Gotthard-Basistunnel
Der Schweizer Pioniergeist lebt

Ein Grossprojekt wie "Neat", das lange dauert und viel kostet, erntet immer auch harsche Kritik. Wir verteidigen das Bauwerk, das am 1. Juni eingeweiht wird, als Beweis Schweizerischer Durchsetzungskraft und Innovation.

Christian Dorer
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Hochmodern Der Gotthard-Basistunnel

Hochmodern Der Gotthard-Basistunnel

Keystone

Der längste Tunnel der Welt! 17 Jahre Bauzeit, ein Präzisionswerk mit bloss 0,00014 Prozent Abweichung beim Bohren, Kosten von 23 Milliarden Franken, eine Revolution für den
alpenquerenden Verkehr!

Artikel-Serie Gotthard

Am 1. Juni 2016 wird der Gotthard-Basistunnel eröffnet. Mit 57 Kilometern Länge ist er der längste Bahntunnel der Welt. Mit Blick auf diesen historischen Moment beleuchten wir übers Wochenende das Thema in einer einzigartigen Artikelserie. Sie finden die einzelnen Beiträge nach der Publikation auch zum Nachlesen in unserem Online-Dossier "Gotthard".

Klar ist: Die Eröffnung des 57 Kilometer langen Gotthardtunnels am Mittwoch ist ein historisches Ereignis. Generationen von Schülern werden nach «1882» (Eröffnung des ersten Tunnels) nun auch «2016» lernen. Um der Bedeutung dieses Bauwerks
gerecht zu werden, erscheint die heutige «Nordwestschweiz» als Schwerpunktausgabe: Der erste Bund widmet sich dem Gotthard.

Ein Grossprojekt zieht immer auch Kritiker an. Der Tunnel sei zu teuer im Bau und im Unterhalt, niemand glaube an einen kostendeckenden Betrieb; neue Angebote würden bloss neuen Verkehr schaffen, die Zufahrtsstrecken fehlten, und sowieso sei die heutige Strecke mit den Kehrtunnels viel schöner. Die «Basler Zeitung» kam gar zum Schluss: «Mit einer
kostspieligen Feier wird am 1. Juni dieses lange, trostlose Loch eingeweiht werden. Eine Beerdigung statt einer Auffahrtsprozession.»

Kritik gehört dazu ...

Mäkeln gehört ebenso zur Schweizer Mentalität wie Ingenieurskunst und Präzision. Im Fall der Neuen Eisenbahn-Alpentransversale (Neat), wie das Projekt offiziell heisst, kann man die Kritiker ins Leere laufen lassen: Sie irren sich komplett. Natürlich wird am Anfang nicht alles klappen, natürlich ist die Neat ein gigantisches Projekt und kostet viel Geld. Doch wer nie Risiken eingeht, kommt auch nie vorwärts.

Das wussten bereits unsere Vorfahren. Der Bau des ersten Gotthard-Tunnels in den 1870er-Jahren war ein finanzielles Debakel, führte zu 200 Toten, provozierte Arbeiteraufstände, war mit zwei Spuren überdimensioniert. Doch ist ein Bauwerk erst einmal vollendet, kann man sich nicht mehr vorstellen, wie es ohne gehen würde.

Jeder Schweizer verbindet etwas anderes mit dem Gotthard:

Die «Bahn 2000»-Neubaustrecke zwischen Mattstetten und Rothrist, der zweite Baregg-Strassentunnel, die Westumfahrung von Zürich – alle Projekte hatten ihre Kritiker, die rasch verstummten, als das Ganze erst mal lief. Man kann auch ganz weit zurückgehen: Als 1847 in der Schweiz die erste Eisenbahn fuhr, herrschte Sorge um die Gesundheit des Menschen – er sei nicht für hohe Geschwindigkeiten gemacht.

Das Auto blieb im Kanton Graubünden bis 1925 verboten, weil man es «als
lärmendes, stinkendes Ungetüm» betrachtete und als «unerträgliche Belastung für die Strassenanwohner».

... doch läuft ins Leere

Künftige Generationen werden über die Kritik an der Neat ebenso schmunzeln. Sie wird innert Kürze nicht mehr wegzudenken sein – für rasche Fahrten in den Süden, erst recht aber für den Güterverkehr. Das zeigt sich am Lötschberg, wo der Basistunnel seit 2006 in Betrieb ist. Er wird stärker genutzt als erwartet und hat den Kanton Wallis nachhaltig verändert.

Die Schweiz war nie grössenwahnsinnig beim Bau ihrer Infrastruktur. Projekte brauchen lange – die erste Kommissionssitzung zur Neat fand 1963 statt. Die Schweiz brauchte für die Gotthardbahn also 53 Jahre, China für die ebenso anspruchsvolle Tibetbahn 5 Jahre. Eine Demokratie kann im Gegensatz zu einer Diktatur ein Bauwerk nicht einfach hinklotzen.

Die (Alt) Bundesräte über den Pioniergeist der Schweizer:

Trotzdem möchte man nicht tauschen: Wenn bei uns ein Projekt endlich Wirklichkeit wird, ist es durchdacht und breit verankert. Adolf Ogi, der Vater der Neat, kann deshalb aus voller Kehle ein dreifaches «Freude herrscht» ausrufen,

  • weil die Schweiz Pioniergeist zeigt, der nach ganz Europa ausstrahlt,
  • weil der neue Tunnel den Nord-Süd-Verkehr revolutioniert,
  • weil wir ein Bauwerk geschaffen haben, das über Generationen Bestand haben wird.

Erleben Sie den neuen Gotthard-Basistunnel, bevor er eröffnet wird: