TV-Gebühren

Der TV-Abstinente: «Wieso soll ich für etwas bezahlen, das ich nicht konsumiere?»

Kurt Schreiber schaut schon lange nicht mehr fern – und will auch nicht bezahlen.

Kurt Schreiber schaut schon lange nicht mehr fern – und will auch nicht bezahlen.

Kurt Schreiber ist 87 Jahre alt und einer von 20000 Personen in der Schweiz, die weder Radio hören noch TV schauen, und auch kein Smartphone haben. Der Nationalrat debattiert darüber, ob Einzelne von der Abgabepflicht befreit werden sollen.

Wer das Haus von Kurt Schreiber, bald 87-jährig, Typ ausdauernder Chrampfer, betritt, wähnt sich in einem Museum. Gebeizte Massivschränke, Zinnbecher mit eingravierten Jahreszahlen, Teppiche aus Persien.

Die wenigen losen Gegenstände könnten mit dem Lineal angeordnet sein. Umso anachronistischer wirkt das einzige digitale Gerät, das im Wohnzimmer herumsteht. Es ist ein Funktelefon. Schreibers Freund ist es nicht. «Ich habe es schon manchmal aus dem Fenster werfen wollen», sagt er.

Kurt Schreiber ist einer von jenen schätzungsweise 20 000 Personen in der Schweiz, die weder Radio hören noch TV schauen.

Sie besitzen also auch kein Smartphone, Autoradio oder Computer, welche die Programme empfangen könnten. «Das interessiert mich alles nicht», sagt er. Wenn er sich informieren will, wirft er einen Blick in die Zeitung. Aber das muss auch nicht immer sein.

Früher schaute jeweils noch die Ehefrau fern, eine gebürtige Italienerin. «Benissimo». Die Wettervorhersage. Das Festival von San Remo.

2001 starb sie. Mit ihr verstummte auch der Fernseher. Schreiber bezahlte die Billag-Gebühren – immerhin 462 Franken im Jahr – weiterhin anstandslos. Aus Gewohnheit. Und weil er sich ohnehin nicht mehr um die administrativen Dinge kümmern mag.

Ende letzten Jahres befand seine Freundin Ida Leimer, dass dies so keinen Sinn mehr mache – und wandte sich an den lokalen Kabelnetzbetreiber.

Dieser kappte die Leitungen zu Schreibers Haus und befreite ihn für vorerst drei Jahre von den Gebühren. Der Röhrenbildschirm kam ins ehemalige Kinderzimmer der Tochter. Auf dem TV-Tischchen stehen nun Kerzen.

Mehrheitlich Hochbetagte

In ein paar Jahren könnten aber wieder Billag-Rechnungen in Kurt Schreibers Haus flattern. Der Nationalrat debattiert heute erneut über die Revision des Radio- und Fernsehgesetzes (siehe Infobox).

Medienabstinente wie Schreiber hoffen dabei auf eine Übergangsregelung, welche die grosse Kammer in erster Lesung ins Gesetz geschrieben hat: Wer keinerlei empfangsfähige Geräte besitzt, soll sich während fünf Jahren ab Inkrafttreten des Gesetzes, also bis voraussichtlich 2023, von der Gebühr befreien lassen können.

Der Gedanke dahinter: Da es sich mehrheitlich um hochbetagte Personen handelt, wird sich ihre Anzahl im nächsten Jahrzehnt markant verringern. Dem Ständerat ging dies zu weit, er kippte die Ausnahmeregelung kurzerhand wieder aus dem Gesetz. Bleiben beide Räte bei ihren Positionen, dürfte die Sonderregelung letztlich scheitern.

Antragssteller Kurt Fluri (FDP/SO): «Meine Fraktion unterstützt die Abgabebefreiung weiterhin. Wenn es hart auf hart kommt, werden wir deswegen aber nicht das ganze Gesetz ablehnen.»

Die Post, die Strasse und der Bus

Kurt Schreiber und seine Freundin wären konsterniert. «Wieso soll ich für etwas bezahlen, das ich nicht konsumiere?», fragt sich der Pensionär.

Ida Leimer stellt die Debatte gar in den grösseren Kontext: Die Lebensqualität von Rentnern werde in vielen Bereichen beschnitten. Der Post-Briefkasten, der wegrationiert wurde. Die Strasse, die im Winter nicht richtig gepfadet werde. Oder der Dorfbus, der am Abend und am Wochenende nicht mehr den Hügel hinauffährt.

Seither übernachtet Schreiber, der sonst jeden Morgen mit dem Bus zu ihr hochfährt und am Nachmittag wieder heimkehrt, am Wochenende jeweils bei ihr.

Manchmal setzt sie ihn dann sogar vor den Fernseher und überzeugt ihn, gemeinsam wenigstens die «Tagesschau» zu schauen.

«Wenn mich etwas interessiert, bitte ich ihn jeweils, kurz still zu sein», sagt die 86-Jährige und lacht. Ihr Wissensdurst ist trotz hohen Alters noch längst nicht gestillt, so wird sie auch die nationalrätliche Debatte rund um die TV-Gebühren mit Neugier verfolgen. Im Internet, wohlgemerkt.

Meistgesehen

Artboard 1