Die Zürcher SVP-Nationalrätin Natalie Rickli hat es geschafft, mit einer Aussage auf «TeleZüri» in Deutschland eine riesige Debatte auszulösen. Rickli beanstandete, es gäbe zu viele Deutsche in der Schweiz - und forderte eine Ventilklausel. Am Donnerstag war das auf der Onlineseite der «Welt» die meistgelesene Nachricht.

Man muss es Rickli lassen: Sie spürt, wo im Volk Unbehagen schlummert - bei der Zuwanderung - und pickt denjenigen Aspekt heraus, der sich am besten ausschlachten lässt - die Deutschen. Neue Bevölkerungszahlen von dieser Woche sind Wasser auf Ricklis Mühlen: Kein Land in Europa wächst so schnell wie die Schweiz, fast acht Millionen Menschen leben hier, davon über 200000 Deutsche.

Legitime Debatte

Es ist legitim, dass die Schweiz darüber diskutiert, wieviel Zuwanderung sie will. Und ob es so weitergehen kann wie bisher. Bloss: Die Zuwanderung war gewollt, deshalb hat das Schweizer Volk die Personenfreizügigkeit mit der EU eingeführt - und deshalb wächst unsere Wirtschaft nach Jahren der Stagnation heute wieder kräftig. Wenn man der Politik einen Vorwurf machen kann, dann den: Sie vernachlässigt den Ausbau von Wohnungen, Strassen, Eisenbahnen, Fussballplätzen, etc.

Man mag die Zuwanderung beklagen. Die Geschichte jedoch lehrt, dass es dann wirklich schlimm um ein Land steht, wenn es schrumpft. Auch die Schweiz erlebte diese Phase - im 19. Jahrhundert, als sie mausarm war und mancher aus Not in die prosperierenden USA auswanderte. Heutzutage schrumpft Deutschland. Dort gibt es heruntergekommene Städte, die sich wünschen würden, Menschen strömten zu ihnen, weil sie dort Arbeit und ein attraktives Lebensumfeld finden.

Ja, die Deutschen! Sie düpieren uns manchmal mit ihrer geschliffenen Sprache, sie brüskieren uns mit ihrer direkten Art, sie verblüffen uns mit ihrem Eifer; sie ticken in vielem anders als wir. Aber sie stehen uns von allen Einwanderern trotz allen Differenzen am nächsten. Auch das ist eine Folge der Personenfreizügigkeit mit der EU: dass es im Gegenzug praktisch unmöglich geworden ist für Leute ausserhalb Europas, in die Schweiz zu kommen. Und so wird heute eben über die Deutschen gelästert statt über die Türken.

Es kommen Kader

Die Deutschen kommen, weil sie hier eine Arbeit finden. Oft eine gute Arbeit: 51 Prozent haben eine Kaderfunktion. Die Schweiz profitiert davon, dass sie gratis und franko top ausgebildete Fachkräfte erhält; manches Spital würde ohne deutsche Ärzte zusammenbrechen. Deutschland wiederum ist mit Abstand unser bester Exportkunde und sorgt auch als Handelspartner für eine florierende Schweizer Wirtschaft.

Wenn Natalie Rickli behauptet, die Deutschen würden den Schweizern die Jobs wegnehmen, so ist das Blödsinn: Mit einer Arbeitslosenquote von 3,2 Prozent hat die Schweiz quasi Vollbeschäftigung. Die Nagelprobe folgt in der nächsten Rezession. Dann wird sich zeigen, ob massenweise Schweizer entlassen werden und Deutsche ihre Stellen behalten. Zumindest vorläufig hat die Boulevardzeitung «Bild» recht mit ihrer Schlagzeile, auch wenn sie es wie gewohnt etwas salopp formuliert: «Diese Frau redet Käse!»