Beiträge aus der Schweiz für Stief- und Pflegekinder im Ausland - eine Grauzone. Die machen sich einige Auslandschweizer zunutze. Und das ärgert Ueli Fankhauser, den einzigen Delegierten der Karibik morgen an der Auslandrats-Sitzung in Bern.

«Die Hälfte haben wir hinter uns», scherzt Fankhauser. Er hat Jahrgang 1954. Also heisst das: Fankhausers Optimismus ist ungebrochen. Das ist bemerkenswert. Denn der Mann hatte viel zu kämpfen, vor allem in der Jugend. Er bezeichnet sich als «einen Antihelden». Das empfinden Leute, denen er geholfen hat, wohl ein wenig anders: Fankhauser geniesst einen guten Ruf in Santo Domingo, wo er lebt. Er wurde uns dort wiederholt als Gesprächspartner empfohlen.

Der «Alt-Sozialdemokrat» nennt als Vorbilder seine Eltern

In diesen Tagen besucht Fankhauser wieder einmal die Schweiz und seine engere Heimat Burgdorf. Anlass ist die Auslandratssitzung der Auslandschweizer (ASO), die heute im Inland stattfindet, in Bern (siehe Box). Wie gewohnt bezahlt Fankhauser die Teilnahme an der Versammlung aus eigener Tasche.

Schweizer Befindlichkeit steht im Vordergrund, auch in Blickweite des kolonialen Palastes Alcazar von Santo Domingo.Alamy

Schweizer Befindlichkeit steht im Vordergrund, auch in Blickweite des kolonialen Palastes Alcazar von Santo Domingo.Alamy

Wir trafen uns neulich mit Fankhauser im Hotel Atarazana in Santo Domingo. Einen Steinwurf entfernt liegt der alte Hafen und das schönste Gebäude der Stadt: der Alcazar, erbaut unter Diego Kolumbus von 1510 bis 1514, vom Sohn des Entdeckers der Neuen Welt. Hier befand sich während sechs Jahrzehnten der Sitz der spanischen Kolonialregierung.

Ueli Fankhauser, verheiratet mit einer Dominikanerin, Vater eines schulpflichtigen Sohnes und einer zweijährigen Tochter (nebst zwei erwachsenen Kindern in der Schweiz), wuchs in einem «alt-sozialdemokratischen» Milieu auf, wie er erzählt.

Sein Vater war Eisenbahner. Vater und Mutter sind seine Vorbilder - bis heute. Der «Geist der alten Sozialdemokratie» grundiere sein ganzes Engagement, in eigener, nicht parteipolitisch gebundener Weise. Fankhauser plädiert dafür, in allen Dingen «fair» zu bleiben. Hilfe für Leute in Not kann er vermitteln, will er auch leisten. Aber er sieht es höchst ungern, wenn soziale Einrichtungen missbraucht, ausgenutzt werden - auch von Schweizern im Ausland. In dem Punkt bezieht Fankhauser deutlich Stellung. Manchmal so, dass ihn auch Leute von der SVP konsultieren, um an Ort und Stelle mehr über Missbräuche des Schweizer Sozialsystems im Ausland zu erfahren, darunter auch National- und Ständeräte.

Nie redet Fankhauser um den Brei herum. Kein Thema, das zu erörtern er Hemmungen hätte. Er leistet keinen Illusionen Vorschub. Er bringt auch krude ungeordnete Dinge vieler Schweizer im Ausland ungeschönt auf den Punkt. Er urteilt hierbei nicht explizit moralisch, wahrt aber jederzeit eine klare Linie, zu der man früher in der Schweiz wohl «anständig» gesagt hätte. Das ist vielleicht Fankhausers höchstes Credo: Man kann in manche Bredouille geraten, aber, sagt er: «Es gibt ein Recht. Daran sollen sich alle halten. Sonst werden auf kurz oder lang die guten sozialen Einrichtungen untergraben.»

Gegen Beiträge aus der Schweiz für Stief- und Pflegekinder

Hat Fankhauser konkrete Beispiele für unlautere Bezüge? Für «unanständiges» Sozialverhalten bei Schweizern im Ausland? «Ich bin komplett dagegen», antwortet Fankhauser, «dass sich Leute wissentlich in eine Grauzone begeben.» Etwa dort, wo Kinderbeiträge aus der Schweiz auch für Stief- und Pflegekinder einkassiert werden. «Ich arbeite daran», sagt Fankhauser, «dass solche Beiträge reduziert werden. Man kann nicht nur nehmen.»

Kritisch wertet Fankhauser des Weiteren die Unart einiger Schweizer, keinerlei Anstrengungen zu unternehmen, um mit Land und Leuten in Verbindung zu treten.
«Sie kommen mit ihren Pensionsgeldern», sagt Fankhauser, «sie kommen des Klimas wegen. Und dann verpulvern sie die Pension in einem Chlapf. Und lernen kein Wort Spanisch. Einige leben mit einer einheimischen Frau zusammen und können sich mit ihr nicht unterhalten. Das wird oft belächelt. Dazu gehören jedoch auch Schweizerinnen, die sich hier jüngere Männer wie Spielboys halten. Da sitzen sie dann alle, unter Palmen in Schweizer Kneipen, nahe an der Brise des Meeres, jassen und fluchen wie die Rohrspatzen über zu viele Ausländer in der Schweiz und die bornierten Dominikaner, zwischen denen sie leben. Nichts mit denen zu tun haben wollen - das ist einfach schwachsinnig.»

Die Möglichkeit, nach eigener Fasson auf- und abzusteigen

Die Nachteile seiner zweiten Heimat, die schwer erträglichen Eigenarten der Einheimischen, verschweigt Fankhauser nicht: «Der eingeimpfte, weitgehend blinde Nationalismus. Der Drogenschmuggel als Landes- und Gesellschaftsseuche. Der Rassismus der Dominikaner gegen ihre Mitbewohner auf der Insel Hispaniola, gegen die Haitianer. Die grauenvolle korrupte Bürokratie.»

Wäre Ueli Fankhauser nicht verheiratet in Santo Domingo - er lebte womöglich woanders. Er hat eine Niederlassung auch für Costa Rica. Er lebte in Guatemala, Uruguay und Argentinien. Vor 19 Jahren verliess er definitiv die Schweiz. Ohne sich fortan über die Bünzlischweiz zu mokieren. Im Gegenteil: «Ich bin eher stärker Patriot als früher. Jeder in der Schweiz hat die Möglichkeit, nach seinen Fähigkeiten aufzusteigen. Aber auch abzusteigen.»

Fankhauser verpasst keine Abstimmung. Er schätzt die Sicherheit des helvetischen Nothafens dank rotem Pass, sollte eines Tages in Santo Domingo alles drunter und drüber gehen. Fankhauser schliesst das nicht aus. Als vorsichtiger, alle Eventualitäten bedenkender Schweizer ist er natürlich vorbereitet: «In fünf Minuten wäre ich reisefertig.»
In Santo Domingo berät Fankhauser Landsleute in jeder Lage. Sei es der enorm komplizierte Papierkram, sei es die manchmal herablassende Behandlung vonseiten des Schweizer Konsulats (das habe sich inzwischen gebessert, sagt er). Seien es Vaterschaftsabklärungen, Scheidungen, Land- oder Immobilienkäufe usw. In der Karibik wird viel gelogen und betrogen - hüben wie drüben. Fankhauser ist kein Anwalt, aber er hat eine verlässliche Anwältin zur Seite. Seine Provisionen sind nie exorbitant, dessen kann man sicher sein. Auf eigene Faust hier etwas «zu reissen», könnte erheblich teurer werden.

Warum steht der soziale Aspekt so sehr im Vordergrund bei ihm? Als Teenager zwang ihn ein Rückenleiden während Jahren an die Betten diverser Spitäler. Fankhauser lief Gefahr, nie mehr gehen zu können. Zur gleichen Zeit, da alle anderen Fussball spielten, Berufe lernten, tanzen gingen, war er der Invalide, an dem das Leben vorbeirauschte. Dank guter Medizin in der Heimat, aber noch mehr durch Fleiss und Zähigkeit kam Fankhauser wieder auf die Beine, buchstäblich. Und stellte sich fortan in den Dienst für IV-Bezüger.

Am Kongress sitzt er zusammen «mit den Lateinamerikanern»

An einem Anlass des Roten Kreuzes lernte er seine erste Frau kennen. Sie arbeitete im «Aarestübli Thun», ein Zentrum für Dienstverweigerer, erzählt Fankhauser. Sie beschlossen, in die Karibik auszuwandern. Erst da begannen die Probleme - Fankhauser gründete eine neue Familie.

Für ein paar Tage reist er jetzt in die Heimat. Um unter anderem dafür zu sorgen, dass «gute soziale Einrichtungen nicht untergraben werden». Die ASO als Plattform schätzt er sehr: «Da hat es gute Leute.» Fankhauser wird wie immer zusammensitzen «mit den Südamerikanern», wie er sagt, Schweizer wie er. Und ein Kollege aus Malta ist auch noch darunter. Er passe halt gut zu ihnen.