Bombenhagel

Der Tag, an dem sich der Zweite Weltkrieg nicht an die Schweizer Grenze hielt

Vor 75 Jahren, im April 1944, warfen US-Bomber Hunderte Brand- und Sprengbomben ins Stadtzentrum. 40 Menschen starben. Es war die grösste Verletzung der Schweizer Neutralität im 20. Jahrhundert.

Der 1. April 1944 war ein Samstag. Der Samstag war auch während des Kriegs Markttag in Schaffhausen . Und so waren vielleicht mehr Leute unterwegs als sonst, als kurz vor 11 Uhr die Bomben amerikanischer Flugzeuge auf Schaffhausen fielen. Die Sirenen hatten pflichtgemäss Luftalarm verkündet, aber die Schweizer Bevölkerung nahm es nach bald fünf Jahren Krieg damit nicht mehr so genau. Kaum jemand suchte die Luftschutzkeller auf. Überflüge alliierter Maschinen waren häufig, an eine Gefahr dachte man dabei nicht.

Diesmal war es anders. 47 Maschinen des 14. Geschwaders (Combat Wing) der 2nd Air-Divi sion, die zur 8. USAAF-Luftflotte gehörte, tauchten über Schaff hausen auf. Um 10.15 begannen sie einen ersten Angriff, brachen ihn aber wegen eines Defekts an der Führungsmaschine ab.

Nach einer Schlaufe flogen schliesslich 15 B-24-Liberator-Bomber der 44. Bombergruppe zurück und warfen 13,3 Tonnen Brand- und 23,3 Tonnen Sprengbomben aufs Schaffhauser Stadtzentrum. Sie töteten 40 Menschen, verletzten 120, davon 37 schwer, und lösten 50 Grossbrände aus. Die Schäden waren beträchtlich.

«Ein Teil der Opfer wäre vermeidbar gewesen», hielt Bezirksarzt Rudolf Fröhlich nach dem Angriff fest, wenn die Leute rechtzeitig die Luftschutz keller aufgesucht hätten. Der Historiker Matthias Wipf, der die Ereignisse des 1. April 1944 in einem Buch zum 75-Jahre-Gedenken aufgearbeitet hat, berichtet gar, dass viele Leute sich das Schauspiel der überfliegenden Bomberflotte nicht entgehen lassen wollten und auf die Strasse geeilt waren. Zum Glück war der Samstagvormittag-Markt auf dem Herrenacker schon zu Ende.

544 Mal heulten die Sirenen im Kanton Schaffhausen, berichtet Wipf, davon 281 Mal in den letzten vier Kriegsmonaten 1945. Insgesamt wurden während des Zweiten Weltkriegs 6501 Grenzverletzungen festgestellt. 198 ausländische Flugzeuge landeten in der Schweiz, 56 Maschinen stürzten ab.

Nur Sirenen, keine Flab?

«Der Himmel war klar. Kleinere Wölklein waren da und dort bemerkbar. Es herrschte kein Wind. Bodenabwehr gab es keine, weil keine vorhanden ist.» Das schrieb Walther Bringolf, 34 Jahre lang Stadtpräsident von Schaffhausen, in einem ersten Bericht vom 12. April 1944 über den Tag des Angriffs. Schaff hausen, die Schweizer Grenzstadt nach Basel schlechthin, ohne Luftverteidigung? Es wird wohl stimmen. Gegen Flugzeuge in 7000 Meter Höhe gab es damals allerdings nicht viele Möglichkeiten.

Im Oktober 1943 hatte die Schweiz  ihre Luftverteidigung offiziell wieder aufgenommen. 1940 hatte der General den Fliegern den Luftkampf verboten. Während der Schlacht um Frankreich hatten sich deutsche Flugzeuge über die Schweiz verirrt. Die Schweizer Piloten stiegen auf und holten elf deutsche Maschinen vom Himmel. Drei eigene Flugzeuge gingen verloren, es gab drei Tote. Die deutsche Reaktion fiel vehement aus. Der Schweiz wurden Zerstörung und andere Sanktionen angedroht. Die Deutschen schickten am Wochenende des 13./14. Juli 1940 sogar Saboteure, welche Schweizer Flugzeuge zerstören sollten. Einem Kondukteur der SBB fielen Männer auf, welche alle ein abgelaufenes Billett zeigten und mit einer Hunderternote nachlösen wollten. Dass sie alle auch einen Rucksack dabeihatten, machte sie noch verdächtiger. Grösserer Schaden konnte vermieden werden, aber eine Luftverteidigung gab es danach nicht mehr.

Ab 1943 wieder «neutral»

1943 machten die Deutschen Druck, dass die Schweizer Luftwaffe sich gegen die Überflüge alliierter Maschinen wehren müsse. Darauf wurde das Feuer vorwiegend auf überfliegende alliierte Bomber recht fleissig eröffnet, auch wenn sie keine feindseligen Absichten hatten oder havariert waren. Schliesslich war man neutral. Mindestens 16 amerikanische und 20 britische Flieger kamen nach Schweizer Beschuss ums Leben. (Peter Kamber: «Schüsse auf die Befreier». Zürich 1993)

Vielleicht waren es diese Geschichten, welche die Leute bis heute munkeln lassen, dass die Bombardierungen von Schweizer Städten und Industrieanlagen beabsichtigte Vergeltungsaktionen gewesen wären. Schliesslich galt die Losung: «Sechs  Tage arbeiten für die Deutschen und am Sonntag beten für den Sieg der Alliierten.»

Für solche Verschwörungstheorien gibt es keine Anhaltspunkte. Auch für Schaffhausen nicht. Die alliierten Flieger hatten sich rettungslos verirrt und keine Ahnung, wo sie waren. Und dass es Schaffhausen traf, war Pech. Keine Wolken, im Gegensatz zum restlichen Europa. Dort lagen eine dichte Wolkendecke und zäher Bodennebel. Gestartet zur «Mission 287» waren in England am frühen Morgen des 1. April 1944 fast 1000 Maschinen, Bomber und Jäger-Begleitschutz. Aber bereits nach der Überquerung des Ärmelkanals brach der Grossteil der Flotte die Mission ab. Ziel war Ludwigshafen bei Mannheim, besonders die Industrieanlagen der IG Farben. Ihre Chemiefabriken produzierten wichtige Materialien für die deutsche Kriegswirtschaft. 124 Mal sei Ludwigshafen aus der Luft angegriffen und dabei fast vollständig zerstört worden, berichtet Matthias Wipf.

Vom Kurs abgekommen

162 Flugzeuge setzten die Mission fort, gerieten aber immer weiter vom Kurs ab, ohne dass sie es merkten. Lead Navigator Christian H. Koch glaubte sich über Bingen am Rhein, als der Angriff initiiert wurde. Dass sie nicht in Ziel nähe waren, das wussten die amerikanischen Crews. Aber man konnte den totalen Fehlschlag immer noch verhindern, wenn man ein sogenanntes Notziel auf Sicht bombardierte. Das Loch in der Wolkendecke bot den Bombenschützen die Möglichkeit, die Stadt ins Visier zu nehmen. Und so lösten schliesslich die 15 verbliebenen Maschinen über Schaffhausen ihre Bomben aus. Andere Maschinen bombardierten Grafenhausen (etwas nördlich von Schaffhausen) und Pforzheim.

Matthias Wipf gelang es, drei Fotos aufzutreiben, die am Schicksalstag gemacht wurden. Man sieht auf dem ersten («City before») den Rhein und die intakte Stadt, auf dem Bild mit der Inschrift «Bombs away» hat es bereits wieder Wolken, und auf «After!» sind fast nur noch Wolken zu sehen.

Die Briten betrieben während der Nächte «moral bombing», Grossangriffe auf deutsche Städte ohne Rücksicht auf die Zivilbevölkerung. Die Amerikaner setzten auf Angriffe auf strategische Ziele, die nur während des Tages gelingen konnten. Sie hatten zudem Anweisung, Ziele, die näher als 50 Kilometer zur Schweizer Grenze lagen, nur zu bombardieren, wenn sie «zweifelsfrei identifiziert» werden konnten». Die Navigation ohne Bodensicht, nach dem Ausfall der nicht perfekt funktionierenden Radarsysteme, nur mittels Kompass und Flug geschwindigkeit möglich, war extrem schwierig. Lead Navigator Koch wurde nach dem Einsatz persönliches Versagen vorgeworfen, und er wurde nie mehr als Lead Navigator eingesetzt.

Die Amerikaner bemerkten nach der Rückkehr auf ihre Basen in England ihren Fehler. Sie entschuldigten sich und überwiesen kurz nach der Bombardierung 4,3 Millionen Franken «zur Not linderung». Im Herbst 1944 zahlten sie weitere 13 Millionen Franken. Nach dem Krieg schlug die Stimmung bei den Alliierten gegenüber der Schweiz um. Laut Washingtoner Abkommen musste die Schweiz 250 Millionen zahlen, weil sie Raubgold der Achse angenommen hatte.

Die Angelegenheit Schaffhausen wurde erst im Oktober 1949 geklärt. 62 Millionen Franken zahlten die Amerikaner an Schaffhausen und andere Ortschaften für Bombenschäden während des Krieges.

Matthias Wipf: «Die Bombardierung von Schaffhausen – ein tragischer Irrtum». Meier Buchverlag, Schaffhausen 2019. 108 S., Fr. 23.–.

Verwandtes Thema:

Meistgesehen

Artboard 1