Wer sich für die Digitalisierung interessierte, pilgerte bisher aus der Schweiz ins Silicon Valley. Neuerdings verlaufen Erkundungstouren auch in der entgegengesetzten Richtung: von den USA in die Schweiz. Die Firma Crypto Explorers aus Maryland bietet seit einem Jahr Reisen an ins «Crypto Valley Zug». Der dreitägige Trip – «Exploring the Future» – kostet 1000 Dollar. Die nächste Reise findet Ende April statt und ist ausverkauft.

Schon über 350 Blockchain-Unternehmen haben sich in der Schweiz niedergelassen, vorwiegend im «Crypto Valley» zwischen Zürich und Zug, aber auch in Lugano und Genf. Allein Zug rechnet bis Ende 2018 mit 200 weiteren Blockchain-Unternehmen.

Zudem kamen 2017 vier der zehn weltweit grössten Initial Coin Offerings (ICO) aus der Schweiz. Ein ICO ist eine neuartige Form der Unternehmensfinanzierung, deren Verfahren auf der Blockchain-Technologie beruht.

Der «Goldrausch»

Von einem «Goldrausch in der Schweiz« schrieb die «Frankfurter Allgemeine Zeitung» im Februar. Die Schweiz gilt hier als eine der weltweit führenden Nationen. «Beim Volumen von ICO und auch im Bereich Blockchain und Fintech gehören wir zur Spitzengruppe, zusammen mit Staaten wie Singapur, Israel, Grossbritannien und den USA», sagt Jörg Gasser, Staatssekretär für internationale Finanzfragen im Finanzdepartement (EFD). «Die Unternehmen siedeln sich bevorzugt bei uns an, weil wir ein sehr gutes Umfeld haben.»

Nach aussen gilt die Schweiz zwar als Vorzeigeland für Blockchain- und Krypto-Technologie. Im Innern muss sie aber gewisse Probleme lösen. «Wir sind in einer sehr wichtigen Phase, in der zwei grosse Herausforderungen anstehen», sagt Lorenz Furrer von der Agentur Furrer/Hugi. «Erstens müssen primär die Banken die Geschäftsinfrastruktur für die Branche sicherstellen. Und zweitens muss das Problem der Regulierung gelöst werden.»

Das ist der Grund, weshalb Lorenz Furrer und Mathias Ruch von den Lakeside Partners die private «Task-Force Blockchain» ins Leben gerufen haben. Sie besteht aus Vertretern von Politik, Wissenschaft und Wirtschaft und erarbeitet zurzeit Vorschläge für die Rahmenbedingungen in der Blockchain-Technologie unter Schweizer Recht. Die Bundesräte Johann Schneider-Ammann und Ueli Maurer haben das Patronat übernommen. Die Task-Force will Schneider-Ammann ihre Vorschläge am Donnerstag im Rahmen des «Blockchain-Summit» in Zug übergeben.

Als besonders drängend gilt im Moment das Problem, dass Start-ups in der Schweiz keine Geschäftskonten eröffnen können. «Heute lehnen es die Schweizer Banken grundsätzlich ab, Geschäftskonten für Unternehmen zu eröffnen, die Blockchain als Zweck angeben – weil sie das Geschäftsmodell dieser Unternehmen nicht im Detail kennen», sagt Andri Silberschmidt, Präsident der Jungfreisinnigen und Mitglied der Task-Force.

Davon profitiert die Liechtensteiner Krypto-Bank Frick, die nicht nur den Handel mit fünf führenden Kryptowährungen anbietet, sondern auch Geschäftskonten für Blockchain-Unternehmen. Gegen 300 Start-ups sollen ein Konto haben bei der Bank Frick. Zwei Drittel dieser Start-ups sind aus der Schweiz. «Wir haben in diesem Sektor sehr viele Geschäftskunden aus der Schweiz», sagt Sigvard Wohlwend, Leiter Kommunikation, ohne Zahlen zu nennen. «Es gehen täglich Kunden und prospektive Kunden bei uns ein und aus, insbesondere aus dem Crypto Valley.»

Für Andri Silberschmidt ist klar, dass hier «dringender Handlungsbedarf» besteht. Das weiss auch Staatssekretär Gasser. «Der Zugang zu Bankkonten ist für Blockchain-Unternehmen ein Problem, weil Banken bei der Annahme von neuen Geldern strenge Sorgfaltspflichten zu beachten haben», sagt er. «Wir arbeiten daran, das mit der Branche zu besprechen.» Die Bankbranche selbst ist inzwischen aktiv geworden. «Wir bestätigen, dass sich die Schweizerische Bankiervereinigung in einer Arbeitsgruppe des Themas Kontoeröffnung angenommen hat und es mit Priorität bearbeitet», sagt Mediensprecherin Michaela Reimann.

Die zweite grosse Herausforderung betrifft die Regulierungen. Neben der privaten «Task-Force Blockchain» hat das Staatssekretariat für internationale Finanzfragen die Arbeitsgruppe Blockchain/ICO ins Leben gerufen. Ihr gehören das Bundesamt für Justiz an, die Finanzmarktaufsicht (Finma), Nationalbank und Steuerverwaltung. «Wir werden im Juni über einen ersten Zwischenbericht verfügen», sagt Gasser. Ende 2018 will die Gruppe dem Bundesrat die Grundlagen für das weitere Vorgehen unterbreiten.

Mit dem Hype um das «Crypto Valley» sind auch Risiken verbunden – wie Betrügereien, Geldwäscherei, Terrorfinanzierung. Kryptowährungen seien «ein hervorragendes Tummelfeld für Spekulanten und andere Glücksritter», sagte Finanzminister Ueli Maurer in «Persönlich». Man sei sich der Risiken «sehr wohl bewusst», sagt Staatssekretär Gasser. «Wir wollen auf alle Fälle verhindern, dass die Schweiz wieder in ein schlechtes Licht gerät.» Gleichzeitig wolle man aber die Wettbewerbsfähigkeit fördern. «Wir sind überzeugt, dass die Blockchain-Technologie die Zukunft sein wird.» Nicht nur im Finanzbereich, denkt er. Sondern auch im Energiehandel oder in der Logistik.