Atomdebatte
Die Energiewende in der Schweiz: Die Welt gehört den Mutigen

Eine solche Zäsur hatte die Schweizer Politik selten erlebt: 75 Tage nach Fukushima beschloss der Bundesrat den Atomausstieg. Gestern nun, weitere 16 Monate später, präsentierte er die Massnahmen dazu.

Christian Dorer
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Wird von der BKW betrieben: Das AKW Mühleberg (Archiv)

Wird von der BKW betrieben: Das AKW Mühleberg (Archiv)

Keystone

Und die bereiten weit mehr Kopfweh als der hehre Grundsatz: Der Energiepreis soll um 20 bis 30 Prozent steigen, der Verbrauch um 35 Prozent sinken. Das klingt unglaublich ambitioniert. Die Frage sei erlaubt: Ist das realistisch - oder sind da Utopisten am Werk?

Was die Energiewende zusätzlich verkompliziert: Bis sie umgesetzt sein soll, sind die jetzigen Bundesräte längst nicht mehr im Amt. Und deren Kritiker ebenso wenig. Heute aber kann kein Mensch mit Sicherheit wissen, welche Seite Recht hat, die Visionäre oder die Warner.

Stellen wir uns also den Worst Case für beide Szenarien vor. Gelingt die Energiewende nicht wie geplant, so würden die bestehenden AKW länger am Netz bleiben, die Energiekosten noch stärker steigen, Zwangsmassnahmen verstärkt, es bräuchte wohl zusätzliche Gaskombi-Kraftwerke. Machen wir hingegen weiter wie bisher, so hat uns Fukushima den Worst Case vor Augen geführt - eine Katastrophe, die die Experten zuvor für unmöglich gehalten hatten. Für unser Land würde das bedeuten: Ein grosser Teil der Nordwestschweiz wäre auf einen Schlag unbewohnbar. Diese Zeitung etwa hätte gerade noch einen von 16 Redaktionsstandorten, wenn man - analog zu Fukushima- einen 30-Kilometer-Sperrkreis um die Schweizer AKW legt: Einzig das Büro in der Stadt Solothurn bliebe übrig.

Die Erfahrung zeigt: Erstens setzt sich der Fortschritt meistens durch. Zweitens brauchen gewisse sinnvolle Entwicklungen am Anfang ein wenig Zwang. In den 1980er-Jahren gab es in Unternehmen ernsthafte Debatten darüber, ob man an der Schreibmaschine festhalten oder auf Computer umstellen soll - der Fortschritt hat sich durchgesetzt. Etwa zur selben Zeit wurde das Katalysator-Obligatorium für Neuwagen eingeführt - heute sind alle froh darüber, damals brauchte es Zwang.

Ähnlich verhält es sich mit den neuen Energien: Ohne Not bleiben sie Nischenprodukte, jetzt erhalten sie eine echte Chance. Und damit die ganze Schweiz. Unser Land kann sich dank der Energiewende als Hightech-Nation profilieren, die in einem zukunftsträchtigen Megabereich Spitzentechnologien entwickelt, die zu einem Exportschlager werden könnten.

Der Weg ist lang. Frühestens 2015 wird das Volk abstimmen. Bis dann wird Fukushima weit in den Erinnerungen zurückliegen. Wenn Bundesrätin Doris Leuthard trotzdem eine Mehrheit überzeugen kann, so könnte die Energiewende zu einem Projekt werden, das dieses Bonmot bestätigt: Die Welt gehört den Mutigen.