Westschweiz

Deutsch in der Primarschule abschaffen? Für die Romands ist das keine Frage

Nach dem Thurgau will auch Nidwalden Französisch aus der Primarschule verbannen. Das hat in der Westschweiz wütende Reaktionen provoziert. Doch wie halten es eigentlich die Romands mit dem Deutschunterricht?

«Guten Tag, ich heisse Hans» hat Kultstatus am Genfersee. So stellte sich der deutsche Vater Schaudi in den Siebzigerjahren den Waadtländer und Genfer Schülerinnen und Schülern vor. Die Familie Schaudi mit Onkeln, Tanten und Cousinen inklusive Hund Lumpi prägte eine ganze Generation von Westschweizern und brachte es sogar zu einem witzigen Theaterstück.

Doch gross amüsiert haben sich die heutigen Eltern während ihres Deutschunterrichts wahrscheinlich nicht. Die Tatsache, dass sich sogar ein Club der Schaudi-Geschädigten formierte, lässt eher vermuten, dass das Leiden im Deutschunterricht weitverbreitet war.

Ganz so schlimm ist es heute nicht mehr. Die modernen Lehrmittel sind auf einen spielerischen Ansatz ausgerichtet, es gibt CDs, Spielkarten, Lieder und Reime. An verschiedenen Schulen sind zudem muttersprachige Animatoren im Einsatz, die den Primarschülern ein «Sprachbad» ermöglichen und sie so für den späteren Unterricht motivieren.

System nicht infrage gestellt

Zu den Lieblingsfächern hat es Deutsch in der Westschweiz deswegen noch lange nicht gebracht; Deutsch bleibt für die Romands eine schwierige Sprache, und wenn die Kinder wählen könnten, gäben die meisten Englisch sofort den Vorzug. Das wissen zwar auch ihre Eltern, die Lehrkräfte, die Behörden und Politiker, doch im Unterschied zur Deutschschweiz wird auf keiner Ebene das aktuelle System ernsthaft infrage gestellt.

So wird Deutsch ab der dritten Primarschulklasse in sämtlichen sechs Westschweizer Kantonen unterrichtet, Englisch kommt ab der fünften Klasse hinzu.

In den deutschsprachigen Regionen der zweisprachigen Kantone Freiburg und Wallis wird umgekehrt Französisch ab der dritten Primarklasse gelehrt. «Der Konsens, dass im Fremdsprachenunterricht zuerst mit einer Landessprache begonnen wird, ist in der Westschweiz absolut solide», bestätigt Olivier Maradan, der Generalsekretär der Westschweizer Erziehungsdirektorenkonferenz (CIIP).

Auch in der Bevölkerung sei Deutsch als erste Fremdsprache verankert, denn die grosse Mehrheit sei sich ihrer Bedeutung für das spätere Berufsleben bewusst. Schliesslich würden für über die Hälfte aller Berufslehren, für die Berufsmatura, Diplommittelschulen und für weiterführende Schulen zwei Fremdsprachen verlangt. Maradan sagt: «Wer den Deutschunterricht aus der Primarschule verdrängt, schlägt vielen Schülern die Türe vor der Nase zu.»

Der Kontakt zum "deutschschweizer Kulturkreis"

Von den Argumenten aus der Deutschschweiz, welche die Landessprache Französisch auf die Sekundarstufe verschieben und dort dafür intensiver unterrichten wollen, hält der Freiburger nicht viel. Zum einen gehe es nicht nur um Sprachkompetenzen, sondern um einen möglichst frühen Kontakt zum Sprach- und Kulturkreis der anderen Region.

Zum anderen müssten für die zusätzlichen Stunden auf Sekundarstufe andere Fächer geopfert werden. Aus Westschweizer Sicht ist eine Verschiebung des Deutschunterrichts jedenfalls keine Option, zumal die Schweiz mit einer Fremdsprache ab der dritten Primarklasse im europäischen Mittel liegt.

Gibt es denn in der Westschweiz keine Schüler oder Lehrer, die mit zwei Fremdsprachen auf der Primarstufe überfordert sind?

Georges Pasquier, der den Bund der Westschweizer Lehrergewerkschaften präsidiert, dreht die Frage um. «Welche Fähigkeiten erwarten wir von den Schülern am Ende der obligatorischen Schulzeit?» Falls aus ihnen kleine Göthes oder Schillers geformt werden sollten, «dann fahren wir mit zwei Fremdsprachen in der Primarschule an die Wand».

Wenn aber, wie von den Lehrern gefordert, der Schwerpunkt auf die mündliche Verständigung gelegt werde, sei die Aufgabe zu bewältigen.

Weniger Selektionsdruck

Die Ziele müssten darum realistischer als heute formuliert werden, und der Noten- und Selektionsdruck gehöre abgeschafft; im Kanton Waadt etwa zählt die Note in Deutsch oder Englisch zu den Kernfächern, die über den Eintritt ins Gymnasium entscheiden. Pasquier kritisiert das heute gängige Modell: «Wir können doch nicht auf der einen Seite die Schüler dazu anhalten, munter drauflos zu schwatzen, und ihnen auf der anderen eine schlechte Note verpassen, weil sie Fehler machen beim Sprechen.»

Diese Forderung der Lehrer liegt seit einem knappen Jahr auf den Pulten der Erziehungsdirektoren, ebenso jene nach mehr Freiheit bei der Organisation des Deutschunterrichts.

Mehr Schüleraustausch

Die Vereinigung der Elternverbände wiederum hätte am liebsten Fachlehrer für Deutsch, idealerweise deutscher Muttersprache, wie deren Präsident, Paul Majcherczyk, sagt. Eine Kernforderung der Eltern heisst mehr Austausch zwischen den Sprachregionen, denn da werde grosses Potenzial schlecht genutzt. Gemäss einer gemeinsam mit der CH-Stiftung durchgeführten Umfrage finden nämlich über 90 Prozent der befragten Westschweizer Eltern, ein Schüleraustausch in der Schweiz sei in vielfacher Hinsicht positiv – doch nur gerade 14 Prozent machen tatsächlich mit.

Wie gut die Romands am Ende ihrer obligatorischen Schulzeit Deutsch beherrschen, ist eine Frage, die erst noch wissenschaftlich zu beantworten ist. Tatsächlich werden die Kompetenzen in einer Fremdsprache in den PISA-Studien nicht erhoben, weshalb die Schweiz 2016/2017 im Rahmen von Harmos eine eigene Untersuchung durchführt.

Deren Ergebnisse werden Anfang 2018 publiziert. Bis dahin muss die Einschätzung von Olivier Maradan gelten. «Es wurden Fortschritte gemacht, doch brillant sind die Resultate noch nicht.»

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