Philipp Mäder

Ihre Frau verschleiert das Gesicht, wenn sie auf die Strasse geht. Haben Sie das gewünscht?

Illi: Nein, das hat meine Frau selbst entschieden. Sie erachtet für sich den Gesichtsschleicher aufgrund der islamischen Quellen als verbindlich. Mit dem Schleier kann sie ihre Reize verbergen.

Weshalb muss sie ihre Reize verbergen?

Illi: Das ist so im Islam. Im Koran heisst es: Sie sollen ihre Reize verbergen. Das gilt auch für den Mann. Bei ihm betrifft es die Partie zwischen Knie und Bauchnabel. Bei der Frau ist es der ganze Körper - ausser Hände und Füsse. Beim Gesicht haben die Gelehrten verschiedene Auffassungen.

Was finden Sie? Muss eine gute Muslima ihr Gesicht verschleiern?

Illi: Es kommt auf den Kontext an: Wenn in einem Land alle Frauen das Gesicht verschleiern, ist es sicher gut, wenn eine einzelne nicht aus dem Rahmen fällt. Wenn dies wie in der Schweiz nicht der Fall ist, kann es durchaus eine Option sein, nur ein Kopftuch zu tragen.

Aber das Kopftuch ist Vorschrift.

Illi: Ja sicher. Das ist ein Konsens der Gelehrten. Das Kopftuch ist eine Kultushandlung, nicht nur ein Symbol.

Betonen Sie die Kultushandlung, um einem allfälligen Verbot vorzubeugen?

Illi: Ja, das Kopftuch betrifft somit den Kern der Religionsfreiheit.

Verstösst der Gesichtsschleier nicht gegen die Gleichberechtigung von Mann und Frau?

Illi: Wenn der Mann seine Frau zwingen würde, den Gesichtsschleier zu tragen, hätten wir sicher ein rechtliches Problem. Aber ein Verbot des Gesichtsschleiers würde auch dort nichts bringen. Denn die Männer, die ihre Frauen zum Gesichtsschleier zwingen, würden diese einfach nicht mehr aus der Wohnung lassen. Dann wären diese Frauen zu einer lebenslänglichen Wohnungshaft verurteilt.

Was denken Sie persönlich: Sind Mann und Frau gleichberechtigt?

Illi: Hier in Mitteleuropa bestimmt, das ist keine Frage.

Mich interessiert, was Sie persönlich denken.

Illi: Mann und Frau werden gleicher Art vor den Schöpfer treten und die gleichen Rechte vor dem Schöpfer haben.

Und auf Erden?

Illi: Mann und Frau sind gleichberechtigt. Aber im Islam gibt es eine gewisse Sphärentrennung: Das Private betrifft die Frau, das Ausserhäusliche den Mann. Wenn beide damit einverstanden sind, ist das im Rahmen der Schweizer Rechtsordnung praktikabel. Es wird erst dann zum Problem, wenn die Frau damit nicht einverstanden ist. Dann müssen die beiden zusammen eine Lösung finden.

Geben Sie Frauen die Hand?

Illi: Nein. Ich erkläre das auch immer sofort: Einer Frau die Hand zu geben, ist laut der Prophetentradition verboten.

Weshalb?

Illi: Weil im Islam das Konzept der Trennung der unverheirateten Geschlechter gilt. Deshalb dürfen sich eine fremde Frau und ein fremder Mann nicht die Hand geben.

Aber in Europa ist das üblich.

Illi: Es gibt in der Schweiz auch Menschen, die sich zur Begrüssung Küsschen geben. Andere lehnen das ab. Da braucht es einfach Toleranz gegenüber Muslimen - sei es beim Händeschütteln oder beim Kopftuch.

Sie wehren sich gegen den Vorwurf, der Islamische Zentralrat wolle in der Schweiz eine Parallelgesellschaft etablieren. Gleichzeitig möchten Sie islamische Schulen gründen, weil es sonst nicht möglich sei, Kinder im Glauben zu erziehen.

Illi: Wir wollen damit die Probleme lösen, die mit gemischtgeschlechtlichen Schulen entstehen. Zum Beispiel verbieten manche Schulen nun bei Schülerinnen das Kopftuch. Das läuft auf Desintegration hinaus: Mädchen werden Mühe haben, die Gesellschaft zu akzeptieren, die ihnen das Kopftuch verbietet.

Und islamische Schulen wären hier die Lösung?

Illi: Ja, denn dort können sich diese Mädchen frei nach dem moralischen Kodex bewegen, der auch zu Hause herrscht. Es ist wichtig, dass es zwischen dem moralischen Kodex zu Hause und in der Schule keine Differenz gibt. Oder wo soll ein muslimischer Knabe an der öffentlichen Schule beten? Es gibt dort keine Gebetsräume. In islamischen Schulen hingegen könnten wir die Pausen nach den Gebetszeiten ausrichten und einen Gebetsruf ertönen lassen.