James Schwarzenbach

Der Vater aller Ausländerabstimmungen: Vor 50 Jahren wurde die Überfremdungs-Initiative verworfen

James Schwarzenbach (Mitte) spricht nach der Ablehnung der Überfremdungsinitiative im Bundeshaus mit Journalisten.

James Schwarzenbach (Mitte) spricht nach der Ablehnung der Überfremdungsinitiative im Bundeshaus mit Journalisten.

Vor genau 50 Jahren verwarfen die Stimmbürger James Schwarzenbachs Überfremdungs-Initiative. Das Thema blieb seither virulent.

Wenn der junge Concetto Vecchio zu laut sprach, sagte seine Mutter: «Psst, sonst kommt Schwarzenbach.» Der Journalist der italienischen Zeitung «La Repubblica» erinnert sich noch gut an die Zeit, als seine italienische Mutter ihn auf den Trottoirs von Lenzburg ermahnte, nicht aufzufallen. Die Italiener wurden in den 1970er-Jahren skeptisch beäugt und den Namen Schwarzenbach kannte jedes Kind. Beides geht auf den 7. Juni 1970 zurück, der sich diesen Sonntag zum 50. Mal jährt.

Die Schweizer Männer stimmten an diesem Tag über das «Volksbegehren gegen die Überfremdung» ab. Die Initiative sah vor, dass der Ausländeranteil in der Bevölkerung in jedem Kanton nicht über 10 Prozent steigen dürfe. Eine Ausnahme galt für den Kanton Genf. Weil dort traditionell viele Ausländer lebten, war eine Quote von 25 Prozent vorgesehen. Der Ausländeranteil in der ganzen Schweiz betrug rund 17 Prozent (heute: 25). Der Kopf hinter der Initiative war James Schwarzenbach, ein Dandy von der Zürcher Pfnüselküste, der in breiten Teilen der Bevölkerung einen Nerv traf.

Schwarzenbach, der katholische Konvertit

Die Zahl der Ausländer hatte sich zwischen 1960 und 1970 auf eine Million verdoppelt. Sie kamen, um zu arbeiten. Die Schweizer Wirtschaft brummte. Es war die Zeit, als Brown-Boveri in Baden Turbinen und Sulzer in Oberwinterthur im grossen Stil Textilmaschinen bauten. Die Industrie expandierte, doch es fehlte an Arbeitskräften. Die Unternehmen fanden sie in Spanien und der Türkei, aber vor allem in Italien. Das Land lag wirtschaftlich am Boden.

Die Eltern von Concetto Vecchio kamen in die Schweiz, um Konservendosen zu fertigen und Möbel zu lackieren. In der Schweiz entwickelte sich ein Unbehagen über die Zuwanderung. Es gab zwar kaum Arbeitslosigkeit, doch Gewerkschafter fürchteten sich vor ihr, sollte die Wirtschaft einst ins Stottern geraten. Und viele Schweizer störten sich an den «Tschinggen».

© CH Media

Ein Bericht des Bundes warnte vor der «Überfremdungsgefahr» und eine rechte Kleinstpartei schrieb sich diesen Begriff auf die Fahne: Die «Nationale Aktion gegen Überfremdung von Volk und Heimat» machte bei den Wahlen 1967 gerade einmal 0,6 Prozent der Wählerstimmen. Das reichte aber aus, um James Schwarzenbach in den Nationalrat zu wählen. Dass der Industriellensohn aus Rüschlikon am Zürichsee überhaupt für die fremdenfeindliche Verlierertruppe kandidierte, war ein Coup. Er gab der Partei ein bürgerliches Gesicht, unterlegt mit Anzug und Krawatte.

Der Mann mit dem kosmopolitischen Vornamen und seiner Leidenschaft für Literatur wollte so gar nicht zu den wütenden Patrioten passen. Dass er ein Enfant terrible war, hatte Schwarzenbach schon früh bewiesen. Während seines Geschichtsstudiums in Freiburg konvertierte der Protestant zum Katholizismus und statt sich in den Textilbetrieben seiner Familie einzubringen, übernahm er einen konservativen Verlag.

Ulrich Schlüer ist beeindruckt vom stillen Demagogen

Der Abstimmungskampf war schon in vollem Gange, als Ulrich Schlüer am Rande einer Veranstaltung in Zürich zum ersten Mal mit James Schwarzenbach ins Gespräch kam. Schlüer war beeindruckt. Das hört man dem späteren SVP-Nationalrat und Architekten der Anti-Minarett-Initiative an, wenn er sich heute erinnert. «Die Bevölkerung achtete Schwarzenbach, weil er immer ruhig blieb. Er nahm Kritik entgegen und antwortete, ohne emotional zu werden.»

Dabei hätte Schwarzenbach allen Grund gehabt, nervös zu werden. Er hatte alle gegen sich: die relevanten Parteien, die Unternehmerverbände, die Zeitungen von «NZZ» bis «Blick», die Kirchen. Und auch die Gewerkschaften wollten ihre Mitglieder nicht auf diese Weise vor der Konkurrenz am Arbeitsplatz schützen. Schliesslich hätten rund 300'000 Menschen das Land verlassen müssen.

Schüsse vom Balkon und Fäuste auf der Strasse

Fragt man Schlüer, der später zu Schwarzenbachs Sekretär avancierte, wann der Punkt kam, als man Schwarzenbach ernst nahm, nennt er eine Fernsehdebatte. In der Sonntagabendsendung «Tatsachen und Meinungen» diskutierte Schwarzenbach mit Vertretern des Bundes und Politikern, unter ihnen auch der spätere Bundesrat Leon Schlumpf (SVP). Die ruhige Art habe seine Gegner zur Weissglut getrieben, erinnert sich Schlüer und machte Schwarzenbach berühmt.

Es blieb nicht bei gepflegten Diskussionen im Fernsehstudio. Auf den Strassen wurden Italiener verprügelt und drei Tage vor der Abstimmung schoss ein Schwarzenbach-Anhänger im Thurgauer Dorf Amriswil auf seinen Nachbarn, einen Italiener. Das Volksbegehren wühlte die Schweiz auf. Am Tag vor der Abstimmung berichtete ein Journalist der «Neuen Zürcher Nachrichten» von einer Szene im Hauptbahnhof.

Im «Verkehrsgewühl vor den Eingängen» hätten sich diskutierende Gruppen versammelt, die «mit bereits erhitzten Gemütern Argumente für und wider ‹Schwarzenbach› austauschten». Aus den Debatten sei ein anti-italienischer Affekt «überdeutlich herauszuhören» gewesen, resümierte der Reporter und kam zum Schluss, «dass sich aufgrund der kurzen Begegnung ein pessimistisches Bild über den Ausgang der Abstimmung ergeben konnte».

Die Befürchtung des Journalisten traf schliesslich nicht ein. Doch Schwarzenbach gelang mit dem Ja-Anteil von 46 Prozent eine Sensation. In der Wirtschaftskrise Mitte der 1970er-Jahre mussten zwar viele Migranten das Land verlassen, doch die «Überfremdung» blieb in neuen Varianten ein Dauerthema. Zwischen 1970 und heute kamen zwölf ähnliche Initiativen vors Volk.

Bemerkenswert ist, dass die Zustimmung jeweils ein Vielfaches der Wählerstärke der meist kleinen Parteien betrug, welche die Initiativen eingereicht hatten. Ausnahme ist die SVP. Sie hat ihren Aufstieg auch der diskursiven Vorarbeit von Schwarzenbach zu verdanken. James Schwarzenbach zog sich 1979 aus der Politik zurück und schrieb eine Autobiografie. Der Titel lautet: «Im Rücken das Volk».

Concetto Vecchio kehrte mit seiner Familie nach Italien zurück, als er 14 Jahre alt war. Über die Italiener und die Schweiz schrieb er ein Buch, das gerade erschienen ist. Der Titel lautet: «Jagt sie weg!» Ulrich Schlüer macht weiter. Er engagiert sich nun für die Begrenzungsinitiative der SVP, über die am 27. September abgestimmt wird.

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