Waffeninitiative
«Der Schiesssport wird so sterben»

Warum sich die Sportler vor der Waffeninitiative fürchten: Ein Besuch im Schiesskeller.

Sarah Weber
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Ein sonniger Wintersonntag in Burgdorf. Doch: Die angereisten Sportschützen interessiert das wenig. Sie wollen in den schummrigen Schiesskeller zum «Shooting Masters» – einem Indoor-Schiesswettkampf. Im Keller, der mehr Luftschutzkeller als Sporthalle ist, stehen im Neonlicht die Schützinnen.

Sie zielen, konzentrieren sich. Frauen? «Ja, im Nachwuchs sogar der grössere Teil», sagt Ivo Hermann vom Schweizer Schiesssportverband. Er kennt die meisten, schüttelt viele Hände. Zwischendurch schaut er auf die Bildschirme neben den Sportlerinnen, wo die aktuelle Punktzahl notiert ist und kommentiert, wer gut dran ist.

Die Schützinnen tragen eine schwere Ausrüstung, die aussieht wie Töffbekleidung. Steif und umständlich. Für mehr Stabilität und Präzision heisst die Begründung. Zudem tragen viele eine Art Scheuklappe, damit beim Zielen das zugekniffene Auge weniger ermüdet. Viel Taktik, Technik, Anstrengung also. Dann wünscht der Wettkampfmeister Glück, die Gewehre gehen hoch und das Geknalle beginnt.

Durch Armeewaffe zum Sport

Die Sportschützen, die Professionellen, die Ungefährlichen. Dennoch bekämpfen sie vehement die Waffenschutz-Initiative. Warum? So schreiben die Initianten doch: Wer eine Waffe braucht und die entsprechenden Fähigkeiten mitbringt, soll sie behalten.

Laut dem Komitee richtet sich die Initiative somit explizit nicht gegen die Sportschützen. Doch davon wollen die Sportler nichts wissen. Weil: Der Initiativtext sei zu wenig präzise, unklar bleibe, wen es genau treffe. Zudem: «Von unseren 175000 Mitgliedern schiessen circa 60 Prozent mit der Ordonnanzwaffe. Ist die im Zeughaus, sehe ich unsere gesamte Sportart gefährdet», erklärt Ivo Hermann vom Schweizer Schiesssportverband. Er sieht das Problem eher bei den illegalen Waffen.

Noch mehr Nachwuchssorgen

An der Schützenlinie, das ist der Sicherheitsabstand zu den Athletinnen, steht im Trainingsanzug der Nationaltrainer der Elite-Gewehrschützen, Wolfram Waibel. Auch er ist kritisch: «Wenn die Ordonnanzwaffen ins Zeughaus verschwinden, haben wir noch mehr Mühe, Nachwuchs zu finden.» Viele Sportschützen kämen durch die Armeewaffe zum Schiessen. So werde der Schiesssport irgendwann sterben. «Ist das denn egal?», fragt er. Obwohl: Nachwuchssorgen sind heute schon aktuell.

«Die Überalterung in den Vereinen ist ein grosses Problem», bestätigt Ivo Hermann vom Schiesssportverband. Wenn es noch weniger Schützen gibt, verschwindet ein Teil der gesellschaftlichen Anlässe in den Gemeinden. «Damit verlieren wir ein Stück Schweizer Tradition», sagt Hermann.

Raser und Feuerwerk gefährlicher

Der Schiesssportwettkampf, ein Sportanlass, der wenig mit dem traditionellen Suppe-mit-Spatz-Essen und geselliger Schützenhaus-Stimmung zu tun hat. Das Publikum, ähnlich unauffällig und gemischt wie bei einem Fussball- oder Handballturnier. Dass hier gefährliche Schützen unterwegs sind – kaum vorstellbar.

Aber die meisten von ihnen haben zu Hause Waffen im Schrank. Was sich Nati-Trainer Waibel deshalb vorstellen kann, dass man kontrolliert, wie die Waffen gelagert sind. Während er erklärt, kommen Sportlerinnen, geben ihm die Hand zur Verabschiedung. «Der Schiesssport hat eine gesellschaftliche Funktion, das darf man den Leuten nicht wegnehmen», so Waibel.

Raser und Feuerwerk gefährlicher

Unterdessen sind die Frauen fertig, verschwitzt besprechen sie die Leistungen untereinander – die Junioren bereiten sich vor. Die 29-jährige Annik Marguet, Elite-Gewehrschützin und Olympia-Anwärterin, sagt zur Initiative: «Die Frauen haben nur Angst davor, weil sie es nicht kennen.» Sie findet Raser oder Feuerwerk viel gefährlicher. Dann bringt auch sie das wohl meistgehörte Argument im Burgdorfer Schützenkeller: Bei einem Verbrechen sei nicht die Waffe entscheidend, sondern das Gewaltpotenzial des Täters.