Um aus der Deutschschweiz in die Romandie zu reisen, muss man sich ins Auto oder in den Zug setzen. Für einen akustischen Sprung über den Röstigraben reicht jedoch ein Griff ans Radiogerät. Wie unterscheidet sich das Westschweizer Radio RTS von seinem Deutschschweizer Pendant SRF? Im Kontext der «No Billag»-Debatte zählt vorab das Informationsangebot. Also ziehen wir den Ver- gleich anhand der Flaggschiffsendungen: «Echo der Zeit» (SRF) und «Forum» (RTS).

Beide Programme werden an sieben Tage pro Woche und um 18 Uhr gesendet. Beide setzen sich zum Ziel, das politische, wirtschaftliche und kulturelle Geschehen in der Schweiz und im Ausland abzudecken.

Der Eklat? – Live auf Sendung!

Inhaltlich dagegen unterscheiden sich die beiden Sendungen deutlich. Das «Echo» fokussiert stark auf internationale Themen, was dank der weltweit 18 Auslandkorrespondenten überhaupt erst möglich ist. Verabschiedet sich die kolumbianische Farc-Guerilla aus dem Drogenhandel, geht der Südamerika-Korrespondent in den Dschungel. Jener auf dem Balkan besucht junge Menschen in Bosnien-Herzegowina, die gegen die Auswanderungsgelüste ihrer Generation ankämpfen.

Die Journalisten berichten kompetent, hintergründig, sachlich – laufen dabei aber Gefahr, sich allzu weit von den Alltagssorgen ihrer Zuhörer zu bewegen. Die nationale Politik dagegen hat im «Echo» einen schwereren Stand, auch weil mit «Heute Morgen» und «Rendez-vous» zwei weitere Info- Sendungen Schweizer Themen abdecken.

Ebenfalls auffällig: Bei (populären) Geschichten mit Skandalpotenzial zeigt sich das «Echo» überaus zurückhaltend. Als gegen den Walliser CVP-Nationalrat Yannick Buttet die ersten happigen Stalking-Vorwürfe im Raum standen, war dies der Redaktion eine Kurzmeldung wert. Thema der Sendung: Der EU-Afrika-Gipfel.

Ganz anders das «Forum»: Mangels Ressourcen – RTS verfügt nicht über dasselbe Korrespondentennetz – liegt der Schwerpunkt auf nationalen und oft regionalen Themen, was in der kleinräumigen Romandie eher auf Akzeptanz stösst. Um beim Fall Buttet zu bleiben: «Forum» strahlte damals zwei längere, voneinander unabhängige Interviews mit den Nationalrätinnen Céline Amaudruz (SVP/GE) und Lisa Mazzone (Grüne/GE) aus, die einigen Wirbel auslösten. Amaudruz’ Äusserungen («Mit gewissen Leuten steige ich nicht mehr in den Lift») machten schweizweit die Runde. In der Fraktion wurde sie deswegen gar gerügt.

Das Beispiel zeigt die unterschiedliche Machart der beiden Flaggschiffsendungen exemplarisch: «Forum» ist direkter, konfrontativer und damit spontaner. Live-Interviews, manchmal über wacklige Handyverbindungen, sind zentraler Bestandteil, auch die Korrespondenten liefern ihre Einschätzung eher in einem Gespräch mit Moderatoren als im aufwendig konstruierten Beitrag mit Drittstimmen.

Ohnehin, die Moderation: Bei «Forum» führen in aller Regel zwei Journalisten durch die Sendung, die abwechselnd ihre Fragen einwerfen. Sie tun dies auf erstaunlich provokative Art. Die Gesprächspartner müssen jederzeit darauf gefasst sein, dass der Moderator ihnen ins Wort fällt, wenn sie langfädig werden. Oder dass die Frage in anderer Form auch noch ein drittes Mal gestellt wird, wenn sie auszuweichen versuchen.

Die unterschiedliche Machart ist aber auch Ausdruck kultureller und sprachlicher Unterschiede. Dass das «Echo» auf Hochdeutsch gesendet wird, ist dabei nicht unbedeutend – liegt es doch in der Natur der Sache, dass in der Romandie den eingeladenen Gesprächspartnern und auch den Moderatoren in ihrer Muttersprache die Zunge etwas lockerer im Mund liegt als ihren Deutschschweizer Pendants.