Reportage
Der Steuerstreit belastet auch die benachbarten Grenzgemeinden

Zwischen Rafz ZH und Lottstetten liegen zwei Kilometer, ein paar Probleme, aber kein Streit. Trotz Steuerstreit zwischen Deutschland und der Schweiz sehen die Oberhäupter der beiden Gemeinden vor allem Gemeinsamkeiten.

Benno Tuchschmid
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Deutsch-schweizerische Beziehungen: Wie zwei Grenzdörfer miteinander leben
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Der Bahnhof im deutschen Lottstetten
Alter Zoll in Rafz
Die Dorfstrasse im malerischen Rafz im Zürcher Weinland
Der Hirschen in Lottstetten: Restaurant und Hotel.
Ein Hund trottet duch Lottstetten
Lottstettenm, mitten im Dorf
Nightclub
Lidlfiliale in Lottstetten: Viel Besuch von jenseits der Grenze.
Spargelangeobt in Lottstetten
Stelleninserat
Blick auf Rafz
Rafz
Tempo-Begrenzung: Nicht zu schnell bitte
Bahnhof in Lottstetten
Florian_Schmid

Deutsch-schweizerische Beziehungen: Wie zwei Grenzdörfer miteinander leben

Emanuel Freudiger

Rafz und Lottstetten trennt einiges. Nicht nur die Distanz von zwei Kilometern und die Landesgrenze. Rafz (4054 Einwohner) im Norden des Zürcher Unterlandes ist hübscher mit seinen renovierten Riegelhäusern. In Lottstetten (2311 Einwohner) gibt es mehr Einkaufsmöglichkeiten und Gaststätten. Und obwohl die beiden Orte an derselben SBB-Linie liegen, sind Rafz und Lottstetten auch im Bahnverkehr ungleich.

So verzichten die SBB bei Lottstetten trotz Streckenausbau auf Lärmschutzmassnahmen, weil die Gesetzgebung in Deutschland und der Schweiz unterschiedlich ist. (Lottstetten hat dagegen geklagt). In Rafz wiederum darbt das Gastgewerbe, weil fast alle über die Grenze in die Beiz gehen. Schwacher Euro, billiges Bier. Es ist also nicht so, dass Deutschland und die Schweiz im Kleinen keine Probleme hätten und trotzdem ist eines anders als im Grossen: der Ton.

Deutschland und die Schweiz sind im Steuerkrieg. Die Politiker überhäufen sich mit Gehässigkeiten, Boulevardzeitungen lancieren Klagen. Jürgen Link, Bürgermeister von Lottstetten (CDU) und Jürg Sigrist Gemeindepräsident von Rafz (SP) sitzen im Saal des Gemeindehauses von Rafz. Das Wort «Krieg» fällt nur, als Link sagt, was Lottstetten und Rafz verbindet: «Wir liegen beide in derselben Randregion und sind nicht kriegsentscheidend in der grossen Politik.» Das Gefühl, Aussenseiter zu sein, fördert das grenzüberschreitende Zusammengehörigkeitsgefühl. «Unsere deutschen Nachbarn sind uns nah. Wir haben dieselben Interessen», sagt Sigrist. Das heisst: kein Endlager in Benken und möglichst wenig Fluglärm.

Rafz und Lottstetten waren im 9. Jahrhundert beide im Besitz des Klosters Rheinau. Der Ursprung ist derselbe. Die Grenze kam später dazwischen. Begriffe wie Schwarzgeld und Steuerhölle auch. Mit der Grenze kamen auch gewisse Mentalitätsunterschiede. Vielleicht sind sie Klischee, vielleicht wahr. Jürgen Link hat jedenfalls eine Episode dazu: Gemeinsam mit Kollege Sigrist reiste er vor einiger Zeit nach Berlin. In einem Warenhaus standen die zwei vor einem Lift. Sigrist machte den anderen Platz zum Einsteigen. Einem nach dem anderen, bis es Link zu viel wurde und er sagte: «Jetzt sind wir dran.» Basta. Das sei der Unterschied so Link. Beide lachen.

Viel mehr als der kleine Mentalitätsunterschied trennt gemäss dem Politologen Florian Schmid mangelnde institutionelle Zusammenarbeit. Schmid, der selber in Deutschland wohnt, sagt: «Gerade in der Raumplanung ist der Austausch mangelhaft. Deutsche Raumplaner sagen mir, dass die Zusammenarbeit mit der Schweiz in den letzten 20 Jahren schwieriger wurde.» Obwohl die Behörden-Zusammenarbeit zäh und von Kanton zu Kanton unterschiedlich ist: In der Wirtschaft und bei der Bevölkerung verschwinden die Grenzen zunehmend. In Lottstetten wohnen rund 150 Schweizer und 350 Personen, die in der Schweiz arbeiten. Doch auch politisch gibt es Vorzeigepartnerschaften. Schmid, der zu Grenzregionen forscht, sagt: «Wenn die Zusammenarbeit funktioniert, liegt es meist an den Personen.»

An Personen wie Jürgen Link und Jürg Sigrist, die auch mal in Berlin zusammen in einem Lift stehen. Doch trotz aller Harmonie: Der Steuerstreit belastet die Beziehungen. «Es ist nicht förderlich für ein gutes Zusammenleben», sagt Sigrist. Über die Lösung sind sie sich einig. Die Steuerflucht muss enden. Damit sie sich wieder mit den kleineren, wichtigeren Problemen beschäftigen können.

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