Marsch auf Bern

Der Tag, an dem die Schweizer Frauen genug hatten: «Wir stehen hier nicht als Bittende»

Heute vor 50 Jahren, am 1. März 1969, setzen sich Tausende Frauen mit dem Marsch auf Bern für Gleichberechtigung ein. Was ist davon geblieben?

Die Sonne scheint auf den Bundesplatz am 1. März 1969. Immer mehr Frauen und auch einige Männer versammeln sich. Zwei Buben tragen ein Schild: «Stimmrecht für unsere Mütter». Trillerpfeifen werden verkauft. Hinter der Absperrung zum Bundeshaus stehen Polizisten, auf der Terrasse schlauchbewehrte Feuerwehrmänner. Um 15 Uhr ist der Platz so voll, dass es die Anwesenden selber kaum glauben können. Trommeln erklingen, dann besteigt eine Frau im roten Mantel das Podium: Emilie Lieberherr.

Diese Szenerie schildert auch Trudi von Fellenberg-Bitzi in ihrer neuen Biografie über Lieberherr, die gut acht Jahre nach deren Tod erscheint. Und natürlich nicht zufällig zum 50. Jahrestag des «Marsches auf Bern». Denn Lieberherr war hier die wichtigste Protagonistin. Sie trug ihre Rede mit einer Prägnanz vor, die auch später ihr Markenzeichen sein sollte: «Wir stehen hier nicht als Bittende, sondern als Fordernde. Wir fordern alle Bürger unseres Landes auf, zu bedenken, dass unsere Demokratie ohne die Mitwirkung der Frauen unvollkommen und einseitig ist. Jetzt nehmt alle eure Trillerpfeifen heraus und pfeift den Bundesrat aus, der nichts für uns tut.»

Pfeifkonzert für Bundesräte

Das Konzert ist ohrenbetäubend. Dann verkündet Lieberherr, in einer Minute würde Bundespräsident Ludwig von Moos sie empfangen. Zusammen mit einer Mitstreiterin schreitet sie ins Bundeshaus. Doch der Bundespräsident ist abwesend. Und auch alle anderen Bundesräte. Lieberherr kommt auf den Bundesplatz zurück. Das Pfeifkonzert bricht erneut los, untermalt von «Buh»- und «Pfui»-Rufen. Dann geht die Demo zu Ende. Lieberherr ist auf einen Schlag schweizweit bekannt. «Dieser Tag war das Highlight meines Lebens», wird sie später sagen. Doch ist er für die Gleichberechtigung tatsächlich ein Erfolg?

Eigentlicher Anlass für die Demo ist, dass der Bundesrat dem Parlament empfohlen hat, die Menschenrechtskonvention des Europarats zu unterzeichnen. Jedoch mit einem Vorbehalt, der das Wahlrecht für Frauen und das Recht auf gleiche Ausbildung für Mädchen betrifft. Hier zeigt die Demonstration grosse Wirkung. Zwar beschliesst der Nationalrat im Juni 1969 nach einer hitzigen Debatte die Ratifizierung der Menschenrechtskonvention inklusive Vorbehalten. Doch sensationell schickt der Ständerat im Oktober die Unterzeichnung bachab. Der düpierte Bundesrat bringt eine Vorlage zur Einführung des Frauenstimmrechts ins Parlament, im Herbst 1970 stimmt dieses zu, am 7. Februar 1971 nimmt das letztmals rein männliche Stimmvolk das Frauenstimmrecht mit deutlicher Mehrheit an.

Für Emilie Lieberherr ist der «Marsch auf Bern» ein erster Höhepunkt ihrer politischen Karriere, der noch viele weitere folgen. Die Anliegen der Frauen bleiben dabei ein zentrales Thema ihres Engagements. Und immer wieder übernimmt sie die Rolle einer Pionierin. Zuerst wird sie Zürichs erste Stadträtin. Lieberherr ist zwar weder in der SP, noch hat sie grosse Lust, Politikerin zu werden. Aber sie lässt sich überzeugen, gerade mit frauenrechtlichen Argumenten, und landet im März 1970 einen klaren Sieg. Lieberherr sollte bis 1994 Stadträtin bleiben. Als Vorsteherin des Sozialamtes hat sie mit schwierigen Themen zu tun: So etwa 1980, als die Jugendbewegung in Krawalle ausartet.

Durchmarsch nach Bern

Zwei Jahre davor hat Lieberherr auch die nationale Politik erobert. Am 22. Januar 1978 wird sie in einer Ersatzwahl als erste Deutschschweizerin in den Ständerat gewählt. Auch hier setzt sie Akzente, etwa in der Sozialpolitik, in Konsumentenfragen und natürlich zu Frauenfragen. Ein politischer Meilenstein ist für sie das Gleichstellungsgesetz, das 1981 vom Stimmvolk angenommen wird. Auch setzt sie sich für das neue Eherecht ein, das 1988 in Kraft tritt. Doch zu diesem Zeitpunkt ist Lieberherr nicht mehr im Ständerat. Wie eine Bombe eingeschlagen hat 1983 ihre Erklärung, auf eine weitere Amtszeit zu verzichten.

Es ist ein Abgang, der zur streitbaren Politikerin passt. Als starke Persönlichkeit geht sie ihren eigenen Weg. Auch im Privatleben. Seit Jahrzehnten lebt sie mit ihrer Partnerin Minnie Rutishauser in einem alten Bauernhaus auf dem Land. Hier gibt sie im Kreise von Familie und Freunden grosse Partys. Dazu passt auch ihre Beziehung zur Hollywood-Familie Fonda. Denn tatsächlich war sie in jungen Jahren von Henry Fonda als Hauslehrerin eingestellt worden und unterrichtete im kalifornischen Laguna Beach die Kinder Jane, Peter und Amy. Stars wie Marilyn Monroe gingen dort ein und aus. Lieberherr kokettiert gerne mit solchen Bekanntschaften. Etwa als «Easy Rider» Peter Fonda 1982 für den Love Ride in Zürich eine Pressekonferenz gibt. Plötzlich taucht Lieberherr und schreit: «Hello Peter!». Und Fonda ruft zurück: «Hello Emilie!». Beide grinsen, und die Journalisten staunen. Mit ihrer letzten Amtszeit als Zürcher Stadträtin endet 1994 die politische Karriere.

Danach muss sie allmählich dem Älterwerden Tribut zollen. Wenige Tage vor ihrem 85. Geburtstag verletzt sie sich bei einem Sturz. Am 3. Januar 2011 stirbt sie im Spital Zollikerberg. Würdigungen aus allen politischen Lagern machen deutlich, was für eine aussergewöhnliche Persönlichkeit Lieberherr war. Der rote Mantel, den sie bei ihrem Auftritt am 1. März 1969 getragen hat, ist bald in der Dauerausstellung «Geschichte Schweiz» im Nationalmuseum ausgestellt. Symbolisch für die Geschichte, die sie selber geschrieben hat.

Trudi von Fellenberg-Bitzi Emilie Lieberherr. Pro Libro, 240 S., Fr. 38.–

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