Bundespolitik
Der SP-Fraktionschef macht sich zum «Stümperlin»

Mit seiner Idee, SVP-Bundesrat Ueli Maurer im kommenden Dezember nicht zum Bundespräsidenten zu wählen, irritiert SP-Fraktionschef Andy Tschümperlin auch seine Parteikollegen. Schon wird er als «Stümperlin» bezeichnet.

Sermîn Faki
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«Linke planen Angriff auf Verteidigungsminister», lautete die Schlagzeile im letzten «Sonntagsblick». Wie sich nun zeigt, ist die Idee von SP-Fraktionschef Andy Tschümperlin, Ueli Maurer im Dezember nicht zum Bundespräsidenten zu wählen (siehe Kasten), nicht mehr als seine eigene. Bei den zuständigen Stellen - im Fraktionsvorstand und in der SP-Geschäftsleitung - mag sich auf Nachfrage niemand erinnern, dass über ein solches Ansinnen je diskutiert wurde. Bei der Geschäftsstelle in Bern heisst es offiziell: «Herr Tschümperlin hat klar gesagt, dass es sich um seine Idee handelt, die er mit der Partei diskutieren will.» Nun, dem «Sonntagsblick» hatte der Schwyzer Nationalrat gesagt, dass parteiintern bereits über einen solchen Plan gesprochen worden sei.
Geniale Taktik oder Fehleinschätzung des neuen Fraktionschefs? Bundesbern neigt bei der Beantwortung dieser Frage zu Zweitem; macht doch schon der Kalauer «Tschümperlin oder Stümperlin?» die Runde.
«Fragwürdiges» Vorgehen
SP-Exponenten wollen sich öffentlich nicht zu Tschümperlins Taktik äussern. «Ich kritisiere meine Kollegen nicht über die Medien», sagt etwa der Zürcher Nationalrat Daniel Jositsch, Mitglied des Fraktionsvorstands. Auch Vizepräsidentin Jacqueline Fehr will keine Auskunft geben - verständlich: Kritik würde man als späte Abrechnung verstehen. Fehr unterlag Tschümperlin Anfang Jahr im Kampf um das Fraktionspräsidium. Der Freiburger Nationalrat und Vertraute von Parteipräsident Christian Levrat, Jean-François Steiert, gibt sich immerhin «überrascht» von Tschümperlins Vorpreschen.
Und hinter den Kulissen schlägt so mancher Genosse die Hände über dem Kopf zusammen. «Fragwürdig» und «wenig geschickt» sei es gewesen, fünf Monate vor der Wahl einen solchen Plan öffentlich zu machen. Manche vermuten, Tschümperlin habe sich schlicht ins Gespräch bringen wollen oder vom «Sonntagsblick» über den Tisch ziehen lassen. «Beides schmeichelt dem Ruf eines Fraktionschefs nicht», sagt einer.
Keine exakte Wissenschaft
Steiert, der im letzten Bundesratswahlkampf für den heutigen Innenminister Alain Berset weibelte, sagt auf die Frage, ob er in einem vergleichbaren Fall ähnlich vorgegangen wäre: «Nein», um hinzuzufügen, dass Strategie und Taktik keine exakten Wissenschaften seien. «Ein guter Taktiker ist der, der am Ende das gewünschte Resultat erreicht.» Dies müsse man im Fall Tschümperlin abwarten.
Tschümperlin sagt, der «Sonntagsblick» habe seinen Aussagen etwas zu viel Bedeutung beigemessen. «Alles, was ich gesagt habe, ist, dass ich mich dafür einsetzen werde, dass Maurer nicht Bundespräsident wird.» Er wisse, dass in der Fraktion einige so denken würden wie er.

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