle in der Chruschtschow-Ära politisiert wurden.

Wir erinnern mit einer 15-teiligen Artikelserie an das "andere 9/11" - an den 9.11.1989 und stellen 15 Wegbereiter des Wende- und Wunderjahrs 1989 vor - politische Akteure, die unserer Meinung nach einen zentralen Beitrag geleistet haben, dass der Kalte Krieg nach 45 Jahren zu Ende ging - und zwar auf die Art und Weise zu Ende ging, wie er zu Ende ging, nämlich weitgehend friedlich und ohne Blutvergiessen.