Um drei Uhr geht der Weckalarm eines Mobil Phones los. Der Besitzer regt sich nicht. Ich liege schon lange hellwach in der Mönchsjochhütte und überlege mir, ob die beiden Erstbesteiger Meyer in ihrem Biwak aus Mänteln und einem Tuch, das ihnen später als Gipfelfahne diente, nicht doch besser geschlafen haben müssen.

Die Mönchsjochhütte ist einer der höchst gelegenen, bewarteten Hütten in der Schweiz, auf 3627 Metern über Meer wie ein Schwalbennest an den Fels geschraubt. Mein Puls, sonst auf 54, pocht hier mit 77 Schlägen pro Minute. Kein Wunder schläft man schlecht. Um 1 Uhr bin ich aufgewacht.

Aufstieg auf die Jungfrau 200 Jahre nach der Erstbesteigung

Aufstieg auf die Jungfrau 200 Jahre nach der Erstbesteigung

Kein Laut drang durch das geöffnete Fenster in den Schlafraum, die Welt draussen war wie nicht da. Dann kam um halb 2 Uhr Wind auf und mein Nachbar begann, mir ins Ohr zu schnarchen. Ich ging aufs Klo. Ausserhalb der Hütte blies der Wind über die Gitterplattform. Unter mir zog sich der Jungfraufirn südwärts Richtung Rhônetal. Quer darüber lag am Himmel die Milchstrasse. Das Panorama wirkte unwirklich zweidimensional wie ein Bild.

Gämsjäger führten die Brüder

Dort unten auf dem Gletscher haben Rudolf und Hieronymus Meyer aus Aarau am 2. August 1811 übernachtet. Mit ihnen waren die beiden Gämsjäger aus dem Lötschental, Alois Volker und Joseph Bortis. In ihrem Bericht «Reise auf den Jungfrau-Gletscher und Ersteigung seines Gipfels» heisst es: «Wir schichteten uns, so gut es ging, neben- und übereinander, um uns gegenseitig zu erwärmen. Wenige Stunden Schlaf reichten zur Herstellung unserer Kräfte hin».

Ob auch es auch ohne Schlaf geht? Irene, die Fotografin, hat kein Auge zugetan. Wir hoffen, dass es Tobi, der uns führen wird, besser ergangen ist, doch er gibt eine unbestimmte Antwort und schenkt sich Kaffee ein. Wir sind erst am Tag zuvor in Aarau gestartet und mit der Bahn innert vier Stunden 3000 Meter in die Höhe gefahren. Natürlich sind wir nicht akklimatisiert. Für die Gebrüder Meyer bricht nach zwei Übernachtungen auf dem Gletscher der sechste Reisetag an. Es ist der 3. August.

Lange Reise ins Ungewisse

Am 29. Juli waren sie mit drei Bediensteten und einem Träger von Aarau her über den Brünig und den Grimselpass ins Wallis gereist. Sie beschlossen, nicht direkt über den Aletschgletscher aufzusteigen, sondern gelangten in nur einem Tag (!) mit allem Gepäck wahrscheinlich über den Beichpass ins Lötschental. Dort suchten sie einen Gämsjäger auf, der ihnen als Führer empfohlen worden war. Sie trafen zwei an und nahmen beide mit, weil keiner ohne den anderen gehen wollte. Als Tageslohn machten sie 25 Batzen pro Gämsjäger aus. Das entsprach 6 kg Brot oder 60 kg Kartoffeln.

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Oben bei der Lötschenpasslücke schicken die Brüder die drei Bediensteten zurück, weil sie «allzu viel Aengstlichkeit verrieten». Die Gruppe steht vor einer einzigartigen Welt: Alle Gletscher hier münden unten auf dem Konkordiaplatz in den Aletschgletscher. Mit rund 23 Kilometern Länge ist er noch immer der grösste und längste der Alpen. Doch er schwindet immer schneller, in der Zeit der Jungfrau Erstbesteigung war er 3 Kilometer länger.

Mystifizierte Jungfrau

Als wir um zwanzig vor fünf vor die Hütte treten, zieht sich östlich neben dem Mönch ein zart-roter Streifen über den Horizont. Ich fühle mich wie ein Eindringling. Die Nacht in den Bergen gehört nicht den Menschen. Die Jungfrau schimmert zart. Es fällt leicht, in ihr mehr als aufgetürmtes Gestein zu sehen.

Hüttenwartin Heide König liegt die Mystifizierung der Jungfrau fern. «Die Jungfrau war einfach immer da», hatte sie gesagt, als sie sich am Vorabend nach dem Nachtessen zu uns gesetzt hatte. Als Grindelwaldnerin sei sie «im Schatten des Eigers aufgewachsen». Sie war noch nie oben. Nicht auf dem Eiger, nicht auf dem Mönch oder der Jungfrau. Hingegen muss sie alle zwei Wochen raus aus dem Eismeer. «Ich bin von März bis Oktober hier oben», sagt sie, «mir fehlen die Blumen.» Auch die Meyer-Brüder schrieben: Das Einzige, was «in das unübersehbare Todte einen Schein des Lebens hineinträgt», sei die Bewegung der Nebel und Wolken.

Ohne Pickel und Steigeisen

Heute ist der Himmel klar, die Verhältnisse sind perfekt. Unterhalb des Jungfraujochs montieren wir die Steigeisen und seilen uns an, die Stirnlampen benötigen wir schon nicht mehr. Lange fällt kein Wort. Man hört nur den eigenen Atem, das Schleifen des Seils im Schnee und das metallene Klirren der Ausrüstung. Rasch erreichen wir den östlichen Sporn des Rottalsattels, wo die einzige kurze Kletterei durch Felsen folgt.

Auch Hieronymus und Rudolf Meyer sollen über ihn hochgestiegen sein, sicher ist es nicht (siehe Text rechts). Sicher ist: Sie sind ohne Steigeisen und Pickel unterwegs. «Ein starker Alpen- oder Tragstock, oben mit einem eisernen Haken versehen, ist in solchen schwierigen Bergerkletterungen das zweckmässigste Werkzeug.» Sie haben zudem eine rund sechseinhalb Meter lange demontierbare Leiter dabei, um breite Gletscherspalten zu überqueren, und rund 30 Meter Seil. Angeseilt scheinen sie aber nicht zu sein, nur manchmal benutzen sie es, um sich an schwierigen Stellen daran hochzuziehen oder hinunterzugleiten.

«Felsenriff mit finstern Schatten»

Wir sind auf dem Rottalsattel am Fuss des Jungfraugipfels angelangt. Die Traverse vom Rottalsporn zum Sattel war einfacher, als sie ausgesehen hatte. Zum Sattel hinauf mussten wir eine grosse Wechte überwinden, eine steile Kletterei. Die Tritte unser Vorgänger sind hilfreich, der Schnee ist noch fest.

Nun aber der Gipfelhang. Linker Hand fällt der Fels senkrecht ab. «Schaudernd senkte sich der Blick in die entsetzliche finstere Kluft des Lauterbrunner Thals. Es glich einem mit finstern Schatten ausgefüllten Felsenriffe». So ist es noch heute. Nur dass heute am Grat Eisenstangen zur Sicherung in den Fels eingelassen sind.

Die «Madame Meyer», wie sie manchmal genannt wird, hat über 100 Personen auf dem Gewissen. Die meisten Unfälle sind an diesem Firnhang zwischen Sattel und Gipfelfelsen geschehen. 2007 stürzten hier die sechs Rekruten der Gebirgsspezialisten hinunter, nachdem sich im Neuschnee eine Lawine gelöst hatte. Die Jungfrau ist kein speziell attraktiver Berg für Bergsteiger, zum Klettern gibts wenig. Aber ihre Weltberühmtheit macht sie zu einem oft unterschätzten Ziel.

Auf dem Spielplatz Europas

Die Meyers «schauderte» die Gratkletterei, rittlings rutschten sie aufwärts. Kurz vor dem Gipfel erblickten sie «nicht ganz ohne Schrecken» einen tiefen Eisschrund, einen guten Schritt breit. Vorsichtig steigen sie hinüber.

Sie besteigen den ersten 4000er der Schweiz. Die Gipfel um sie herum haben noch nicht mal alle einen Namen. Und so schreiben sie pathetisch: «Das im Oberlande des Kantons Bern gelegene Gebirge der Jungfrau (...) ward bisher für unersteiglich gehalten, weil sich noch niemals ein Sterblicher in den Mittelpunkt jener über den Alpen ausgelagerten Eismeere wagte». Erst ein halbes Jahrhundert später wird 1857 in London «The Alpine Club» gegründet, die Engländer stürmen die Alpen und der Erstbesteiger des Bietschhorns, Leslie Stephen, erklärt 1859 die Alpen zum «Playground of Europe».

Hightech-verwöhnt

Jetzt denke ich nicht an all dies und dass vor uns schon tausend andere oben waren. Ich denke an den nächsten Schritt. Der Berg schwindet, der Himmel rückt näher. Um zwanzig vor
10 Uhr sind wir oben. Vier Stunden schneller als die Meyer-Brüder und können uns doch nichts darauf einbilden. Panorama und Wind, beides nimmt uns den Atem. Es gibt kein Kreuz und kein Gipfelbuch – ein Rest Jungfräulichkeit.

Natürlich sind wir verweichlicht. Unsere Ausrüstung ist auf ein Minimum optimiert. Softshell, Windstopper, Polartec, Powerstretch-Gewebe, Microfleece. Die Outdoor-Technologie hat neue Wörter kreiert. Die Meyer-Brüder in ihren schweren Wollkleidern berichten auf dem Gipfel cool: «Der Puls ging nur so schnell, als er durch die Mühseligkeit des Steigens beschleunigt worden sein mochte».

Aber sie schreiben auch dies: «Unter uns lag alles schwarz, dunkel, lichtlos. (...) Wir suchten vergebens die Kette unseres vaterländlichen Jura – Alles war ein trübes, verschwimmendes Einerlei». Was sie selbst vermuteten, war wohl wahr: Ihre Augen waren vom Schnee halb blind. Sonnenbrillen waren unbekannt und die Tücher, die zu Beginn der Gletschertour noch als Schutz von ihren Hüten hingen, hat nur einer aufbehalten. Sie waren überzeugt: «Um dieses (den Sonnenbrand, d. Red.) und das darauf gewöhnlich erfolgende Schälen der Haut zu verhüten, ist nichts besser, als sich das Gesicht unaufhörlich mit Schnee zu befeuchten». Auf dem Rückweg müssen sie einem der Gämsjäger die schmerzenden Augen verbinden und am Seil bis zum Nachtlager zurückführen.

Eine Wüste aus Schnee

Auch wir müssen runter. Wir gehen breitbeinig, wir konzentrieren uns, der Abstieg ist immer heikler. Zweieinhalb Stunden später stehen wir erleichtert auf dem Jungfraufirn. Es sind nur noch eineinhalb Kilometer und 160 Höhenmeter bis zum Jungfraujoch. Nicht weit dröhnt ein Lüftungsschacht der Bahn und Touristen sausen kreischend auf einem Seilbähnchen durch die Luft. Doch die Gletscherwüste will nicht enden. Die Sonne brennt, der Schnee wird weich und mühsam. Wir brauchen fast eine Stunde. Als wir zum Stollenloch kommen, filmt uns ein Inder.

Tags darauf schälen sich unsere Hälse, obwohl wir die Sonne auf dem Gletscher im Rücken hatten.