Hooligans
Die Bundesbehörden kontern der Kritik von SBB-Chef Gygi

SBB-Chef Ulrich Gygi will gewaltbereite Fussballfans nicht mehr mit der Bahn transportieren und die Klubs zur Rechenschaft ziehen. Das sorgt nicht nur für Zustimmung.

Lorenz Honegger
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Hooligans machen am Bahnhof Krawall

Hooligans machen am Bahnhof Krawall

Keystone

Die Beamten im Bundesamt für Verkehr ärgern sich über die offensive Rhetorik von SBB-Verwaltungsratspräsident Ulrich Gygi (az von gestern) und widersprechen ihm auch inhaltlich. Der oberste Bähnler habe im Interview mit dieser Zeitung den Eindruck erweckt, dass die Bundesbahnen und das Bundesamt als ebenbürtige Partner am Entwurf des Hooligan-Gesetzes arbeiten.

Dieser Darstellung widersprechen die Berner Verkehrsbeamten. Amtlich zitieren lassen sie sich zwar nicht, doch umso deutlicher fällt ihre Kritik aus: «Wir konsultieren die SBB, doch die Gesetzesvorlage arbeiten wir absolut eigenständig aus.» Die SBB hätten im Juni an einem Treffen die Möglichkeit gehabt, dem BAV ihre Sicht der Dinge zur Hooligan-Frage darzulegen.

BAV nicht zufrieden mit Gygi

Nicht glücklich ist Bern zudem mit Gygis Aussage, wonach die SBB aufgrund der gesetzlichen Transportpflicht ausnahmslos alle Fussball-Fans mit Billett – auch die potenziell gewalttätigen – befördern müssten. Das BAV macht geltend, dass das Bahnunternehmen im Einzelfall Störenfriede heute schon ohne weiteres am Perron stehen lassen dürfe. Tatsächlich heisst es in der entsprechenden Verordnung: «Das Unternehmen kann Personen vom Transport ausschliessen, die betrunken sind oder unter dem Einfluss von Betäubungsmitteln stehen» oder «sich ungebührlich verhalten».

Den SBB geht dies zu wenig weit: Künftig wollen sie nicht nur einzelne Krawallmacher, sondern ganze Gruppen an der Mitfahrt hindern können. Hier liegt die Bahn auf einer Linie mit dem Bund, der auch eine Aufhebung der Transportpflicht anpeilt.

Entwurf kommt nächstes Jahr

Einen ersten Entwurf des Hooligan-Gesetzes soll bis im Frühling 2012 vorliegen. Neben der Aufhebung der Transportpflicht und Alkoholverboten in Zügen sind Massnahmen geplant, welche die Sportvereine in die Mangel nehmen: So sollen die Vereine bei Auswärtsspielen die Exra-Züge für ihre Fans selbst chartern. Damit wäre die Haftungsfrage geklärt: Wenn pöbelnde Fussballfans Sitzpolster aufschlitzen oder Fensterscheiben verschmieren, müssten nach holländischem Vorbild die Clubs und nicht die SBB bezahlen.

Die Sport-Lobby wäre alles andere als zufrieden mit dieser Neuerung: «Beim Hooliganismus handelt sich um ein Gesellschaftsproblem, das weit über den Sport hinausgeht», sagt der Berner SVP-Nationalrat und ehemalige Trainer der Eishockey-Nationalmannschaft, Simon Schenk. Der Staat dürfe den schwarzen Peter nicht einfach den Clubs zuschieben. «Die Vereine tragen schon heute immense Kosten. Für mich sind sie primär für die Sicherheit im Stadion verantwortlich.»

Das Bundesamt für Verkehr will sich noch nicht auf derartige Diskussionen einlassen. Es heisst, man stehe am Anfang eines langen Prozesses. Offen sei auch, ob die Massnahmen gegen Hooligans in Form eines komplett neuen Gesetzes oder als Paket mit mehreren Gesetzesänderungen umgesetzt werden sollen.