Wenn er sein Gegenüber mit seinen blaugrünen Augen fixieren kann, fühlt sich Johann Schneider-Ammann sicher. Dann wirkt er authentisch und liebenswürdig. Dann hat er das Zeug zum Landesvater. Wenn er dann bei «Aeschbacher» erzählt, wie er mit dem französischen Staatspräsidenten François Hollande bei dessen Staatsbesuch in Bern auf dem Handy einen Fussballmatch verfolgte oder wie ihn US-Präsident Barack Obama in Washington dank seiner Fernsehansprache zum «Tag der Kranken» erkannte, lacht und klatscht das Publikum.

Der umtriebige Präsident

Der umtriebige Präsident

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Doch auch an seinen schlechten Tagen lacht und klatscht das Publikum ab und zu. Wenn sich sein Blick in den Tiefen einer Fernsehkamera verliert und ins Leere geht, wenn er auf französisch radebrecht und sich stotternd durch Manuskripte kämpft und für seine Schachtelsätze kein grammatikalisch korrektes Ende findet, wird er wahlweise belächelt oder bemitleidet. So etwas geht auch an einem Bundespräsidenten nicht spurlos vorbei. In seinem Präsidialjahr, sagt Schneider-Ammann, habe er lernen müssen, wie hämisch die Welt sei und wie erbarmungslos die sozialen Medien funktionierten.

«Akkumulierter Jetlag»

Und doch: Nicht 2016 sei sein härtestes Jahr gewesen, sondern 1996. Damals – Schneider-Ammann war Präsident des Maschinenbauunternehmens der Familie seiner Ehefrau – habe Druck auf seinen Schultern gelastet, der ihm zeitweise den Schlaf geraubt habe. «Es standen Hunderte Arbeitsplätze auf dem Spiel», sagt er. «Ich spürte die Verantwortung meinen Angestellten gegenüber viel direkter als jetzt als Bundespräsident.» Auch das noch elf Tage dauernde Jahr allerdings brachte Schneider-Ammann an den Rand der Erschöpfung. Es begann mit der TV-Rede, die viral ging, setzte sich im Spätsommer mit einer hartnäckigen Rippenverletzung fort und kulminierte im September in einem glimpflich ausgegangenen Autounfall und einer Ständeratsdebatte, während der er sich kaum wachhalten konnte.

Spätestens da rechneten die meisten Beobachter mit Schneider-Ammanns Rücktritt spätestens im kommenden Jahr. Der FDP-Magistrat aber erholte sich und sagte nun gestern vor den Medien: «Ich bin bis zum Ende der Legislatur im Dezember 2019 gewählt und denke nicht daran, mich vorzeitig zurückzuziehen.» Beinahe rastlos jettete der 64-Jährige in den vergangenen zwölf Monaten um die Welt: Nicht weniger als 24 Auslandsreisen absolvierte er und besuchte dabei 22 Länder (siehe Grafik). Weniger wäre mehr gewesen, das glauben selbst in seiner Gefolgschaft viele. Schneider-Ammann aber liess sich von niemandem von seinem Plan abbringen und war sich – trotz verschwindend kleiner Aussicht auf durchschlagenden Erfolg – nicht einmal zu schade, um für eine kurze Besprechung mit EU-Kommissionschef Jean-Claude Juncker in die Mongolei zu fliegen. Selbst zieht er trotz «akkumulierten Jetlags» ein positives Fazit. «Wir sind in diesem Jahr ein gutes Stück vorangekommen», sagt er etwa mit Blick auf die Umsetzung der Masseneinwanderungsinitiative.

«Der Schweiz geht es sehr gut»

An der Frage, wie gross sein Anteil daran ist, scheiden sich freilich die Geister. «Er erklärte dieses Geschäft zur Chefsache und schritt entschlossen voran», sagt Heinz Karrer, Präsident des Wirtschaftsdachverbandes Economiesuisse. «Er hat gehalten, was er Anfang Jahr versprach.» SP-Nationalrat Cédric Wermuth hingegen kritisiert, der Bundesrat habe in der Europafrage auch mit Schneider-Ammann an der Spitze eine «dramatisch schlechte Rolle» gespielt.

Auch die Bewertung von Schneider-Ammanns Inlandpolitik verläuft entlang altbekannter Konfliktlinien: «Er hat für die Anliegen der Arbeitgeber mehr Verständnis als für jene der Arbeitnehmer», sagt Gewerkschaftssekretär Daniel Lampart.

Hans-Ulrich Bigler, der mit Schneider-Ammann auf Staatsbesuch in China weilte, ist mit dem Bundespräsidenten und Wirtschaftsminister unzufrieden, weil auch er nichts gegen die «Regulierungswut» unternommen habe. «Seine Lippenbekenntnisse blieben genauso folgenlos wie jene der anderen sechs Bundesräte», so der Präsident des Gewerbeverbandes.

Was also bleibt nach einem Jahr Schneider-Ammann? «Unsere Arbeitslosigkeit ist im internationalen Vergleich rekordtief», sagt er selbst. «Der Schweiz geht es sehr gut.» Darauf darf ein Präsident auch mal stolz sein.