Im bald anbrechenden Jahr 2014 jährt sich der Ausbruch des Ersten Weltkriegs zum 100. Mal. In ganz Europa werden Politiker und Militärs in unzähligen Gedenkfeiern an den «Grossen Krieg» erinnern, der zwischen 1914 und 1918 insgesamt zehn Millionen Soldaten und neun Millionen Zivilisten das Leben gekostet hat.

Pünktlich vor dem Jahrestag stellt mit dem Australier Christopher Clark ein renommierter Historiker die These resolut infrage, wonach das Deutsche Kaiserreich die Hauptschuld am Ausbruch dieser «Urkatastrophe Europas» getragen haben soll. Clark schreibt in seinem Buch «Die Schlafwandler», der Krieg sei keineswegs unausweichlich gewesen. Viel eher seien die Risiken der verschiedenen politischen und militärischen Strategien nicht erkannt oder von den Regierungen falsch eingeschätzt worden. Ein Krieg aus Unvermögen! Die Folgen waren verheerend. Wenige Wochen nach dem Mord am österreichisch-ungarischen Thronfolger Franz Ferdinand in Sarajevo stand der Kontinent in Flammen.

100 Jahre später wird sich ein wirtschaftlich lädiertes und politisch haderndes Europa wieder fragen, wie es denn auf einem Kontinent mit lauter zivilisierten Nationen, einer prosperierenden Wirtschaft und einer hohen Mobilität der Menschen zu einer solchen Katastrophe kommen konnte. Clarks These von einer falschen Risikoanalyse der damaligen Protagonisten ist im Lichte aktueller Entwicklungen äusserst brisant.

Schweiz steht vor Schicksalsabstimmungen

Die Schuldenkrise hat die EU in eine Sinnkrise gestürzt. Antieuropäische Kräfte, die das Heil in nationalen Alleingängen suchen, schiessen vielerorts wie Pilze aus dem Boden. Europa wird nicht mehr als Schicksalsgemeinschaft, sondern als Konkurrent des schützenden Nationalstaats wahrgenommen – der damit erneut völlig verklärt wird.

Und die Schweiz? Sie war ein Sonderfall. Weil sie militärisch verschont blieb, gibt es heute weder Soldatenfriedhöfe noch pompöse Gedenkfeiern. Die Deutschen überfielen das neutrale Belgien, um Frankreich anzugreifen. Die Schlächterei hörte wenige Kilometer vor der Schweizer Grenze bei Basel auf. Trotz verbreiteter Armut profitierte unser Land aber wirtschaftlich. Der Krieg wurde teilweise über den hiesigen Finanzplatz finanziert, was dessen phänomenalen Aufstieg in die Topliga der Vermögenszentren erst ermöglichte.

Der Sonderfall wiederholte sich im Zweiten Weltkrieg. Das Land blieb erneut verschont. Das prägte: Neutralität und politische Abstinenz wurden von den Eliten zur Raison d'être der Eidgenossenschaft überhöht. Ein Beitritt zur Europäischen Gemeinschaft war – und ist bis heute – tabu. Von der eigenen Unversehrbarkeit überzeugt, hielt sich das Land politisch stets auf Distanz. Wirtschaftlich hingegen war die Schweiz immer an einem regen Austausch mit Europa interessiert. Kriegseintritt nein – Handel mit den Kriegsparteien ja. Politische Neutralität hier – wirtschaftliche Verflechtung da. EU-Beitritt nein – bilaterale Verträge ja.

Der Zufall will, dass unser Land 100 Jahre nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs vor europapolitischen Schicksalsabstimmungen steht. Wieder geht es um den Sonderfall. Ein Ja zur Masseneinwanderungsinitiative am 9. Februar untergräbt die bilateralen Verträge und damit die bisherige Strategie: politische Anbindung nein – wirtschaftliche Integration ja. Die Ausgangslage entbehrt nicht der Ironie: Wer Schutz im nationalen Alleingang sucht, setzt jenen Sonderfall aufs Spiel, der die Schweiz seit Jahrzehnten so erfolgreich macht.