Bei der Waffenlobby Pro Tell ist Feuer im Dach. Jetzt platzt auch der Aargauer SVP-Nationalrätin Sylvia Flückiger-Bäni (65) der Kragen. Sie ist wütend über die aktuelle Führungsriege. «Ich war als Schützin und Jägerin in diesem Verein, 14 Jahre lang», sagt Flückiger. Sie sei an den Generalversammlungen 2017 dabei gewesen.

«Mit einem regelrechten Putsch und vielen bösen und ungerechten Worten übernahm die neue Gilde das Zepter», sagt die SVP-Frau. «Der alte Vorstand wurde von der Bühne befohlen, ohne ein Wort des Dankes für die jahrelange Arbeit. Man muss sich das einmal vorstellen.» Sie ärgert sich: «So geht man in Schützenkreisen nicht miteinander um.»

Radikale Tendenzen

Immer mehr bürgerliche Waffenfreunde gehen auf Distanz zur neuen Führungscrew um den interimistischen Pro-Tell-Präsidenten Jean-Luc Addor, die radikale Tendenzen zeigt. So plädiert der Walliser SVP-Nationalrat und Anwalt Addor dafür, dass Bürgerinnen und Bürger öffentlich Waffen tragen dürfen – um bei Terrorgefahr und Ähnlichem notfalls einzugreifen.

«Die derzeitigen Ereignisse bei Pro Tell stimmen mich schon etwas nachdenklich», sagte auch der Urner FDP-Ständerat Josef Dittli, der gegen das Waffentragen in der Öffentlichkeit ist. Dittli ist zusammen mit Addor Co-Präsident der Parlamentarischen Gruppe für ein freiheitliches Waffenrecht. Trotz der Differenzen beim Waffentragen will Dittli jedoch nicht aus der Gruppe austreten.

Sylvia Flückiger hat im Nachgang zum Putsch des Addor-Lagers bei Pro Tell entschlossener gehandelt, wie sie erklärt: «In der Folge habe ich meinen Austritt geschrieben, ebenso habe ich meine Mitgliedschaft in der parlamentarischen Gruppe gekündigt. Natürlich stehe ich weiterhin für das freiheitliche Waffenrecht ein, der Schweizerische Schiesssportverband kann auf meine Unterstützung zählen, ebenso Jagd Schweiz und die Schützen, Jäger und Sammler.» Sylvia Flückiger wird bei den nächsten Wahlen nicht mehr für den Nationalrat kandidieren, wie sie am Dienstag dem TV-Sender Tele M1 sagte.

Bei Pro Tell regiert seit einiger Zeit das Chaos. 2016 wurde der langjährige Präsident und ehemalige Solothurner FDP-Nationalrat Willy Pfund abgesetzt. Das Pfund-Lager nennt das aufgrund der Herkunft der Aufständischen den «Aargauer Putsch». Die Pfund-Leute schlugen allerdings zurück und brachten 2017 mit Brigadier a. D., Artilleriegeneral Hans-Peter Wüthrich, einen der Ihren an den Schalthebel. Doch Wüthrich hat den Bettel im Februar 2018 allerdings wieder hingeworfen. Zu unprofessionell und unstrukturiert habe ihm die neue, vorwiegend aus der Westschweiz stammende Crew um seinen radikalen Vize Addor gearbeitet.

Mitglieder-Chaos bei Pro Tell

So hat derzeit Sylvia Flückigers sehr rechter Parteikollege Jean-Luc Addor als Interimspräsident das Sagen bei Pro Tell. Am kommenden Samstag findet in Bern die Generalversammlung (GV) statt; im Beisein von Verteidigungsminister Guy Parmelin (SVP). Da müsste eigentlich auch ein neuer Präsident gewählt werden. Wer das ist, ist unklar. Pro Tell reagierte dieser Tage nicht auf eine Mail-Anfrage zur Sache.

Der Verein steckt auch administrativ im Chaos. Für die GV in Bern erhielten Leute eine Einladung, die gar nicht mehr Mitglied sind. Grund dürfte sein, dass Pro Tell derzeit keine funktionierende Mitgliederdatenbank hat. Zwar gibt die Organisation auf ihrer Website an, sie habe 12 200 Mitglieder. Aber sicher sagen kann dies laut Insidern keiner.

Immerhin: In einem Punkt sind sich alle Waffenfreunde und auch die verfeindeten Pro-Tell-Lager einig: Die geplante Übernahme der EU-Waffenrichtlinie durch die Schweiz müsse bekämpft werden.