«Eigentlich sollte man jetzt schweigen», schreibt ein Leser auf der Onlineseite der NZZ. «Es braucht die Grösse zur wortlosen Trauer und um Himmels willen keine billigen Rezepte oder Schuldzuweisungen.»

Der Leser hat recht. Bisher wissen wir viel zu wenig über den Amoklauf im kleinen Walliser Dorf Daillon, um bereits Schlüsse ziehen zu können: Weshalb griff der 33-jährige Mann zur Waffe und tötete drei Frauen und verletzte zwei Männer? Woher hatte er die Waffe? Und weshalb ahnte niemand, wozu dieser Mann fähig ist? Sicher ist allein: Eine solche Tat ist schrecklich für alle. Für die Opfer und deren Angehörige – aber auch für die ganze Schweiz, die zu Recht stolz ist auf die Sicherheit im eigenen Land.

Die politische und mediale Realität ist jedoch eine andere. Die Schüsse im Wallis sind noch kaum verhallt, da wissen die Politiker und Kommentatoren bereits, was nun zu tun ist und wer die Schuld trägt. «Dass diesmal nicht aus einer Armeewaffe aus aktuellem Bestand geschossen wurde, macht es nicht weniger dringlich, den Waffenbesitz in der Schweiz restriktiver zu regeln», fordert der Kommentator des «Tages-Anzeigers». «Ein zentrales Waffenregister ist das Minimum.» Und der «Blick» hat bereits den Vormund des Täters und die Polizei als Schuldige ausgemacht: «Einen solchen Mann darf man nicht seinem Schicksal überlassen. Man muss ihn begleiten, überprüfen.» Stattdessen habe man ihn alleine in einem Haus wohnen lassen.

So schlimm die Tat auch ist: Genauso gefährlich ist es, daraus voreilige Schlüsse zu ziehen. Es gibt Tausende von Menschen in der Schweiz, die wie der Täter psychische Probleme haben und Drogen oder zu viel Alkohol konsumieren. Wollte man sie alle permanent überwachen, wäre man schnell bei Zuständen wie in der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts. Damals genügte die kleinste Abweichung von der gesellschaftlichen Norm, um weggesperrt zu werden.

Zudem ist der Zusammenhang zwischen der Verbreitung von Waffen und deren tödlichem Gebrauch keineswegs so eindeutig, wie das linke Politiker nun darstellen. So gibt es beispielsweise in Kanada oder Italien weit weniger Pistolen und Gewehre pro Einwohner als in der Schweiz – aber mehr als doppelt so viele Morde mit Schusswaffen.

Vielleicht gibt es Massnahmen, um die Gefahr von Tragödien wie in Daillon zu vermindern. Dazu müssen wir jedoch zuerst mehr über die Hintergründe des Amoklaufs wissen. Einen absoluten Schutz wird der Staat aber nie bieten können.