Raser
«Der Umgang mit Rasern ist nicht gelöst»

Das Urteil der Raser von Schönenwerd soll Signalwirkung haben, sagen Experten. Aber können Gefängnisstrafen Raser wirklich vom Tempo bolzen abhalten?

Claudia Landolt
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urs Weibel

urs Weibel

Zur Verfügung gestellt

Herr Weibel, wie wird der Mensch zum Raser?

Urs Weibel: Jeder Mensch hat von sich selbst eine Idealvorstellung, wie er sein möchte. Ist die Diskrepanz zwischen dem wirklichen Ich und der Idealvorstellung davon sehr gross, ist es umso wahrscheinlicher, dass irgendwann einmal dieses Ideal, dieser Held in uns, ausbricht.

Man rast also durch die Gegend, um einmal Held zu sein?

Weibel: Dieser Wunsch, ein Held zu sein, dieses Urbedürfnis nach einem Ausbruch ist etwas Urmenschliches. Es ist evolutionsbiologisch begründet und liegt tief in allen von uns (wenn auch mehr in Männern als in Frauen). Gerade bei unterprivilegierten Menschen ist der Drang gross, einmal "der King" sein zu wollen. Autofahren bedeutet auch, Macht zu haben.

Zur Person

Urs Weibel ist Psychotherapeut SPV aus Wohlen und therapiert unter anderem Raser, die bereits verwarnt, deren Führerschein entzogen wurde oder bereits strafrechtliche verurteilt worden sind. Diese Verkehrstherapie wird von der Behörde angeordnet, muss zwingend absolviert und notabene vom Verurteilten selbst bezahlt werden.

Weibel: Die Mehrheit der Raser verfügt über einen geringen Bildungsstandard und ist sozio-ökonomisch ebenfalls weit unten angesiedelt. 75 bis 80 Prozent aller Verkehrssünder stammen aus balkanischen Gegenden. Das ist insofern von Bedeutung, weil diese Menschen aus Kulturen stammen, die nur Angriffe kennen, keine Flucht.
Erklären Sie das bitte genauer.

Weibel: Sie haben nicht gelernt zu flüchten. Werden sie angegriffen, schlagen sie zurück. Getreu ihrer Lebenserfahrung und ihrem Lebensmotto: Ich überlebe nur, wenn ich zuschlage. Ich habe einen Klienten, der verbal und nonverbal auf einem Parkplatz beschimpft wurde. Er fügte der anderen Person daraufhin massive Gesichtsverletzungen zu. Er hätte aber auch die Beschimpfungen ignorieren und einfach davonlaufen können. In der Verkehrstherapie geht es dann unter anderem darum, eine solche Einstellung zu verändern.
Reiche rasen nicht?

Weibel: Doch, natürlich. Nebst den Leuten aus tiefen sozialen Schichten gibt es auch vermehrt neureiche junge Fahrer respektive solche, die urplötzlich zu Geld gekommen sind. Nicht zu vergessen die über 65jährigen.

Welche Rolle spielt Schuld?

Weibel: Interessant ist, dass für manche Raser oder Verkehrssünder die Tatsache, schuldig geworden zu sein im Sinne eines tätlichen Angriffs, leichter zu ertragen ist als die ständige Demütigung oder Scham. Die Schuld des Verprügelns kann gerade bei Jugendlichen leichter zu ertragen sein als die Scham, gekränkt oder abgewertet worden zu sein.
Notorische Raser behaupten mehrfach, zu ihrem Auto eine Beziehung zu haben - eine etwas befremdliche Vorstellung.

Weibel: Aber durchaus realistisch. Ein Auto verschafft ein schnelles Hochgefühl, es erlaubt einem, mal schnell der Realität zu entfliehen. Zudem hat ein Auto bei vielen Männern einen tiefen emotionalen Wert. Es gibt Raser, die geben lieber ihre Freundin her, als ihr Auto. Die Identifikation zum Auto kann so gross sein, dass man denkt: Beschädigt jemand mein Auto, beschädigt er auch mich selbst.