Als Hexen und Prostituierte: Lange Zeit tauchten Frauen in offiziellen Überlieferungen nur in eher unrühmlichen Rollen auf. Denn die offizielle, politische Schweiz war eine ausschliesslich männliche – das bildet sich auch in den staatlichen Archiven ab. Marthe Gosteli sprang in die Lücke. 1982 – mit 65 Jahren bereits im Pensionsalter – gründete sie ihr Archiv, um all den vergessenen Frauen ein Gedächtnis zu geben. Private Nachlässe werden bewahrt, Unterlagen von Frauenorganisationen archiviert.

Gosteli ist in diesen Tagen eine gefragte Frau. Denn Regisseurin Petra Volpe liess sich für ihren Film die «Göttliche Ordnung» im Gosteli-Archiv zur Schweizer Frauenbewegung inspirieren. Im Nachlass der Stimmrechtsgegnerin Gertrud Haldimann-Weiss fand Volpe einen grünen Einzahlungsschein. Eine junge Mutter hatte darauf notiert, sie sei nicht politisch. Doch die Aktion «Frauenstimmrecht Nein!», fände sie völlig daneben und sie überlege sich nun, aktiv für das Stimmrecht zu kämpfen. Diese Notiz war die Initialzündung für die Hauptfigur des Films «Die göttliche Ordnung», der morgen in die Kinos kommt.

Leben im Archiv

Das Frauen-Archiv hat Gosteli in ihrem Elternhaus im bernischen Worblaufen eingerichtet. Einst ein Bauernhof, lagern nun selbst Dokumente im ehemaligen Pferdestall und im stattlichen Wohnhaus bleibt der bürgerlichen Frauenrechtlerin noch ein Zimmer, um zu leben. Die Küche teilt sie mit den drei Mitarbeiterinnen. Das Archiv ist ihr Lebenswerk. Sie lebt buchstäblich darin und es ist wohl auch der Hauptgrund, weshalb sie sich noch immer den Medien stellt.

An der Wand hängt ein Filmplakat der «Göttlichen Ordnung», der Blumenstrauss von der Berner Vorpremiere steht auf dem Tisch, der Raum ist voller Frauen-Literatur: Marthe Gosteli kommt schnell auf den Punkt. Sie hört zwar nicht mehr gut, doch ihre Stimme ist immer noch sehr deutlich und die Sprache klar: «Ohne all die gescheiten Frauen, die sich in der Vergangenheit exponiert haben, wären die Frauen heute nirgends», sagt die 99-Jährige.

Marthe Gosteli: «Ohne all die gescheiten Frauen, die sich in der Vergangenheit exponiert haben, wären die Frauen heute nirgends»

Marthe Gosteli: «Ohne all die gescheiten Frauen, die sich in der Vergangenheit exponiert haben, wären die Frauen heute nirgends»

Gosteli war als Präsidentin der «Arbeitsgemeinschaft der schweizerischen Frauenverbände für die politischen Rechte der Frau» massgeblich an der Einführung des Frauenstimmrechts 1971 beteiligt. Sie verhandelte mit Bundesrat und Parlament, ging während dreier Jahre im Bundeshaus ein und aus. Sie sagt: «Ich komme aus der Frauenbewegung.»

Und dann spricht sie von der breiten Palette der Aktivitäten von Frauenorganisationen und verdeutlicht damit, dass der Kampf um die politischen Rechte für sie nur einer unter vielen war. Zahlreiche Vorstösse unternahmen die Frauenorganisationen etwa, um die Frau im Ehe- und Familienrecht besserzustellen. Während zehn Jahren kämpften sie für eine Revision des Bürgerrechts, damit Frauen bei der Heirat mit einem Ausländer nicht mehr automatisch ihr Bürgerrecht verloren.

Erst 1952 wurde dieser Passus Geschichte. «Die grösste unblutige Revolution des 20. Jahrhunderts», wie Gosteli zu sagen pflegt, war ein grosses Puzzle und viel, sehr viel Kleinarbeit.

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Und 1971? «Vieles war schon weit fortgeschritten», sagt Marthe Gosteli. Ihr ist bei unserem Besuch nicht so danach, über jenes epochale Ereignis zu sprechen. Später wundert sie sich dann doch noch einmal über all die gescheiten Akademikerinnen, die sich gegen das Frauenstimmrecht eingesetzt haben: «Sie glaubten, sie können zu Hause mehr Einfluss nehmen. So ein Chabis! Ihre Männer waren zu Hause unter der Fuchtel und in der Öffentlichkeit mussten sie deswegen ihre Vormachtstellung behaupten.» Gosteli ist resolut, doch auch humorvoll: «Ich bin nicht der Herrgott», sagt sie einmal.

Ohne Bildung keine Gleichstellung

«Ohne Bildung und Schulung läuft gar nichts»: Diesen Satz wirf Gosteli an diesem Morgen immer wieder in die Runde – auf Hochdeutsch. Gleichstellung gebe es nur mit Bildung und dazu gehöre eben auch, dass die Schweizerinnen ihre Geschichte bekommen und diese in der Schule thematisiert werde. Dafür kämpft die Frau mit dem schneeweissen Haar und der aufrechten Haltung (vom Reiten, wie sie sagt). Auch mit 99 Jahren noch. Ohne Dokumente keine Geschichte. Das hat Gosteli etwa in den USA gelernt, beim Besuch der Schlesinger Library on the History of Women, wie sie erzählt.

Überhaupt, die Reisen – und die Amerikaner. Nach dem Zweiten Weltkrieg leitete Gosteli während zwölf Jahren die Filmabteilung des Informationsdienstes an der US-Botschaft in Bern. Die Amerikaner seien in Sachen Gleichstellung viel weiter gewesen, erzählt Marthe Gosteli. Sie erinnert sich an Frauen in Führungspositionen. Und tatsächlich war in Bern in den 1990ern auch die erste US-Botschafterin überhaupt tätig (Der «Spiegel» schrieb damals in Anspielung auf die Situation der Frauen in der Schweiz von einem trojanischen Pferd.)

Gosteli ist unverheiratet und kinderlos. Dazu fehlte ihr die Zeit. Zu wichtig war ihr die Sache der Frau.

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Rettet der Bund das Gosteli-Archiv?

Dem Gosteli-Archiv kommt die Publizität durch den Film «Die göttliche Ordnung» gelegen. Denn das von der kinderlosen Marthe Gosteli eingebrachte Stiftungsvermögen schrumpft jedes Jahr um 100 000 Franken. Lange vermachten die ehemaligen Mitstreiterinnen Gostelis dem Archiv ihr Vermögen. Doch diese Geldquelle ist versiegt, sagt Silvia Bühler, Leiterin des Archivs. Sie sucht darum neue Wege, um den Weiterbetrieb des Archivs zu sichern, womöglich am heutigen Standort in Worblaufen – wie es sich Gosteli wünscht. Bislang erhält das Archiv keine Bundesgelder. Dabei werde ihm von weitherum attestiert: «Ohne uns kann man die jüngere Schweizer Geschichte nicht vollständig schreiben», sagt Bühler. (dk)

Tag der Frau : Nationalräte stricken für mehr Gleichberechtigung

Bern – 8.2.17 – Die pinken Hüte, sogenannte Pussyhats, sind seit den Protestaktionen gegen Donald Trump ein Symbol für Frauenbewegegungen geworden. Deshalb stricken am Weltfrauentag auch die Parlamentarier und Parlamentarierinnen im Bundeshaus.