Ständeratswahlen

Der stolze Tessiner Freisinn muss zittern – kommt es zu einer historischen Zäsur?

Will «kämpfen»: FDP-Kandidat Giovanni Merlini schnitt im ersten Wahlgang überraschend schlecht ab.

Will «kämpfen»: FDP-Kandidat Giovanni Merlini schnitt im ersten Wahlgang überraschend schlecht ab.

Die Ausgangslage vor dem zweiten Wahlgang bei den Ständeratswahlen im Tessin ist offen wie nie.

Das hat es im Südkanton noch nie gegeben. Für den zweiten Wahlgang bei den Ständeratswahlen im Tessin haben alle vier verbliebenen Kandidaten eine reale Möglichkeit, am Sonntag einen Sitz in der Kantonskammer zu erobern. Extreme Nervosität ist vor allem beim Freisinn spürbar. Denn sein Kandidat Giovanni Merlini ist im ersten Wahlgang nur auf dem dritten Rang gelandet.

Würde es der FDP-Vertreter nicht schaffen, wäre dies ein Ereignis von historischen Dimensionen. Denn seit der Gründung des Bundesstaates 1884 besetzen die Tessiner Liberalen ununterbrochen einen Sitz im Ständerat. «Combattere» steht nun auf allen Werbeplakaten – «Kämpfen». Dies hat Merlini bitter nötig, wenn er die Schlacht gewinnen will.

Im ersten Wahlgang lag der bisherige Filippo Lombardi (CVP), der seine sechste Legislaturperiode in Bern anstrebt, mit 34358 Stimmen in der Wählergunst auf dem ersten Rang. Überraschend folgte SVP-Kandidat Marco Chiesa (32636), danach Giovanni Merlini (30386) und schliesslich SP-Frau Marina Carobbio (30280). Abgeschlagen folgten die Grünen-Kandidatin Greta Gysin (22 037) und vor allem der Lega-Politiker Battista Ghiggia (20604).

Für den zweiten Wahlgang ist nun entscheidend, wo sich die Stimmen konzentrieren werden, die den beiden unterlegenen Kandidaten zugekommen waren. Ausserdem ist die Frage, ob die Parteien ihre Stammwähler mobilisieren können und wo die Kandidaten ausserhalb dieser Stammklientel Stimmen fangen werden. Die Wahlbeteiligung lag am 20. Oktober bei nur 49 Prozent – sehr tief für Tessiner Verhältnisse.

Noch nie von einer Ständerätin vertreten

Marco Chiesa, der bereits seine Wiederwahl in den Nationalrat geschafft hat, dürfte im ganzen rechten Lager abräumen. Er vertritt im Wahlkampf die Haltung, dass das rechte und europakritische Tessin endlich auch in der Kantonskammer vertreten sein muss. Allerdings ist die Unterstützung von der Lega dei Ticinesi bisher erst verhalten. Offensichtlich hat die Lega am schlechten Ergebnis ihres eigenen Kandidaten zu knabbern.

Die Linke wiederum wittert ihrerseits eine historische Chance, mit Carobbio das Husarenstück einer Wahl in den Ständerat zu schaffen. Die scheidende Nationalratspräsidentin, die bereits für ihre vierte Legislatur­periode in Bern in der grossen Kammer bestätigt wurde, punktet vor allem mit ihrer Erfahrung und spielt auch geschickt den Frauenbonus aus. Noch nie wurde das Tessin von einer Politikerin im Ständerat vertreten.

«Der englische Lord» der Tessiner FDP

Auf Giovanni Merlini lastet nun die ganze Bürde bei den Freisinnigen. Er soll den Stolz der Partei retten, «l’orgoglio liberale». Doch Merlini, promovierter Jurist, ist kein Idealkandidat. Er ist ein Intellektueller und wenig volksnah. Im Volksmund wird er «Der englische Lord» genannt. In der Partei, vor allem im Luganese, hat man zudem nicht vergessen, dass unter seiner Präsidentschaft Regierungsrätin Marina Masoni abgewählt wurde.

Dass die FDP im April bei den Kantonswahlen einen SP-Sitz angegriffen hat, führte zudem zu einer Umkehrreaktion der Sozialdemokraten. Sukkurs von der Linken dürfte Merlini nicht erhalten. Auch die Listenverbindung mit der CVP hat der FDP wohl mehr geschadet als genützt, auch wenn die bürgerliche Mitte ihr vier Nationalratsmandate bestätigen konnte.

Tatsache ist, dass nicht einmal Filippo Lombardi als altgedienter Senator, der Präsident der CVP-Bundeshausfraktion ist und als einflussreichster Politiker des Tessins auf nationaler Ebene gilt, siegessicher ist: «Eine solche Ausgangslage habe ich noch nie erlebt.»

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