Jubiläum

Der Zirkus Knie wird 100 Jahre alt – ein Blick zurück in seine bunte, manchmal konfliktreiche Geschichte

Die Welt hat sich in den letzten 100 Jahren stark verändert. Der Circus Knie blieb. Heute treten keine Elefanten und Raubtiere mehr auf, doch die Magie ist dieselbe. keystone

Die Welt hat sich in den letzten 100 Jahren stark verändert. Der Circus Knie blieb. Heute treten keine Elefanten und Raubtiere mehr auf, doch die Magie ist dieselbe. keystone

Als «Schweizer National-Circus» ist der Zirkus Knie vor hundert Jahren ins Leben gerufen worden, hat Höhen und Tiefen erlebt – und überlebt. Warum die Familie Knie noch lange nicht ans Aufhören denkt.

Unseren Gesprächstermin haben wir verschieben müssen. Am Montag hatte Chanel ihren achten Geburtstag, da waren alle Artisten da. Und der Grossvater durfte nicht fehlen. Denn Grossvater ist Fredy Knie mit einem grossen Herzen. Man spürt es, wenn er über Chanel spricht, und über Ivan, ihren älteren Bruder. Fredy Knie schaut mit grossem Wohlgefallen auf seine Enkel, denen er jetzt beibringt, was er über Pferde weiss.

«Andernfalls wäre ich dafür gewesen aufzuhören»

Denn von der nächsten und übernächsten Generation hängt die Zukunft ab. «Hätte ich gesehen, dass niemand an einer Nachfolge interessiert ist, hätte ich gesagt: Wir hören jetzt auf – auf dem Höhepunkt, wie sich das für die Knies gehört. Denn schon als unsere Vorfahren noch mit der offenen Arena durch Deutschland, Österreich und die Schweiz gezogen sind, waren sie bekannt für ihre hervorragenden Darbietungen.»

Die Brüder der vierten Generation Knie im Artistendress, undatierte Aufnahme. Sie gründeten 1919 den Circus Knie. KEYSTONE

Die Brüder der vierten Generation Knie im Artistendress, undatierte Aufnahme. Sie gründeten 1919 den Circus Knie. KEYSTONE

So aber kann es weitergehen mit dieser Familie, die einzigartig ist für die Schweiz, glamourös in der Manege, aber bodenständig im Alltag. Was sich am humorvoll-nüchternen Fredy Knie gut zeigen lässt – an dessen Namen man eigentlich jedes Mal ein «jun.» anhängen müsste, weil die Knies über acht Generationen eine ausgeprägte Vorliebe für einzelne Vornamen entwickelt haben.

So hat sich jener Friedrich Knie, der sich 1803 in die Kunstreiterin Wilma verliebte und die Dynastie begründete, namensmässig zu jenem Friedrich Knie fortgesetzt, der mit seinen Brüdern Rudolf, Karl und Eugen 1919 den heutigen «Schweizer National-Circus» begründet hat. Und der zwei Söhne hatte: Fredy senior und Rolf.

Knie-Musical-Premiere: Die schönsten Zirkus-Erinnerungen der Promis

Knie-Musical-Premiere: Die schönsten Zirkus-Erinnerungen der Promis

Am Dienstagabend feierte das "Circus Musical" von Rolf Knie Premiere. Zum 100-jährigen Jubiläum des Schweizer Nationalzirkus erzählt das Musical die Geschichte der Dynastie.

Alle Rechnungen müssen bezahlt sein

Keineswegs unterschlagen darf man die Frauen. Womit nicht nur gemeint ist, dass heute die Frauen in der Zirkusleitung die Mehrheit haben – Géraldine und Doris neben Franco jun. Sondern dass schon 1860 mit Anastasia Maria Knie-Staudinger eine Frau nach dem überraschend frühen Tod ihres Mannes übernehmen musste.

Fredy Knie jun. heiratet 1972 Mary-José Galland. Die Hochzeitszeremonie fand im Zirkuszelt auf der Luzerner Allmend statt. KEYSTONE

Fredy Knie jun. heiratet 1972 Mary-José Galland. Die Hochzeitszeremonie fand im Zirkuszelt auf der Luzerner Allmend statt. KEYSTONE

Sie «leitete das Unternehmen mit fester Hand», heisst es in der Familienchronik, und fand eine Generation später in Margrit Knie-Lippuner, Fredys Grossmutter, eine würdige Nachfolgerin. Fredy Knie erinnert sich gut an diese bemerkenswerte Frau, deren Devise war, dass der Zirkus alle Rechnungen bezahlt haben musste, wenn er einen Ort verliess. «So hat sie zusammen mit meinem Vater und mit meinem Onkel den Zirkus durch den Krieg gebracht.» Auch den Kontakt zu den Behörden hat sie gepflegt. «Oft hat sie bis spät in die Nacht Gäste bewirtet.»

Warum Marie Knie-Heim sich ihren Söhnen verweigert

Vieles, was den Knie gross gemacht und am Leben erhalten hat, tritt bei dieser Margrit Knie-Lippuner zutage. Vor allem ist es jene unbeugsame Pflichterfüllung, die noch den 72-jährigen Fredy jeden Tag in den Pferdestall treibt, auch wenn er vor zwei Jahren spasseshalber erklärt hat, er tue ja fast nichts mehr und komme sich eigentlich vor «wie Alfred Hitchcock, der in seinen Filmen nur mal über die Strasse geht». Der Betrieb muss laufen, vor allem aber: «Man darf das Publikum nicht enttäuschen», fasst er das Familien-Credo in Worte.

Wenn dieses Publikum mal nicht kommt, dann ist rasch Feuer im Dach. Als 1870/71 der Deutsch-Französische Krieg tobt, muss die Familie Knie ihre Arena auflösen, mit harter Arbeit und eisernem Sparen bringen ihn Ludwig und Marie Knie-Heim wieder hoch. Diese Erfahrung ist es auch, die Marie Knie-Heim dazu treibt, sich jenem kühnen Plan entgegenzustellen, den nach dem Ende des Ersten Weltkriegs ihre vier Söhne haben. Sie wollen jetzt mit einem Zelt auf Tournee gehen.

Das Zelt der Knies ist in Bern der Aufreger

Weil ihre Mutter jegliche Unterstützung verweigert, brechen Friedrich, Rudolf, Karl und Eugen Knie mit einer eisernen Familienregel: Nichts zu kaufen, was man nicht bar bezahlen kann. So erwerben sie das Zelt auf Pump, mit umwerfendem Erfolg. Bei der Eröffnungsvorstellung am 14. Juni 1919 in Bern sitzen die beiden frisch gebackenen Frauen von Rudolf und Friedrich in den Kassenhäuschen, doch die aufgeregten Menschen schieben die Häuschen kurzerhand beiseite. Und das Geld für das Zelt kommt rasch wieder herein.

Chanel Marie Knie 2014 – letzte Woche feierte sie ihren 8. Geburtstag in Anwesenheit aller Artisten. Keystone

Chanel Marie Knie 2014 – letzte Woche feierte sie ihren 8. Geburtstag in Anwesenheit aller Artisten. Keystone

Das Kassenhäuschen ist übrigens der Ort, an dem die Knies ihre angeheirateten Frauen ganz gern unterbringen. Es sei denn, jemand entwickle so viel Ehrgeiz wie Mary-José Knie, Fredys Ehefrau seit 47 Jahren. Er lernt sie aus Zufall kennen, als sie gerade als Mannequin in Zürich ist, und will nicht unbedingt, dass sie reiten lernt. Aber sie tut es. Und als sie die Ungarische Post einstudieren will, meint Fredys Vater, das sei nichts für Frauen. Doch sie setzt sich durch.

Konflikte säumen die Familiengeschichte

Ehrgeiz muss haben, wer sich in der Zirkuswelt behaupten will, ein Schuss Dickköpfigkeit ist auch nicht schlecht. Auch das Konflikthafte gehört zur Familien-DNA, und manchmal muss man sich auch trennen, friedlich oder auch nicht. 1959 scheidet Eugens Tochter Eliane aus dem Unternehmen aus, 1983 geht Fredys Bruder Rolf als Kunstmaler seiner Wege.

1993 verlässt Cousin Louis nach heftigem Streit den Zirkus und beklagt sich danach bitterlich. «Wir haben nie darüber in den Medien geredet, nur er», sagt Fredy Knie, und seine Stimme bekommt einen ärgerlichen Unterton. «Aber schauen Sie sich die Zeit danach an: Louis ist drei Mal pleitegegangen.»

Jubiläum: 100 Jahre Zirkus Knie

Jubiläum: 100 Jahre Zirkus Knie

Der Circus Knie, selbsternannter Nationalzirkus der Schweiz, feiert 2019 sein hundertjähriges Bestehen. Schon die 7. Generation der Knie-Dynastie leitet den Zirkus, die 8. Generation steht bereits in der Manege und für das Jubiläumsjahr ist nebst der Jubiläumstournee auch ein Musical geplant. Im Video schaut Keystone-SDA auf die Geschichte des Zirkus zurück.

Dass vieles sich öffentlich abspielt und man auch privat im Schaufenster steht, bekommen die Knies immer wieder zu spüren – auch im Sommer 2000, als die Liebe zwischen Franco Knie sen. und der monegassischen Prinzessin Stéphanie Horden von Reportern anlockt. Allerdings hat punkto Liebe auch Dynastie-Begründer Friedrich einiges erlebt.

Ausstellung zeigt Knie-Kostüme aus 100 Jahren

Ausstellung zeigt Knie-Kostüme aus 100 Jahren

Anlässlich des 100 Jahre-Jubiläums des Zirkus Knie zeigt das Textilmuseum St. Gallen eine Ausstellung, die sich den Kostümen der Zirkusartisten widmet. Gezeigt werden rund 100 Kostüme aus der Zeit zu Beginn des 20. Jahrhunderts bis heute. Die Schau zeigt, wie sich die Mode in dieser Zeit auch beim Zirkus geändert hat.

Denn seine Kunstreiterin hat ihn schon bald sitzenlassen. 1807 lernt er in Innsbruck Antonie Stauffer kennen, eine bildschöne Tochter aus gutem Hause. Ihre Eltern sind entsetzt. Sie wollen keinen Artisten als Schwiegersohn, der sich in diesen kriegerischen Zeiten mehr schlecht als recht durchschlägt. So stecken sie ihre Tochter ins Kloster, aus dem Friedrich sie aber entführt – und das Ja ihrer Eltern erwirkt.

Über die Geschichte der Familie Knie lesen Sie hier.

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