Porträt
Der Senkrechtstart des Andreas Glarner – wie der Mann fürs Grobe Freund und Feind bewegt

Bundesrätin Simonetta Sommaruga müsse sich warm anziehen, kündigte Andreas Glarner nach seiner Wahl in den Nationalrat an.Und es sieht nicht einmal so aus, als ob er den Mund zu voll genommen hätte. Der neue Asylchef der SVP Schweiz ist zwar höchst umstritten, aber zweifellos innert Kürze zur nationalen Figur geworden.

Urs Moser
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Andreas Glarner lässt kaum eine Bühne aus.
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Auf seinem Nationalratsstuhl gefällt es ihm offensichtlich.
Nur in seinem Oberwil-Lieli fühlt sich Ammann Glarner noch wohler.
Kaum zum Nationalrat gewählt, wurde er in die "Arena" eingeladen. Glarner fühlt sich wohl in der auf Konfrontation angelegten Sendung von SRF.
Seiner Lieblingsgegnerin, die grüne Aargauer Regierungsrätin Susanne Hochuli, begegnet Glarner nur noch selten. Wie hier im Talk Täglich von Tele M1 zu Oberwil-Lielis Asylpolitik.
SVP gegen SP: Andreas Glarner gegen Cédric Wermuth (r.)
Als Oberwil-Lieli negativ in die Schlagzeilen geriet, liess Glarner sogleich einen Kleber "I love Oberwil-Lieli" drucken.
Er liebt das Scheinwerferlicht: Sogar deutsche TV-Stationen interviewten ihn wegen seiner Asylpolitik.
Stacheldraht gegen Flüchtlinge: Mit dieser Provokation hat sich Glarner auch bei einigen Parteifreunden in die Nesseln gesetzt.
Bald war Andreas Glarner auch Gast bei "Giacobbo/Müller". In der Höhle des Löwen der Linksliberalen aus Glarner-Sicht.
Das muss ihm zuerst einmal einer nachmachen: Kaum gewählt bereits als Gamefigur veräppelt.
Parteisoldat mit Parteimaskottchen: Glarner Andi mit Willy auf dem Weg zum Parteitag.
SVP-Nationalrat Andreas Glarner mit Partnerin Nadine Fleischli.
April 2013: Damals war Andreas Glarner national noch wenig bekannt: Hier hält er bei einer Feier eine Rede als frisch gewählter Aargauer SVP-Fraktionschef.

Andreas Glarner lässt kaum eine Bühne aus.

Keystone

In der kantonalen Politik hatte er die Sonderstellung schon lange: Für die einen wurde Andreas Glarner mehr und mehr zur fleischgewordenen Boshaftigkeit, für die anderen schon fast zum Messias. Aber welche Rolle würde der Unternehmer, Gemeindeammann von Oberwil-Lieli, Grossrat und in seinen nebenamtlichen Funktionen als Vollzeit-Gegner der grünen Regierungsrätin Susanne Hochuli beschäftigte SVP-Politiker vom «Juwel am Mutschellen» auf der nationalen Bühne spielen, nachdem ihm letztes Jahr der Einzug ins Bundeshaus gelang?

Schon weniger als ein Jahr nach den Wahlen lässt sich feststellen: Der Mann ist ein Phänomen. Zumindest, wenn man die mediale Präsenz zum Massstab nimmt, ist Andreas Glarner innert Monaten zum Star der eidgenössischen Politik avanciert.

«Der national meistgehasste Politiker»

«Selten wurde aus einem Aargauer Lokalpolitiker rasanter eine nationale Figur», meint der «TagesAnzeiger». Der Mann polarisiere wie derzeit kaum ein anderer, stellt die «NZZ am Sonntag» fest. Die «Schweizer Illustrierte» orakelt in ihrer Kaktus-Vergabe anlässlich des in den sozialen Medien entfachten Streits mit zwei Widersacherinnen in der Asylpolitik bereits, dass sich «ein Politiker mit solchen Äusserungen selbst in die Wüste schickt».

Die Boulevardpresse registriert jede Regung des Aargauer Neo-Nationalrats und zeichnet Glarner mit Attributen wie «Asyl-Amok» und «Facebook-Fiesling» aus. Die «Weltwoche» versteht es wohl eher als Auszeichnung, kommt in einem dreiseitigen Porträt aber ebenfalls zum Schluss, dass Andreas Glarner «in Rekordzeit vom Nobody zum national meistgehassten Politiker» wurde.

Der neue Ressort-Verantwortliche für die Asylpolitik der SVP Schweiz hielt in den letzten Wochen die Polit-Analysten im ganzen Land auf Trab, wie das in der jüngeren Vergangenheit ausser Christoph Blocher keiner schaffte. Zentrale Frage dabei: Ist der neue Asylchef ein Glücksgriff für die SVP oder wird der Meister der Provokation am Ende eher zur Hypothek?

Jetzt, wo man sich im bürgerlichen Lager wieder näher kommt und auch FDP und CVP eine härtere Asyl-Linie fahren, muss es nicht nur von Vorteil sein, wenn das Dossier in den Händen einer so polarisierenden Figur wie dem kompromisslosen Hardliner aus Oberwil-Lieli ist. Das sei nicht ungefährlich, zitierte unlängst der «TagesAnzeiger» einen allerdings nicht namentlich genannt sein wollenden SVP-Nationalrat.

«Partei profitiert von solchen Köpfen»

Glarner nimmt die anonym geäusserte Kritik gelassen und fühlt sich von der Parteiführung getragen. Für ihn steht fest: Der über ihn hereingebrochene Shitstorm und seine mediale Begleitung sind eine gezielte Kampagne. «Das ist eine orchestrierte Aktion, man will den Asylchef der SVP abschiessen», sagt Glarner und gibt sich selbstbewusst: Das sei kontraproduktiv.

Natürlich habe es Rückfragen von Parteichef Albert Rösti gegeben, aber in der SVP-Führung sei das Gefetze über eine Falschaussage sofort richtig eingeordnet worden. «Normalerweise würde so etwas niemals so aufgebauscht», meint Glarner und glaubt den Grund zu kennen: Er wolle ja nicht unbescheiden sein, aber seine Gegner seien sich bewusst, dass er nicht nur Sprüche klopft, sondern auch wirklich etwas bewegt.

Nun war die Forderung nach einem Stacheldrahtzaun um die Schweizer Grenze zwar eher etwas absurd. Und die Abstimmung über das Asylgesetz ging trotz der falschen Behauptung verloren, in Chiasso würden Rentner aus ihren Wohnungen geschmissen, um Platz für Asylbewerber zu schaffen. Doch dass von ihm orchestrierte Aktionen nicht wirkungslos bleiben und die Ankündigung, Simonetta Sommaruga müsse sich warm anziehen, wohl keine hohle Drohung war: Das hat Glarner im Aargau wiederholt bewiesen.

Immerhin gipfelte eine Kampagne, bei der er zu den Strippenziehern gehörte, in der Abwahl eines amtierenden Regierungsrats. Damals hatte die «Keiner wählt Rainer»-Kampagne auch SVP-intern für helle Empörung gesorgt. Kantonalpräsident Thomas Lüpold forderte Glarner sogar offen zum Rücktritt als Fraktionschef auf. Ohne Folgen zwar, aber immerhin entschuldigte sich Glarner für ein damals (2009) als skandalös eingestuftes Inserat mit weinenden Kindern.

Wenn er heute auf den Putz hauen kann, wie er will und dafür Applaus bekommt, lässt das erahnen, dass wohl eher SP-Nationalrat Cédric Wermuth mit seiner Theorie richtig liegt, als dass es der SVP zu bunt werden könnte: Glarner radikalisiert die Partei. In der Tat löst sein Politik-Stil vielleicht nicht nur Begeisterung aus, stösst aber auf keinerlei offenen Widerspruch mehr. Es sei erstaunlich, wie Glarner zur nationalen Figur emporgestiegen sei, jubiliert SVP-Kantonalpräsident und Nationalratskollege Thomas Burgherr.

«Die Partei profitiert von Köpfen, die so klar Stellung beziehen», findet er – obwohl für den Anspruch auf einen zweiten Regierungssitz im Aargau etwas moderatere Töne vielleicht auch nicht schaden könnten. Nationalratskollege Maximilian Reimann meint, das mit dem Stacheldraht sei vielleicht schon etwas starker Tobak gewesen, aber es sei gut, dass das Asyldossier nun in den Händen von jemandem liegt, der an der Basis auf Gemeindeebene mit dem Thema befasst ist.

Und Nationalrat Ulrich Giezendanner gibt zu bedenken: Manche im bürgerlichen Lager, die Glarners Provokationen verurteilen, seien in Wahrheit ganz froh, dass er das erledigt und sie sich gemässigter geben können.