Schweizer wollten weder Mindestlohn, noch sechs Wochen Ferien. Gestern haben Sie eine Initiative zum Vaterschaftsurlaub lanciert. Wieso stimmt das Volk diesmal zu?

Arno Kerst: Mehrere Umfragen haben ergeben, dass über 80 Prozent der Bevölkerung einen Vaterschaftsurlaub befürworten. Das Bedürfnis ist vorhanden, vor allem bei jungen Paaren,
die Eltern werden.

Viele junge Väter engagieren sich dafür, ältere Leute haben kein Gehör dafür. Das Bedürfnis ist begrenzt, es profitieren nur wenige.

Mit dieser Logik begibt man sich auf einen gefährlichen Pfad. Junge Mütter gibt es verhältnismässig auch nur wenige, dasselbe gilt für Arbeitslose, Menschen mit Behinderung oder Militärdienstleistende. Würde die Argumentation weitergeführt, könnten sämtliche Leistungen für Gruppen gestrichen werden. Zudem profitieren nicht nur Väter, Mütter und deren Kinder, sondern die ganze Gesellschaft.

Wie?

Väter können sich in der Familie engagieren, haben gleichzeitig den Kopf frei, wenn sie wieder an den Arbeitsplatz zurückkehren. Sie sind ausgeglichener und motivierter. Das kommt auch dem Arbeitgeber zugute. Und wo sich Väter engagieren, sind auch Mütter eher bereit, im Erwerbsleben zu bleiben oder ihre Stellenprozente zu erhöhen; auch zum Wohle der Wirtschaft.

Ist das heute nicht möglich?

Väter sollen die Chance haben, in den ersten Tagen ihres Kindes präsent zu sein und eine Bindung aufzubauen. Das Paar soll erfahren, was es bedeutet, die Aufgaben zu Hause aufzuteilen. Wenn wir wirklich wollen, dass auch Mütter wieder 100 Prozent arbeiten können, müssten auch Männer Gefallen an der Familienarbeit finden — und womöglich selbst Teilzeit arbeiten.

Bedeutet dies das Ende des klassischen Familienmodells?

Nein. Wir wollen kein Familienmodell vorschreiben. Wir wollen gleich lange Spiesse schaffen. Fakt ist, dass die heutige Situation auf dem Arbeitsmarkt nicht alle Modelle zulässt. Männer verdienen mehr und können seltener Teilzeit arbeiten. Der Vaterschaftsurlaub würde eben nicht nur nach der Geburt ansetzen. Väter, die für sich entscheiden, dass drei freie Tage nach der Geburt reichen, können die restlichen Tage aufsparen und über vier Monate einen Tag pro Woche nicht bei der Arbeit, sondern der Familie sein. Der Vorteil: So lernen ganze Branchen, mit Teilzeitarbeit umzugehen.

Wieso sollen sich Väter nicht wie bisher selber organisieren?

Das wünschen sich gewisse Wirtschaftsvertreter, dass jede Familie sich Geld oder Ferien zusammenspart, um nach der Geburt bezahlten oder unbezahlten Urlaub zu nehmen. Das kann sich der Banker erlauben, für den normalen Arbeiter reicht das Budget nicht. Die grosse Mehrheit bleibt aussen vor. Insofern ist die Forderung grenzwertig. Zudem dienen Ferien der Erholung. Die von uns geforderten 20 Tage Vaterschaftsurlaub sind keine Ferien, sondern erlauben es dem Vater, nach der Geburt für die Familie da zu sein.

Sie wollen den Vaterschaftsurlaub über die Erwerbsersatzordnung (EO) finanzieren. Das bedeutet zusätzliche Lohnprozente. Aktuell will die Politik Löhne stärker belasten, um die AHV zu finanzieren. Ihr
Anliegen hat keine Priorität.

Der Altersvorsorge und ihrer Finanzierung müssen wir grosse Aufmerksamkeit schenken. Grad beim Vaterschaftsurlaub kann die Finanzierung allerdings kein Argument sein. Der Bundesrat hat ausgerechnet, dass vier Wochen 380 Millionen Franken kosten würden. Das ist weniger als ein Hundertstel der AHV, für die wir 42 Milliarden pro Jahr ausgeben.

Der Bundesrat hat die EO-Lohnprozente um 0,05 auf 0,45 gesenkt. Sie wollen sie nun wieder erhöhen?

Wenn man den Beitrag einer Sozialversicherung senken kann, bedeutet das, es geht ihr gut. Wir teilen diese Einschätzung aufgrund der rückläufigen Militärtage und den Erfahrungen, die wir mit der Mutterschaftsversicherung gemacht haben. Die EO schreibt schwarze Zahlen. Die Frage ist eine andere: Anerkennt die Gesellschaft, dass der Vaterschaftsurlaub wichtig ist? Wenn ja, dann muss sie auch den kleinen Schritt machen und – wenn überhaupt nötig – die EO-Lohnprozente wieder auf den alten Stand erhöhen.

Auf Kosten der Altersrenten?

Nein. Aber wir müssen ein überzeugtes Zeichen setzen und erklären, dass Geld nicht nur den älteren Mitbürgern zur Verfügung steht, sondern auch unseren Familien. Zudem hilft es der Finanzierung künftiger Renten, wenn es viele Kinder gibt. Arbeitsbedingungen müssen darum attraktiver werden, damit Frauen und Männer arbeiten und gleichzeitig Familie haben können.

Die Wirtschaft wehrt sich gegen neue Kosten.

Ja. Nur schafft es die gleiche Wirtschaft, dass die Lohnsumme jährlich um 1,1 Prozent steigt. Da sind doch einmalig 0,1 Lohnprozent für den Vaterschaftsurlaub zu verkraften. Das Geld ist vorhanden, es ist eine Frage des Willens und der Verteilung. Dieselbe Wirtschaft, für die 380 Millionen für die Väter nicht verkraftbar sein soll, zahlt allein bei der Firma Sulzer dieses Jahr 600 Millionen Franken Dividende aus, davon 320 Millionen Franken an Investor Vekselberg!

Die Schweiz ist ein KMU-Land. Kleine Betriebe können den Ausfall eines Arbeiters nicht verkraften.

Diese Sorge nehmen wir ernst. Wir wissen, dass vier Wochen nach viel tönt. Doch müssen die 20 Tage nicht an einem Stück eingezogen werden: Im ersten Jahr nach der Geburt kann jeder Vater, in Absprache mit dem Arbeitgeber, die 20 Tage flexibel beziehen. Heute können sich oft kleinere Betriebe den Vaterschaftsurlaub nicht leisten, weil er vollumfänglich vom Arbeitgeber finanziert wird. Unsere Lösung sieht ein solidarisches Modell vor. So kann sich in Zukunft nicht nur eine Migros damit brüsten, Vätern nach der Geburt Zeit für die Familie zu geben, sondern auch die kleinen Handwerksbetriebe und ihre Väter bekommen diese Möglichkeit.

Trotzdem ist die Schweiz ein Hochlohnland. Wenn die Löhne weiter belastet werden, sinkt die Wettbewerbsfähigkeit.

Viel entscheidender ist der Wettbewerb um Fachkräfte. Bei den GAV-Verhandlungen haben sich die Arbeitgeber jeweils dann bewegt, als wir darlegen konnten, dass Vaterschaftsurlaub ein Wettbewerbsvorteil ist. Mit guten Arbeitsbedingungen können Fachkräfte angelockt werden. Denn es muss Branchen wie dem Bau- oder dem Baunebengewerbe schon zu denken geben, wenn Fachkräfte mir erzählen, dass sie ihren Beruf verlassen werden, weil der Arbeitgeber Teilzeit-Arbeit verweigert.