«Nacht der langen Messer»

Die Bundesratswahlen sind sein Bier

Hilft durch die Nacht der langen Messer: Franco Federico

Hilft durch die Nacht der langen Messer: Franco Federico

Was trinken eigentlich Schweizer Politiker in der «Nacht der langen Messer», an jenem Abend vor dem Tag, an dem sie Bundesräte küren? «Viel Bier», antwortet der Chef-Barkeeper der Bellevue-Bar, Franco Federico.

Franco Federico muss es wissen, ist doch das «Bellevue» der Ort, an dem sich auch heute Abend wieder Chefredaktoren und Politiker auf den Füssen rumtreten. Die vielen Leute, Scheinwerfer des Schweizer Fernsehens und die erhitzten Gemüter - all das sorgt für warme Temperaturen und Durst. Deshalb greifen sogar die Sozialisten lieber zur Bierflasche als zum Cüpli.

Doch das ist dem «Chef de Bar» Franco Federico egal. Ob Staatsoberhaupt, Regierungschef, Tourist oder Schweizer Politiker - für ihn stehen die Menschen im Mittelpunkt. Jene Menschen, die sich an «seiner» Bellevue-Bar einen Drink oder ein Bier genehmigen, um sich in angenehmer Umgebung zu entspannen.

Ein diskretes Geschäft

Angenehm soll die Atmosphäre auch an diesem Nachmittag noch werden. Federico hat sich extra vor seiner Abendschicht Zeit für uns genommen. Doch erst einmal schmerzen die Augen ob all des künstlichen Lichts in der Lobby des Fünfsternehotels Bellevue Palace. Vorweihnachtliches Ambiente soll es ausstrahlen. Glitzernder und funkelnder Baumschmuck darf auch an der Nobeladresse in unmittelbarer Nähe zum Bundeshaus nicht fehlen, an der Politiker während der Session absteigen und Staatsgäste der Eidgenossenschaft einquartiert werden.

Die Bellevue-Bar ist dagegen eine Oase. In sanftes Licht getaucht verströmt sie Behaglichkeit. Nur leise sprechen die zahlreichen Gäste miteinander. Franco Federico gönnt sich ein Mineralwasser, wir Kaffee und Tee. Mit am Tisch sitzt der Hoteldirektor Urs Bührer. Er hat uns vorgewarnt: Die Hotellerie sei ein diskretes Geschäft. Geschichten über Gäste oder ihr Verhalten dürften wir nicht erwarten. Ist er da, um seinen Angestellten Franco Federico zu überwachen? So zurückhaltend der Chef spricht - leise im Ton, als ob er befürchtet, die anderen Gäste in der Bar belästigen zu können -, so zurückhaltend äussert sich auch Federico, als er über sich, seine Arbeit und die prominenten Gäste spricht.

Ist die «Nacht der langen Messer» ein Mythos oder macht sie tatsächlich Bundesräte? Es liege jeweils etwas in der Luft, bestätigt der Chef-Barkeeper. Was genau die Politiker wann, wo und wie entscheiden, das weiss Federico allerdings nicht. Will er es gar nicht wissen oder tut er nur so? «Wir arbeiten an diesem Abend wie an anderen auch», antwortet er. Für Federico und sein Team ist der Abend vor der Bundesratswahl einer unter vielen grossen Anlässen, die im «Bellevue» abgehalten werden. Trotzdem freut er sich darauf.

Den Profi im perfekt sitzenden Anzug scheint nichts aus der Ruhe zu bringen. Immerhin hat Federico schon Gästen wie dem UNO-Generalsekretär Ban Ki Moon Bier ausgeschenkt. «Staatsoberhäupter und Generalsekretäre - sie alle haben ganz normale Bedürfnisse», erklärt er.

Meister der Verschwiegenheit

Der 55-jährige Franco Federico ist italienischer Doppelbürger und wuchs auf Capri im «Mezzogiorno» auf. Dort landete er in der Tourismus- Branche. Nach der Ausbildung auf einer Hotelfachschule auf der Insel im Golf von Neapel ging Federico auf Reisen, arbeitete hier und dort, bis er 1977 in Crans-Montana landete und eine Wintersaison nach der anderen in der Bar verbrachte. Als «Chef de Bar» kam er 1996 schliesslich nach Bern, wo er im «Bellevue» zu arbeiten begann.

Während der letzten fünfzehn Jahre blieb Federico in der Bundesstadt. Mit seiner Schweizer Ehefrau und einer Tochter. Und erlebte manche «Nacht der langen Messer». Auch jene vor der Abwahl Christoph Blochers. Der verschwiegene Profi mag aber auch diese nicht kommentieren. Politisch interessiert ist er trotzdem: Er nehme an Abstimmungen und Wahlen teil; in Italien wie auch in der Schweiz. Ist Silvio Berlusconi auch schon bei ihm eingekehrt? Nein, antwortet Federico. Hätte er ihm ein Bier gezapft? «Ja, sicher», sagt der Mann lächelnd, der das Ideal des zurückhaltenden Gastgebers geradezu verkörpert.

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