Bericht

Die Briten waren die heimlichen Bosse der Schweizer Geheimarmee P-26

Gerätschaften der P-26 in ihrem Bunker «Schweizerhof» bei Gstaad.

Ein Untersuchungsbericht zeigt die erstaunliche Abhängigkeit der Schweizer Widerständler von Grossbritannien auf. So hätten die Schweizer im Ernstfall eine Übermittlungszentrale in London eingerichtet.

Die Briten hatten das Sagen. Sie hatten «zu allen Zeiten die Möglichkeit», auf die Schweizer Organisation Einfluss zu nehmen, die Effizienz der schweizerischen Kader und sogar die «in unserem Land aufgestellten Strukturen zu kontrollieren».

So steht es in der Administrativuntersuchung von 1991 des Neuenburger Untersuchungsrichters Pierre Cornu zu «den Beziehungen zwischen der P-26 und analogen Organisationen im Ausland». Der Bundesrat hat diesen sogenannten Cornu-Bericht vorgestern endlich veröffentlicht, wenn auch nur in einer teilweise geschwärzten Version.

Der 127 Seiten umfassende Bericht macht vor allem eines deutlich: Die extreme Abhängigkeit der Schweizer Widerstandsorganisationen von England.

Ab 1967 schon dockte der 1957 gegründete Schweizer Spezialdienst, der Vorläufer der P-26, bei den Engländern an. Die Schweizer Steuerleute der Geheimorganisation, der jeweilige Generalstabschef und der Chef seiner Stabsabteilung, hätten die Briten «als ihre Lehrmeister betrachtet», so Cornu im Bericht.

So schickten die Generäle ihre «Lehrlinge» nach Grossbritannien, ausgestattet mit falschen Identitätskarten, um bei dortigen Spezialeinheiten das Widerstands-Handwerk zu lernen. Dazu gehörte: Ausbildung an Waffen und Sprengstoffen, konspiratives Verhalten, Übermittlung, Nachrichtenbeschaffung, Exfiltration aus feindlichem Gebiet, Überwindung von Hindernissen.

Ein Teilnehmer der aus Schweizer Sicht teuren Kurse fasste zusammen: «Die englischen Instruktoren haben uns gezeigt, wie sie eine Stay-Behind-Organisation aufbauen.»

Ob man es Stay-Behind-Organisation oder Widerstandsarmee nennt: Ziel war, bei einem Einmarsch der Russen mit Guerillataktik Widerstand zu leisten. Die Schweizer P-26 umfasste bei ihrer Auflösung Anfang der Neunzigerjahre angeblich 400 Mitglieder.

Der Einfluss der Briten zeigt sich etwa auch darin, dass die Schweizer auf englische Initiative die Sabotage in ihr Leistungsangebot aufnahmen. Oder darin, dass die Schweizer im Ernstfall eine Übermittlungszentrale in London eingerichtet hätten.

Und schon der Spezialdienst plante, seinen Stab in Grossbritannien ins Exil zu retten, falls der Russe die Schweiz überrollt hätte. Später gab es Pläne, den Bundesrat im Ernstfall in Irland in Sicherheit zu bringen. Und in London und Irland bewahrte die P-26 Material wie Namenslisten und Übermittlungsgeräte für den Ernstfall auf.

Kompatibel zu Gladio

Auch die Übermittlungstechnik war mit den Briten und damit den übrigen westlichen Stay-Behind-Organisationen kompatibel: Die Schweizer beschafften die gleichen Funksysteme: Zuletzt das «Harpoon»-System der Nato.

Zudem war die Schweizer Widerstandsorganisation laut Cornu nach dem gleichen Muster aufgebaut wie die Geheimorganisationen der anderen Weststaaten. Gehörte sie also zum geheimen westlichen Netzwerk, das unter dem Namen Gladio bekannt wurde?

Cornu kommt zum Schluss: «Der Spezialdienst und die P-26 beteiligten sich nicht an anderen internationalen Gemeinschaften im betreffenden Bereich und unterhielten auch keine Beziehungen zu solchen Gemeinschaften.»

Aber Cornu macht auch deutlich, dass er nicht alles herausfand: Manche Befragte tischten ihm Märchen auf, und zahlreiche wichtige Akten waren vernichtet worden. Nachweisen konnte Cornu die Existenz eines «Joint Working Agreements» mit den Briten, eines Zusammenarbeitsvertrags.

Der Stabschef im Generalstab hatte diesen 1984 für die P-26 unterzeichnet. Als die P-26 aufflog, liess die Armee den Kontrakt verschwinden – bei den Briten. Cornu konnte rekonstruieren, dass die Schweizer Behörden laut Vertrag in Kriegszeiten Unterstützung und operationelle Kooperation erhalten hätten.

Klar scheint: Weil die Briten in das Netzwerk der nach dem Krieg von der CIA initiierten Widerstandsorganisationen eingebunden waren, hätten die neutralen Schweizer notfalls eine heimliche Schnittstelle zu Gladio gehabt.

Unklar bleibt auch nach dem Cornu-Bericht, wie weit der Bundesrat wirklich über die P-26 und ihre Verstrickungen im Bild war. Ob es einige Generäle waren, die die illegale Organisation vorantrieben. Nur ein befragter EMD-Chef gab an, über die Zusammenarbeit mit den Briten im Bild zu sein.

Verwandte Themen:

Meistgesehen

Artboard 1