Er gilt als Vorzeige-Imam, als liberal und sprach sich sogar für ein Burka-Verbot aus: Der Berner Mustafa Memeti ist in der Schweiz zum gern gesehenen Repräsentanten der Muslime geworden. Seine Stimme hat zudem Gewicht. Denn als Präsident der Albanisch Islamischen Gemeinschaft der Schweiz vertritt er die grösste Gruppe der Muslime hierzulande.

Zu seinem Image passt auch das am Montag von ihm unterschriebene Bekenntnis zu Demokratie und Rechtsstaat, über das die «NZZ am Sonntag» berichtete. Seltsam jedoch ist, wer mit ihm die Charta unterzeichnete. Neben Memeti setzte ausgerechnet Nehat Ismaili die Unterschrift auf das Papier. Ismaili ist Imam der Weissen Moschee im aargauischen Aarburg und Präsident der Union Albanischer Imame in der Schweiz (UAIS). Just Ismaili und seine UAIS wurden von Memeti im letzten Sommer massiv kritisiert. Im «Tages-Anzeiger» vom 4. Juni 2016 warf Memeti der UAIS vor, salafistisch geprägt zu sein, einen politischen Islam zu vertreten, gar mit extremistischen Kreisen zu verkehren.

Doch warum unterzeichnen die beiden zerstrittenen Imame nun Seite an Seite ein Papier, in dem steht, dass der von ihnen vertretene Islam mit dem schweizerischen Rechtsstaat, der Demokratie und den hiesigen Werten vereinbar ist? Haben sich der liberale Imam aus Bern und sein konservativer Kollege aus Aarburg wieder versöhnt?

Kritik am schönen Papier

Eine mögliche Erklärung ist diese: Hinter der Charta steht gar nicht der gute Wille der beiden Imame selbst, sondern der ehemalige kosovarische Botschafter in der Schweiz Najm Malaj. Kommt hinzu: Memeti und Ismaili unterzeichneten das Papier gestern unter den Augen der Botschafter aus Albanien, dem Kosovo und Mazedonien. Denjenigen Ländern also, aus welchen die meisten Albaner in der Schweiz stammen.

Deshalb vermutet die säkulare Muslimin Saïda Keller-Messahli eine Absicht der Regierungen dieser Länder: «Sie versuchen, politische Macht über die in den hundert Moscheevereinen organisierten Bürger zu erlangen. Ganz ähnlich, wie Erdogan das tut.» Keller-Messahli befürchtet nichts weniger als den Versuch, albanische Moscheen hierzulande «noch mehr auf saudischen Kurs zu bringen». Den Grund sieht sie im wachsenden Einfluss der Golfstaaten im ehemaligen Jugoslawien seit dem Ende der Balkan-Kriege.

Forscher stellt sich hinter Muslime

Hansjörg Schmid, Direktor des Schweizerischen Zentrums für Islam und Gesellschaft an der Universität Freiburg, relativiert: «Die Imame der UAIS sind oft weniger konservativ eingestellt, als sie dargestellt werden.» Schmid kommt mit den Imamen vor allem bei Weiterbildungen an seinem Universitätsinstitut in Kontakt. Am Wochenende hätten bei einer Weiterbildung Vorstände von 32 der insgesamt 61 albanischen Moscheevereine teilgenommen. Ende Januar seien es in einer anderen Weiterbildung 23 von insgesamt 40 albanischen Imamen in der Schweiz gewesen. «Wir spüren eine deutliche Offenheit», so Schmid.

Memeti selbst sagt, das gestrige Treffen mit Ismaili sei das erste seit langem gewesen. «Der Streit liegt in der Vergangenheit. Auch die UAIS muss nun beweisen, dass sie die Vorgaben aus der Charta in der Praxis umsetzt», so Memeti. Das Papier allein stelle ja bloss Theorie dar.

Während Saïda Keller-Messahli in der Charta eine «orchestrierte PR-Aktion» erkennt, sieht Hansjörg Schmid die albanischen Muslime immerhin einen Schritt auf die Gesellschaft zugehen und Vertrauen schaffen. «Gerade die albanischen Imame in der Schweiz sehen sich häufig der Kritik ausgesetzt, nicht glaubwürdig hinter der hiesigen Rechtsordnung zu stehen. Einerseits sind die Bekenntnisse in der Charta eine Selbstverständlichkeit für das Zusammenleben in der Schweiz, andererseits muss man Selbstverständliches auch wiederholen, um Vertrauen zu schaffen», sagt Schmid.

In ihrer Charta streben die beiden albanischen Muslimverbände von Mustafa Memeti und Nehat Ismaili eine geeinte Zukunft an. Ob das möglich ist nach dem Streit zwischen den beiden Wortführern? Hansjörg Schmid glaubt daran, weil er die Unterschiede zwischen den Organisationen für gar nicht so gross hält. «Aus meiner Sicht ist die UAIS nicht salafistisch geprägt», sagt er. «Ich halte es zudem für falsch, den Vertreter der einen albanischen Organisation stockkonservativ und denjenigen der anderen Organisation als liberal zu bezeichnen. Man polarisiert damit bloss.»

Schliesslich haben beide Imame, Memeti und Ismaili, an konservativen Universitäten in Saudi-Arabien studiert. Die Frage lautet deshalb: Ist Memeti tatsächlich so liberal, wie er dargestellt wird?