Karen Schärer

Im Hinblick auf die kommende Badesaison ist der Jahresanfang eine gute Zeit, um Werbung für Schlankheitsmittel zu schalten. So erschien in diversen Zeitungen gestern ein Inserat für das Mittel Reduzell, das Fettpolster ganz ohne chirurgischen Eingriff absaugen soll. Sehr präsent ist derzeit auch der TV-Spot für das Arzneimittel Alli, das beim Abnehmen unterstützend wirken soll. Im Spot, der zur besten Sendezeit im Schweizer Fernsehen gezeigt wird, tritt eine Frau auf die Waage. Diese schlägt weit aus. Alli, so die Botschaft der Werbung, hilft Übergewichtigen um 50 Prozent mehr abzunehmen als mit Diät allein.

Zwischen dem herkömmlichen «Fett-Absaug-Wundermittel» Reduzell und der blauen Alli-Pille gibt es einen gewichtigen Unterschied: Alli wurde vom Schweizerischen Heilmittelinstitut Swissmedic geprüft und als Medikament zugelassen. Seit Anfang Jahr darf Alli in Apotheken rezeptfrei verkauft werden. Voraussetzung für den Verkauf ist ein Beratungsgespräch. Kundinnen und Kunden sollen über 18 Jahre alt sein und einen Body-Mass-Index (BMI) von 28 oder mehr haben. Einen BMI von 28 hat beispielsweise eine 168 cm grosse Person, wenn sie 79 Kilogramm wiegt.

Nichts für Normalgewichtige

Doch der Verdacht liegt nahe, dass auch schlanke Frauen und Männer Alli kaufen, in der Hoffnung, kleine Pölsterchen auf einfache Art und Weise loszuwerden – zumal auch die Frau im TV-Spot schlank wirkt. Dagegen wehrt sich Beat Schori vom Alli-Hersteller Glaxo Smith Kline (GSK): «Wir werben weltweit mit derselben Frau. Sie hat uns schriftlich bezeugt, dass ihr BMI bei über 28 liegt.» Darauf lege die Firma grossen Wert, sagt Schori.

Seit vergangenem September bereitet GSK die Apotheken auf den Verkauf von Alli vor. «An den Schulungen weisen wir die Apotheker darauf hin, dass sie das Medikament lieber gar nicht verkaufen sollen, als es einem nicht übergewichtigen Kunden zu verkaufen», sagt Schori.

Gegenüber Tele Züri sagte ein Zürcher Apotheker jedoch frei heraus, er sehe kein Problem darin, Alli an Normalgewichtige zu verkaufen. Beim Apothekerverband Pharmasuisse hält man fest, es sei nicht empfohlen, Alli an eine Person ausserhalb des Einsatzbereichs BMI 28 bis 30 zu verkaufen. Doch wenn jemand das Produkt wolle und es keine medizinische Kontraindikation gebe, sei es wohl nicht gefährlich, Alli auch jemandem mit einem tieferen BMI zu verkaufen, sagt Marcel Wyler von Pharmasuisse. «Wo es gegen Untergewichtigkeit zugeht, muss man sicher aufpassen», fügt er an.

Garstige Nebenwirkungen

Bei Glaxo Smith Kline glaubt man nicht, dass Alli für junge Mädchen mit Essstörungen attraktiv ist. «Sie essen ohnehin nicht fettreich», sagt Schori. Für ihn ist Alli «keine Wunderpille, sondern ein ehrliches Medikament». Denn es wirkt nur, wenn der Lebenswandel umgestellt wird. Isst ein Alli-Konsument weiterhin fetthaltig, können unangenehme Nebenwirkungen auftreten: Da Alli die Verdauung von Fetten hemmt, wird bis zu einem Viertel des aufgenommenen Fettes ausgeschieden. Beisst jemand in einen Hamburger und nimmt dazu eine Alli-Pille ein, leidet er möglicherweise bald unter öligem Durchfall, den er kaum kontrollieren kann. Wyler von Pharmasuisse sagt, die Information der Kundinnen und Kunden sei für die Apotheken aufwändig. Denn es bestünden immer noch Fehlinformationen bezüglich der Wirkung. «Viele meinen, man kann die Pille nehmen und allein dadurch schlanker werden.»