Analyse

Der Run auf die Parlamente

In seiner Analyse zu Kandidatenrekorden – und was diese mit Politikverdrossenheit zu tun haben schreibt Bundeshaus-Redaktor Sven Altermatt: «Eine Meldung aus Luzern lädt dazu ein, über Lust und Frust auf die Politik nachzudenken.»

An keinem Schlagwort entzünden sich staatspolitische Debatten so zuverlässig wie an diesem: Politikverdrossenheit. Wissenschafter, Journalisten und Politiker selbst arbeiten sich gerne daran ab. Und angesichts dessen, was dabei herauskommt, kann einem ganz schön schwindelig werden. Mit Blick auf die Gemengelage mal steigender und mal sinkender Beteiligungen bei Wahlen und Abstimmungen warnen die einen vor einer «Herrschaft weniger». Alles halb so schlimm, entgegnen die anderen. Der Stimmbürger in der direktdemokratischen Schweiz sei halt einfach ein selektives Wesen, das nur an gewissen Urnengängen teilnehme.

In diesen Tagen lädt eine Meldung aus Luzern von neuem dazu ein, über Lust und Frust auf die Politik nachzudenken: Für die Kantonsratswahlen im März haben sich so viele Kandidaten angemeldet wie noch nie. 802 Luzernerinnen und Luzerner kämpfen um 120 Sitze. Einen Rekordandrang bei den Parlamentswahlen gab es zuletzt auch in anderen Kantonen, so etwa in Bern, Solothurn und im Wallis. Auf nationaler Ebene hat sich die Zahl der Kandidaten innert 40 Jahren mehr als verdoppelt, 2015 bewarben sich über 3800 Personen für einen der 200 Sitze im Nationalrat. Und Parteistrategen rechnen damit, dass der Kandidatenrekord bei den Wahlen im Oktober dieses Jahres erneut geknackt werden könnte. Drei Gründe sind hauptsächlich verantwortlich dafür, dass vielerorts die Zahl der Bewerber steigt:

Mehr Wahlberechtigte. Seit Messbeginn im Jahr 1971 ist die Zahl der Wahlberechtigten im Zuge des allgemeinen Bevölkerungswachstums um über 50 Prozent gestiegen. Die Zunahme der Kandidaten ist also durchaus strukturell geprägt – immer mehr Menschen haben das Recht, zu wählen und eben auch gewählt zu werden. Allein damit lässt sich die Kandidatenflut aber nicht erklären. 2015 kamen nämlich 1481 Wahlberechtigte auf einen Kandidaten, so eine Auswertung der Plattform «Swissinfo», während es 40 Jahre zuvor noch 1918 Wahlberechtigte waren.

Mehr Listen. Neben Kandidatenrekorden vermelden die Kantone munter Listenrekorde. Die grossen Parteien treten flächendeckend mit mehreren Listen an. Das hat taktische Gründe: Minime Unterschiede entscheiden manchmal über den Gewinn oder Verlust eines Sitzes. Zwar holt die grosse Mehrheit der Listen keinen Sitz. Doch die vordergründig verschenkten Stimmen sind oft trotzdem wertvoll. Denn sie können immerhin indirekt zu einem Sitz beitragen, wenn eine Liste Teil einer Listenverbindung ist. Parteiintern werden gerne sogenannte Unterlistenverbindungen geschlossen; die Hauptliste wird etwa mit den Listen von Jungpartei, Seniorensektion und KMU-Vereinigung verknüpft. Für jeden Geschmack etwas dabei, lautet das Motto.

Mehr Wahlkampf. Die Gleichung ist ein Fixpunkt in den Rechenspielen der Parteien: Mehr Kandidaten gleich mehr Wahlkämpfer. Die Wahlkämpfe sind aufwendiger geworden, die Parteien führen eine Art Dauerkampagne und nutzen beispielsweise Volksinitiativen als Werbevehikel. In grösseren Kantonen beginnen die eigentlichen Wahlkämpfe bereits ein halbes Jahr vor dem Urnengang – das Buhlen um Stimmen bindet personelle Ressourcen. Manche sehen die «Listenbolzerei» allerdings kritisch. Gewisse Kandidaten wollten erst gar nicht gewählt werden und seien bloss «saftlose Stimmensammler», kritisierte der Politikberater Mark Balsiger jüngst in einem Interview mit der «Luzerner Zeitung». «Bei ihnen erschöpft sich der Wahlkampf mit der Bereitschaft, den eigenen Namen zur Verfügung zu stellen.»

Tatsächlich sind Zweifel angebracht, ob der Run auf die Parlamente zu einer allgemeinen Demokratiefreude führt. Je mehr Listen, desto mehr Sitze? Dafür finden sich zumindest keine wissenschaftlichen Belege. Ebenso beteiligten sich bei den nationalen Wahlen 2015 trotz der grossen Auswahl an Bewerbern weniger Stimmbürger als vier Jahre zuvor. Selbst in den Kantonen mit Kandidatenrekord waren die Parlamentswahlen kein Strassenfeger; in Bern lag der Wähleranteil im vergangenen Jahr sogar unter 30 Prozent. Trotzdem: Kontraproduktiv sind Listen mit Lückenbüssern ohne echte Chancen oder ernsthafte Ambitionen deswegen noch lange nicht. Im Gegenteil entschärfen sie die vermeintliche Politikverdrossenheit eher; allein schon aus dem simplen Grund, dass es nicht schaden kann, wenn Wählerinnen und Wähler auf ein breites Personaltableau mit Politikern unterschiedlicher Prägung zurückgreifen können.

sven.altermatt@chmedia.ch

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Sven Altermatt

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