Einheitskasse

Der Vergleichsdienst Comparis setzt seine Glaubwürdigkeit aufs Spiel

Die Abstimmung über die Einheitskasse betrifft auch die Zukunft von Comparis: Kann das Vergleichsportal unter diesen Umständen noch unabhängig sein?

Die Abstimmung über die Einheitskasse betrifft auch die Zukunft von Comparis: Kann das Vergleichsportal unter diesen Umständen noch unabhängig sein?

Comparis bietet einen Rechner an, der den Versicherten zeigen soll, welche Auswirkungen eine Einheitskasse auf ihre Prämien hätte. Verfügbar sind einzig die Berechnungen der Einheitskassen-Gegner – stellt Comparis damit seine Unabhängigkeit infrage?

Comparis ist dieses Jahr erwachsen geworden: Seit 18 Jahren können Konsumenten auf dem Internetportal Tarife und Leistungen von Krankenkassen, Versicherungen, Banken, Telekomanbietern, Immobilien, Autos und Motorrädern vergleichen. In dieser Zeit hat sich Comparis den Ruf als unabhängigen, neutralen Vergleichsdienst erarbeitet.

Durch die Abstimmung über die Einheitskassen-Initiative wird dieser Ruf nun aber auf die Probe gestellt: Comparis hat ein grosses Interesse daran, dass das Stimmvolk am 28. September 2014 Nein sagt zur Einheitskasse. Schliesslich würde bei nur einer Krankenkasse ein Vergleichsportal wie Comparis überflüssig. Dem Unternehmen würde die wichtigste Einnahmequelle wegbrechen. Heute bezahlen die Krankenkassen nämlich für jede Offerte, die jemand über den Vergleichsdienst anfordert, mindestens 30 Franken.

Dieses Eigeninteresse blendet Comparis im Abstimmungskampf nicht aus. Der grösste Vergleichsdienst macht Stimmung gegen die Einheitskasse. Eine heute verschickte Medienmitteilung trägt den Titel: «Einheitskasse würde Sparsame bestrafen.» Gleichzeitig kündigt das Unternehmen einen Online-Vergleichsdienst an, mit dem «jeder Prämienzahler prüfen kann, welche Auswirkungen eine Einheitskasse heute auf seine Prämien hätte».

Der Autor dieses Textes hat den Rechner für sich selbst ausprobiert und eine düstere Prognose erhalten: Sollte die Einheitskassen-Initiative angenommen werden, müsste er pro Monat 300.56 Franken statt wie bisher 242.00 Franken für seine Krankenkassenprämie bezahlen.

Umsetzung völlig offen

Doch Vorsicht: Die Prognose stützt sich auf die Berechnungsgrundlagen der Einheitskassen-Gegner, den Krankenkassen. Sie gehen für ihre Berechnungen davon aus, dass mit der Einheitskasse die Prämienregionen, Franchisen, Alternativmodelle und Prämienreduktionen für Kinder und junge Erwachsene wegfallen würden. Das sind allerdings alles Punkte, die im Initiativtext nicht geregelt sind.

Dort heisst es lediglich: «Die soziale Krankenversicherung wird von einer einheitlichen, nationalen öffentlich-rechtlichen Einrichtung durchgeführt. (...) Die nationale Einrichtung verfügt über kantonale oder interkantonale Agenturen. Diese legen namentlich die Prämien fest, ziehen sie ein und vergüten die Leistungen. Für jeden Kanton wird eine einheitliche Prämie festgelegt; diese wird aufgrund der Kosten der sozialen Krankenversicherung berechnet.»

Der Initiativtext ist also sehr allgemein gehalten. Was mit den Prämienregionen, Franchisen, Alternativmodellen und Prämienreduktionen für Kinder und junge Erwachsene geschehen soll, müsste bei einer allfälligen Annahme der Initiative das Parlament entscheiden. Die Berechnungen der Einheitskassen-Gegner kommen deshalb einem Blick in die Glaskugel gleich. Wer sich allerdings nur oberflächlich mit der Materie beschäftigt, sieht lediglich, wie viel die Prämien gemäss den Berechnungen der Gegner steigen würden. In Erinnerung bleiben die möglichen Mehrkosten – auch wenn sie zum heutigen Zeitpunkt unmöglich vorherzusagen ist.

Kommunikations-Fauxpas der Befürworter

Eine Zahl der Einheitskassen-Befürworter wird auf der Homepage nicht angezeigt. Weil es so viele Unbekannten gibt, haben sich die Befürworter geweigert, auf Comparis ebenfalls einen Prämienrechner bereitzustellen. «Für die Initianten ist es nicht seriös, den Stimmenden mit einer Pseudo-Genauigkeit weismachen zu wollen, man könne auf die Kommastelle genau vorhersagen, wie sich die Prämien mit der öffentlichen Krankenkasse entwickeln», begründet Flavia Wasserfallen, Co-Generalsekretärin der SP, die Nicht-Teilnahme am Comparis-Vergleich.

Die Argumentation der Befürworter für eine Nicht-Teilnahme mag zwar nachvollziehbar sein. Eine gute Figur machten die Initianten aber nicht: Auf die Anfrage von Comparis betreffend Informationen für den Prämienrechner schrieb der Medienverantwortliche des Initiativkomitees in einer ersten Reaktion per Mail, dass die Anforderungen ja «gar nicht so wild» seien und man diese Angaben «sicher wird liefern können». Der Trägerverein der Initiative kam jedoch zu einem anderen Schluss und verweigerte die Zusammenarbeit mit Comparis.

Comparis sieht keinen Interessenskonflikt

Unabhängig davon, ob ein solcher Einheitskassen-Prämienrechner nun sinnvoll ist oder nicht, stellt sich die Frage, ob Comparis die richtige Plattform ist dafür. Schliesslich schreibt Comparis über sich selbst: «Unabhängigkeit ist unser oberster Grundsatz.» Da in der Abstimmung über die Einheitskasse aber auch das Geschäftsmodell von Comparis auf dem Spiel steht, ist an Unabhängigkeit nicht zu denken.

Wäre es für die Glaubwürdigkeit von Comparis nicht besser gewesen, sich vollkommen aus dem Abstimmungskampf herauszuhalten? «Das haben wir durchaus diskutiert», sagt Felix Schneuwly, Krankenkassen-Experte bei Comparis der «Nordwestschweiz». Am Ende sei man aber zum Schluss gekommen, dass man als Unternehmen, das mit seinen Dienstleistungen Geld verdienen will, irgendeine Einschätzung abgeben wolle. Dass darunter die Glaubwürdigkeit leidet, glaubt Schneuwly nicht: «Wir sind möglichst objektiv. Die Befürworter sollen auch zu Wort kommen.»

Schneuwly bedauert es, dass die Befürworter keine Berechnungsgrundlagen für den Einheitskassen-Prämienrechner geliefert hätten: «Wir finden, dass die Stimmbürger ein Recht darauf haben, mögliche Szenarien zu erfahren, was sich mit der Einheitskasse ändern könnte.» Dass die Genauigkeit solcher Prognosen wohl gering ist, ist ihm bewusst. «Wir sehen die Berechnungen der Einheitskassen-Gegner denn auch nicht als Prognose, sondern als ein Szenario.» Er hofft weiterhin, dass die Befürworter doch noch mitmachen.

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